Generation "Babyboomer": Länger arbeiten, aber wo?
Für die Pension zu jung, für den Job zu alt: Der demografische Wandel am Arbeitsmarkt hinterlässt zunehmend Spuren in der Arbeitslosenstatistik. In keiner anderen Altersgruppe gibt es derzeit mehr Vorgemerkte als bei den 60-Jährigen mit knapp 10.500. Die Hälfte davon sind Frauen mit einem massiven Anstieg von 46 Prozent. Grund ist Angleichung des Pensionsantrittsalters. Arbeitslose Frauen landen daher beim AMS und nicht in der Pension.
Dabei hat die Angleichung gerade erst begonnen und dauert noch bis 2033. Zugleich kommen die „Babyboomer“-Jahrgänge bei den Männern ins Pensionsalter. AMS und Wifo rechnen daher in den nächsten Jahren bei der Gruppe 60plus mit zweistelligen Zuwächsen und mehr als doppelt so hohen Arbeitslosenquoten (14 bis 15 Prozent) als gesamt. Auf der anderen Seite geht die Jugendarbeitslosigkeit demografiebedingt zurück (siehe Grafik).
Laut Berechnung der Arbeiterkammer müssen bis 2030 rund 115.000 60- bis 64-jährige Arbeitnehmer Beschäftigung finden, damit sie nicht vor der Pension in der Arbeitslosigkeit landen.
Derzeit wechseln 28 Prozent der Frauen und 27 Prozent der Männer nicht direkt vom Erwerbsleben in die Pension, sondern aus der Arbeitslosigkeit. Diese Lücke kostet nach einer Berechnung des Seniorenbundes den Staat jährlich sechs Milliarden Euro, drei Milliarden an Arbeitslosenunterstützung und drei Milliarden an entgangenen Einnahmen. Experten mahnen daher dringend zu weiteren Maßnahmen zur Bekämpfung der Altersarbeitslosigkeit.
Felbermayr: Betriebe gefordert
„Jede Person, die wir in Beschäftigung bringen, entlastet den Staat mehrfach“, sagt Wifo-Direktor Gabriel Felbermayr und fordert „Begleitmaßnahmen, damit die Menschen auch tatsächlich länger arbeiten können.“ Und die Unternehmen müssten Menschen mit höherem Alter auch beschäftigen und entsprechende Arbeitsbedingungen schaffen. „Es ist klar, dass man mit 65 nicht am Dach herumturnen soll“, nennt Felbermayr ein Beispiel.
Eingliederungsbeihilfen durch die kürzlich vorgestellte Aktion 55plus vom AMS würden da nicht ausreichen. Felbermayr fordert auch gesundheitliche Maßnahmen ein, Österreich hätte ein Problem mit übergewichtigen Jugendlichen. Da sei es fraglich, ob die bis 67 oder 68 Jahre im Erwerbsleben bleiben könnten.
Anderl: Bonus-Malus-System für gerechten Ausgleich
Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl sieht ebenfalls die Betriebe gefordert, mehr Ältere einzustellen, statt sie knapp vor der Pensionierung abzubauen. So würden drei von zehn mittleren und größeren Betriebe gar keine 60- bis 64-Jährigen beschäftigen. Anderl fordert daher einmal mehr die Einführung eines Bonus-Malus-Systems.
„Betriebe, die ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, sollen unterstützt werden, jene, die sich dieser Verantwortung entziehen und keine älteren Mitarbeiter beschäftigen, einen Ausgleichsbetrag leisten“, so Anderl.
IV will gesetzliches Antrittsalter erhöhen
Die Industriellenvereinigung sieht im Bonus-Malus-System eine bürokratische Zusatzbelastung sowie die Pönalisierung der ohnedies unter hohem Druck stehenden Betriebe. Die Regierung soll stattdessen die "Türen in die Frühpension" schließen und die Altersgrenzen "demografischen Realitäten" anpassen, zumal die Anhebung des Frauenpensionsalters schon jetzt sehr positive Effekte zeige, hieß es in einer Aussendung. Die Wirtschaftskammer fordert einen Mix aus wirksamen Arbeitsmarktinstrumenten und Prävention und lehnt ein Bonus-Malus-System ebenfalls ab.
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