Ikea: Wo Billy eigentlich zu Hause ist

Wer meint, dass das bekannteste Bücherregal der Welt aus Schweden kommt, wird vor den Toren Wiens eines Besseren belehrt.

Die Stadteinfahrt von Trnava passt in unser Bild vom trostlosen Osten. Im Regen wirkt alles noch um eine Nuance dunkler. Auf der Straße Schwerverkehr, gleich daneben ein riesiges Industriegebiet. Neben der Garage für die städtischen Autobusse und der PSA-Autofabrik taucht an einer weiteren Einfahrt der Schriftzug Swedwood auf. Manches Weltbild gerät hier aus den Fugen: So wie die Autos, die in Trnava produziert werden, längst keine exklusiv in Frankreich gebauten „Franzosen“ mehr sind, werden auch die Komponenten für das weltweit bekannte Billy-Regal schon lange nicht mehr in Schweden gefertigt. Billy, kein Schwede, mehr ein Slowake? Noch mehr eine Slowakin! Viera Juzová, quasi Miss Billy, erklärt uns an einer Fertigungslinie, wo es bei billigen Bücherregalen lang geht. Die erfahrene Maschinenbauerin arbeitet seit vielen Jahren für Swedwood, (das ist die Industriegruppe des Möbelkonzerns). Auch der Name Swedwood führt in die Irre. Das Holz und die Holzspäne für die Billy-Regale, muss Frau Juzová zugeben, stammt nicht aus Schweden, auch nicht zur Gänze aus der Slowakei. Sondern meist aus jenen Wäldern, deren Holz auf dem Weltmarkt gerade am billigsten gehandelt wird. Wer meint, wir wären dank Globalisierung auf dem Holzweg, darf sich damit trösten, dass zumindest die Billy-Regal-Bretter vor den Toren Wiens erzeugt werden. Ebenso wie Garderobenschranktüren, Bürotischplatten und Kastenelemente viel verkaufter Serien. Die Spanplatten werden im Swedwood-Werk in Malacky, nur zehn Kilometer östlich vom Grenzort Dürnkrut, erzeugt. Die filigranen, 0,55 mm dünnen Furniere im ebenso nahen Majcichov. Platten und Furniere werden dann in Trnava zusammengepresst, zugeschnitten, lackiert und verpackt. Ein Kapitel für sich sind die Furniere: Holzexpertin Juzová erklärt stolz, dass im Furnierwerk so gut wie kein anfällt, dass alle Abfälle wieder verwertet werden. Das klingt gut. Doch dann wird sie gefragt, woher all das Eichen-, Birken-, Buchen- und Eschenholz für die Furniere her kommt. Viele Länder zählt sie auf. Halb Europa. Die waldreiche Slowakei nennt sie dabei nicht. In der Billy-Produktion sind neben den fitten Robotern, Schneide- und Pressmaschinen noch noch relativ viele Menschen zugange. Der slowakischen IKEA Family geht es jedoch nicht so gut wie der schwedischen: Milan, der im Werk „Spartan“ in Trnava mit Billy arbeitet, geht ohne Überstunden mit weniger als 500 € pro Monat heim.
(kurier) Erstellt am
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