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Wirtschaft
05/05/2012

Griechenland: "Die Krise hat auch was Gutes"

Die schwere Wirtschaftskrise – sie bringt manchen Griechen nicht nur Not und Wut, sondern auch Chancen.

Die Ideen sprudeln nur so heraus aus Pavlos Evmorfidis – einem der erfolgreichsten Unternehmer, die Griechenland derzeit zu bieten hat.

Krise? Nicht in seinem Konzern C­oco-Mat, der mit etwa 220 Mitarbeitern im nordgriechischen Xanthi Luxusmatratzen herstellt und in alle Welt liefert. 7000 Euro kostet das edelste Stück – in seiner rezessionsgeplagten Heimat sind sie derzeit kaum abzusetzen, umso mehr in China und den USA.

Kaum ein paar Minuten hält es den quirligen Griechen am Besprechungstisch. Dann springt er mitten im Satz auf und schwärmt schon über sein nächstes Projekt. "Eine Fahrradfabrik! Schließlich liebe ich Rad fahren", strahlt der passionierte Sportler, der schon einmal von Athen bis in die Niederlande radelte und der seinen Mitarbeitern drei Prozent mehr Lohn zahlt, wenn sie mit dem Fahrrad zur Arbeit kommen.

Dass die Griechen nicht gerade als leidenschaftliche Radfahrer gelten, zählt für Evmorfidis als Einwand nicht: "Wenn ich immer darauf gehört hätte, was alles nicht geht, wäre ich heute noch Lehrer." Vor 30 Jahren hat der turbogetriebene Firmengründer mit einer Idee – ein Qualitätsprodukt Made in Greece – begonnen, heute erwirtschaftet sein Unternehmen einen Jahresumsatz von über 60 Millionen Euro.

Aufgewacht

Für die schwere Wirtschaftskrise, die Griechenland die Luft abschnürt, hat der sonst so umgängliche Evmorfidis wenig Verständnis. "Gott sei Dank ist die Krise gekommen", brummt er. "Jetzt sind endlich all die Leute aufgewacht, die seit zehn Jahren Geschäftsideen wälzen, sich aber nie getraut haben. Jetzt ist es so weit."

So wie für Dimitris Vassiliou, der ebenfalls am großen Tisch des Coco-Mat-Gründers Platz genommen hat. Dieser lässt sich schildern, wie sein junger Freund jetzt neu durchstarten möchte: Mit dem Export von griechischen Bio-Lebensmitteln. Keine fünf Minuten dauert es, bis Evmorfidis schon ungeduldig zappelt: "Klar funktioniert das, mach es!"

Noch gibt es in Griechenland zu wenige Unternehmer vom Kaliber eines Evmorfidis. Noch ist auch die wachsende Zahl von Betriebsgründungen zu klein, als dass sie genügend Arbeitsplätze schaffen könnten. Im Gegenteil, die Lage bleibt düster: Mehr als eine Million Griechen (22 Prozent) sind derzeit ohne Arbeit. Weitere 160.000 könnten heuer noch dazukommen, zumal immer mehr Kleinbetriebe, denen im fünften Krisenjahr endgültig die Luft ausgeht, demnächst schließen werden. Nach einem Rückgang von 6,8 Prozent im Vorjahr wird die Wirtschaft auch heuer um mindestens 4,5 Prozent schrumpfen.

Proteststimmen

Bittere Aussichten, die den Parlamentswahlen am Sonntag eine wahre Flut von Proteststimmen bescheren werden. Ultrarechte und extrem linke Parteien könnten gemeinsam bis zu 50 Prozent der Stimmen erhalten. Ihr verbindendes Element ist die radikale Ablehnung der Sparpakete.

"Mit Ausnahme von ein paar Superreichen kämpfen wir jetzt alle", sagt Xenia P­apastavrou. Nach Lohnkürzungen und Abgabenerhöhungen hat die junge Mutter zweier Kinder wie alle Griechen in den vergangenen drei Jahren einen durchschnittlichen Einkommensverlust von 23 Prozent hinnehmen müssen. Doch Wut liegt der studierten Philosophin fern. Vielmehr fragte sie sich angesichts der immer länger werdenden Menschenschlangen vor Athens Suppenküchen: "Wie kann ich helfen?"

Ihre einfache, aber zündende Idee: Diejenigen, die Essen übrig haben, mit denen zusammenbringen, die sich Lebensmittel oft nicht mehr leisten können. "Boroume" ("Wir können") – heißt ihre Website, über die Hotels, Restaurants und Bäckereien ihre überschüssigen Lebensmittel dorthin bringen, wo sie am dringendsten benötigt werden. So groß ist der Ansturm und Bedarf ihrer privaten Initiative mittlerweile geworden, dass die 15 freiwilligen Helfer begonnen haben, auch andere Hilfe zu vermitteln: Arbeitslose Friseurinnen schneiden Pensionisten gratis die Haare. Musiker machen Konzerte in Altersheimen, Studenten geben unentgeltlich Nachhilfe.

Die neue Not in Griechenland hat auch ein Gefühl der Solidarität geweckt. Private Tauschbörsen, Nachbarschaftshilfe, kostenlose Kurse und private Suppenküchen florieren, Ärzte-Gruppen ordinieren unentgeltlich. "Es hat irgendwie auch etwas Gutes, dass wir diese Krise durchleben", sinniert Xenia Papastavrou. "Früher hat jeder für sich gelebt, jetzt müssen wir uns organisieren und überlegen, was Gemeinschaft bedeutet."

Politisches Erdbeben: Wahlen im Zeichen der Wut und des Protestes

Bei den Parlamentswahlen am Sonntag wird kein Stein auf dem anderen bleiben: Die beiden großen Parteien Griechenlands – die konservative Nea Dimokratia und die sozialistische PASOK, die das Land in den vergangenen Jahrzehnten abwechselnd regierten – dürften laut Umfragen bis zu zwei Drittel ihrer Wähler verlieren. Abgestraft werden sie für ihre katastrophale Wirtschaftspolitik ebenso wie für die harten Sparprogramme.

Profitieren werden hingegen alle Parteien, die das von der EU und dem IWF vorgegebene Reformprogramm ablehnen – von extremen Links- bis ultra-rechten Gruppierungen. Alle zusammen könnten sie über 50 Prozent der Stimmen erreichen – was die EU-Hilfe für Griechenland gefährden und das ganz Land in die nächste Krise stürzen würde.

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