Salone del Mobile: Große Bühne für Möbel und Design
Mit mehr als 1.900 Ausstellern aus 32 Ländern bleibt Mailand die zentrale Bühne der Möbelbranche. 2026 verschiebt sich der Fokus jedoch spürbar: weniger Produktneuheiten, mehr inhaltliche Akzente. Der Salone del Mobile entwickelt sich von einer Industrieschau zu einem System aus Positionen und Diskursen. Drei Formate stehen exemplarisch dafür: „Salone Raritas“, die Installation „Aurea“ und der Nachwuchsbereich „SaloneSatellite“. Sie markieren eine Entwicklung, bei der sich die Grenzen zwischen Design, Kunst und Handwerk zunehmend auflösen.
Das leuchtend gelbe Sofa von Kartell inszeniert die neue Wohnlandschaft als farbstarke Bühne.
Zwischen Galerie und Handwerk
Mit dem erstmals präsentierten „Salone Raritas“ reagiert die Messe auf eine sich seit Jahren abzeichnende Entwicklung. Collectible Design etabliert sich als eigenständiges Feld zwischen Galerie, Handwerk und Projektgeschäft. Es geht um die Sammlerleidenschaft und -logik. Was auf Raritas als Einzelstück erscheint, fließt in serielle Kollektionen, Sideboards und Sofas ein – als Reminder, dass jedes Möbel heute ein Stück „Future Heritage“ sein will.
In Halle 9 versammelt das Format 25 Galerien und Studios, darunter Nilufar, Galerie Philia und Side Gallery. Gezeigt werden Unikate, limitierte Editionen und historische Positionen, die weniger als Objekte, vielmehr als kulturelle Aussagen präsentiert werden. Kuratiert von Annalisa Rosso und inszeniert von Formafantasma versteht sich der „Salone Raritas“ als Brücke zwischen Sammlermarkt und Architekturpraxis.
Am Messestand von SICIS trifft ein üppig inszenierter Dining-Room mit floralen Wandbildern und Mosaikdetails auf eine elegante Glas-Tafel.
Im Zentrum steht eine neue Wertlogik: Nicht allein das Unikat entscheidet, sondern Material, Prozess und Haltung. Ein Beispiel dafür ist die Installation „Equinox I“ von Hering Berlin in Zusammenarbeit mit dem österreichischen Künstler Hans Weigand. Ausgangspunkt sind Elemente der Gastlichkeit: Tisch, Teller und Licht. Ihre Funktion wird zurückgenommen, um sie als Träger von Ritual, Erinnerung und Wahrnehmung zu zeigen. Die Elemente sind als Teil eines Gefüges gedacht. Der Gebrauch tritt in den Hintergrund, entscheidend werden Kontext und Bedeutung. Stefanie Hering beschreibt das so: „Collectible Design ist eine Haltung: die Erhebung des Alltäglichen ins Singuläre.“
Künstler Hans Weigand mit Stefanie Hering
Aurea: Räume als Inszenierung
Mit „Aurea – An Architectural Fiction“ schlägt der Salone eine zweite Richtung ein: die Verschmelzung von Design und Szenografie. Die Installation von Maison Numéro 20 inszeniert ein fiktives Hotel als Abfolge atmosphärischer Räume – vom Salon bis zur Bibliothek. Licht, Material und Klang sind zentralen Gestaltungselementen. Luxus erscheint hier nicht als Ausstattung. Für die Bereiche Architektur und Hospitality ist das mehr als ein ästhetisches Statement.
SaloneSatellite: Die nächste Generation
Parallel dazu bleibt der „SaloneSatellite“ ein wichtiger Seismograf der Branche. Rund 700 Designer unter 35 Jahren aus 43 Ländern präsentieren ihre Arbeiten. Unter dem Motto „Skilled Craftsmanship + Innovation“ bewegen sich viele Projekte an der Schnittstelle von Handwerk und Technologie – von experimentellen Materialien bis hin zu zirkulären Konzepten.
Für Designer wie Alexander von Dombois bedeutet die Teilnahme vor allem Sichtbarkeit und Austausch auf internationalem Niveau. „Für mich ist es eine große Chance, meine Arbeiten auf einer internationalen Bühne zu präsentieren und im Zentrum des Designgeschehens zu sein“, sagt er. Besonders prägend sei der Dialog mit potenziellen Herstellern. Auch in seiner Einschätzung zur Rolle des Formats wird die Relevanz deutlich: Der „SaloneSatellite“ fungiert als gezielte Schnittstelle zwischen jungen Studios und der Industrie. Neue Ideen werden in konkrete Möglichkeiten zur Zusammenarbeit überführt. Gerade für Nachwuchsdesignern ist diese Form der Vernetzung entscheidend.
Designer Alexander von Dombois
Trends & Stimmung vor Ort
Folgende Möbeltrends zeichnen sich ab: Leder als neues Material, nicht als Statussymbol, in Form von weich gepolsterten Sofas, Fransen, Umschlägen und Details. Materialien wie Holz und Metall gibt es in der Skala von natürlich und rough bis Hochglanz und veredelt. Cognac ist das neue Greige: Die Farbskala reicht von hellem Apricot über Burnt Orange bis Cognac und Ocker – warme, erdige Töne, die kühle Minimal-Interieurs erden und selbst Hightech-Küchen, Hotel-Lobbies und Bürolandschaften ein fast analoges Leuchten geben. Brutalismus bleibt weiter ein Thema wie der Mix zwischen 1970er und 1990er-Style.
Jürgen Hamberger, Gründer Mezza Maiso, Bureau für Innenarchitektur, Interieur und Design in Wien: „Die Stimmung vor Ort war konzentriert und selektiv. Investiert wird weiterhin, nur anders: in Substanz, handwerkliche Qualität und kuratierte Einzelstücke statt in schnelle Oberflächen. Wer Einrichtung als Teil der Werthaltigkeit versteht, setzt gerade jetzt auf zeitlose Lösungen.“
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