Weg mit dem Ballast: Dieser Trend verändert unser Wohnen
Seit den 1990er-Jahren entwickelt der französische Designer Jean-Marie Massaud international Projekte aus den Bereichen Möbel und Architektur. Sein Fokus: Leichtigkeit, Sinnlichkeit und Verantwortung. Mit Arper arbeitet er schon rund 20 Jahre zusammen, aus dieser Partnerschaft geht auch die neue Sitzmöbelkollektion Aom hervor, die beim Salone del Mobile in Mailand präsentiert wurde. Ein Interview über die Verantwortung von Design und warum weniger tatsächlich mehr sein kann.
KURIER: Ihre Philosophie der Leichtigkeit – woher kommt die?
Jean-Marie Massaud: Leichtigkeit ist für mich nicht nur Ästhetik, sondern Ethik: der Wunsch, das „Gewicht“ auf unseren Planeten und Alltag zu reduzieren. In über dreißig Jahren hat sich meine Arbeit vom Entwurf eleganter Formen hin zu unsichtbaren Systemen entwickelt – vom Objekt zum Erlebnis. Ich entferne alles Unwesentliche, bis Design sich natürlich und mühelos anfühlt.
Was prägt die Zusammenarbeit mit Arper?
Uns verbindet ein gemeinsamer Essentialismus und „Soft Tech“. Entscheidend ist die Weigerung, den Status quo zu akzeptieren. Arper hat den industriellen Mut, radikale Forschung zu betreiben – wie die drei Jahre Entwicklung von Aom zeigen. Gemeinsam denken wir die technische DNA von Möbeln neu.
Ist Aom auch ein Manifest?
Absolut. Ein Manifest für „tugendhaften Radikalismus“. Ohne Klebstoffe, Klammern oder toxische Schäume beweist es: Komfort braucht keine komplexe, schädliche Konstruktion. Das ist ein klares Statement: „Wir können mit weniger mehr erreichen.“ Schönheit sollte die Ehrlichkeit und Recyclingfähigkeit eines Produkts spiegeln. Ethik ist Ästhetik.
Sitzmöbelkollektion Aom im Arper-Showroom in Mailand.
Kann radikale Reduktion Standard werden?
Sie muss es. Die Grenzen sind kulturell, nicht technisch. Die Werkzeuge existieren – es fehlt der Wille zur Neugestaltung der Lieferketten. Mehr Aufwand in der Entwicklung vereinfacht alles andere. Die einzige Grenze ist unsere Vorstellungskraft.
Komfort versus Verantwortung – ein Widerspruch?
Nein, eine Partnerschaft. Verantwortung schafft einen neuen Luxus – den „Luxus des Gewissens“.
Welche Entwicklungen treiben Sie an?
Wir bewegen uns von Status zu Wohlbefinden, von Besitz zu Flexibilität. Möbel sollen mit dem Leben mitgehen und lange bestehen. Mich interessiert, wie radikale Nachhaltigkeit unsichtbar wird – wie sich Wunsch und Verantwortung vereinen lassen.
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