© Deleted - 1264584

Wirtschaft
05/09/2012

Griechischer Sirtaki am Rande des Abgrunds

Ohne Regierung keine weiteren Sparmaßnahmen, ohne Sparkurs keine Finanzhilfe: Griechenland ist kurz vor dem Bankrott.

Noch gibt Peter Brezinschek, Chefanalyst der Raiffeisen Bank International (RBI), die Möglichkeit, dass Griechenland pleite geht und den Euro verlässt, mit 50:50 an. Noch. „Je näher der Juni rückt, desto mehr steigt die Wahrscheinlichkeit.“

Wieder einmal steht Griechenland also vor einem Herzschlag-Finish. Bis Ende Juni braucht das Land 30 Milliarden Euro. Bedingung dafür, dass Europartner und Internationaler Währungsfonds das Geld locker machen, ist allerdings, dass sich das Athener Parlament zu weiteren Sparmaßnahmen im Umfang von elf Milliarden Euro durchringt. Ohne existierende Koalition ist das nicht machbar.

Die mögliche Konsequenz: Die Geldgeber haben endgültig genug und drehen den Geldhahn zu. Griechenland kann sich vielleicht noch ein paar Wochen oder wenige Monate durch die Ausgabe kurz laufender Staatsanleihen über Wasser halten. Doch dann ist Schluss. Das Land wäre bankrott und müsste die Rückzahlung seiner Staatsschulden einstellen.

Das würde viele treffen, auch die Steuerzahler im Euroraum, darunter natürlich auch die österreichischen. Denn Euro-Partner und IWF müssten jene 73 Milliarden Euro, die sie im Rahmen des ersten Hilfspakets an Griechenland verborgt haben, wohl in den Wind schreiben.

Drachme neu

Griechenland raus aus dem Euro, die Drachme einführen, diese abwerten und so das Drama überwinden. Der Vorschlag einiger Ökonomen klingt einleuchtend. Tatsächlich würde sich die Katastrophe jedoch weiter vergrößern. Die (wenigen) Vorteile einer abgewerteten Drachme: Urlaub in Griechenland würde viel billiger. Das könnte mehr Touristen anlocken und die Wirtschaft stärken. Auch Exportware würde deutlich günstiger, was die Nachfrage im Ausland schüren würde. Kritiker merken allerdings an, dass Griechenland nur wenig von dem produziert, was im Ausland gefragt ist.

Die stärker wiegenden Nachteile der Drachme: Sämtliche Importe würden viel teurer werden. Die ohnehin geplagte Bevölkerung könnte sich noch viel weniger leisten als jetzt. Die Inflation würde enorm anziehen.

Eisern sparen müsste Griechenland auch ohne von außen verordneten Sparkurs. Denn es würde sich kaum jemand finden, der dem Land Geld borgt. Die Steuereinnahmen müssten für die Staatsausgaben reichen. Das ist in einem Land, das heuer bereits das fünfte Jahr in der Rezession steckt, nahezu unmöglich. Nach einem Abrutschen der Wirtschaftsleistung um 6,8 Prozent im Vorjahr wird es heuer voraussichtlich um 5,8 Prozent nach unten gehen.

Pest oder Cholera

Dem Land jetzt weiter helfen, denn alles andere würde noch viel teurer für die Eurozone kommen, wird oft gewarnt. Tatsache ist, dass das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Eurozone massiv erschüttert wäre, wenn Griechenland die Währungsunion verlässt. Große Sorgenkinder wie Spanien und Italien hätten dann damit zu kämpfen, dass sie sich nur zu viel höheren Zinsen als jetzt neu verschulden könnten. Diesen Dominoeffekt will die Politik mit allen Mitteln verhindern. Der Euro-Rettungsfonds ist zu klein, um Spanien und Italien aufzufangen. Die beiden Staaten sind immerhin die viert- und drittgrößten Wirtschaftsnationen der Eurozone.

Die griechische Schulden-Medaille hat aber eine Kehrseite, von der auch Österreich profitiert. Investoren, die Staatsanleihen kaufen, setzen in der Schuldenkrise auf sichere Häfen, zu denen auch Österreich zählt. Für die Sicherheit, ihr Geld pünktlich zurückzubekommen, geben sich die Anleger mit tieferen Zinsen zufrieden. Die Republik muss daher weniger Zinsen zahlen, um an frisches Geld zu kommen. RBI-Ökonom Brezinschek schätzt, dass sich Österreich dadurch heuer einen dreistelligen Millionenbetrag erspart.

"Der Euroausstieg passiert nicht"

Als EU-Kommissionspräsident (1999–2004) hat Romano Prodi im Jahr 2002 die Euro-Einführung mitverantwortet. Der Wirtschaftswissenschafter und zweimalige italienische Ministerpräsident (1996–1998 und 2006–2008) war am Dienstag auf Einladung des CIFE (Internationales Zentrum für Europäische Bildung) in Wien. Er sprach mit dem KURIER über die Lage der EU vor dem Hintergrund der Wahl in Griechenland.

KURIER: Ist Griechenland unregierbar?
Romano Prodi: Griechenland ist in einer tiefen Krise. Die Situation ist wirklich schwierig. Aber es ist zu früh zu sagen, dass keine Regierung möglich ist, aber dass der Erste (Samaras, Anm.) am ersten Tag aufgeben musste, ist ein schlechtes Signal.

Sind wir am Höhepunkt der Eurokrise?
Europa hat sich immer durch Krisen entwickelt. Keiner hat Interesse an einem Ende des Euro. Auch Deutschland würde nicht gut dastehen. Der Wechselkurs wäre viel zu hoch, sie würden nichts mehr exportieren. Wir müssen den Euro verteidigen. Sonst können wir nicht mit China und den USA mithalten.

Ist es eine realistische Option, dass Athen aus dem Euro aussteigt?
Nein. Naja, theoretisch schon. Griechenland macht nur zwei Prozent des europäischen BIP aus. Aber wenn Griechenland aussteigt, folgen Portugal, Irland, Spanien, Italien. Das wird nicht passieren.

Was raten Sie der EU jetzt?
Die deutsche Doktrin zum ausgeglichenen Haushalt ist schon korrekt. Ein so großes Defizit wie wir es hatten, geht nicht. Wir brauchen eine gemeinsame Taktik. Das geht nur mit einer funktionierenden gemeinsamen Währung. Sonst ist Europa verloren.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.