Lagarde: Pandemie großer Schock für die Wirtschaft

EZB-Chefin Christine Lagarde geht von einem tiefgreifenden Wandel der Weltwirtschaft im Zuge der Corona-Krise aus.

© APA - Austria Presse Agentur

Wirtschaft
07/04/2020

EZB-Chefin erwartet tiefen wirtschaftlichen Wandel

Den Konflikt mit dem deutschen Bundesverfassungsgericht hält Christine Lagarde für beigelegt.

Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, geht von einem tiefgreifenden Wandel der Weltwirtschaft im Zuge der Coronakrise aus. "Das, was wir gerade erlebt haben, wird die Transformation beschleunigen und wahrscheinlich zu einem Wandel hin zu einer nachhaltigeren und ökologischeren Lebensweise führen", sagte die Französin am Samstag bei einer Veranstaltung in Paris.

Europa befinde sich dahingehend in einer sehr guten Ausgangslage. Die Krise "wird die in unseren Volkswirtschaften bereits unterschwellig präsenten Veränderungen beschleunigen", sagte Lagarde.

Digitalisierungsschub

Als Beispiel nannte sie das Arbeiten von zu Hause, das viele Firmen wegen den Ausgangsbeschränkungen aufgrund der Pandemie zwangsweise einführen mussten. Dies werde die Digitalisierung im Dienstleistungssektor und die Automatisierung in der Industrie vorantreiben.

Zudem habe sich während der Ausgangssperren vielerorts der Online-Handel stark entwickelt. Diese Entwicklung werde sich "zum Nachteil des traditionellen Handels" weiter fortsetzen, sagte Lagarde.

"Europa befindet sich einer exzellenten Position, um diesen Übergang in die Hand zu nehmen", sagte sie weiter. Der Kontinent sei bereits führend bei ökologischen und nachhaltigen Innovationen und der Euro sei die erste Währung gewesen, die zur Emission von grünen Anleihen verwendet wurde. Dennoch müsse mehr getan und etwa "ein wirtschaftspolitischer Rahmen geschaffen werden, um die notwendigen Investitionen zu mobilisieren".

Konflikt mit Karlsruhe beigelegt

Den Konflikt mit dem deutschen Bundesverfassungsgericht über das billionenschwere Anleihenkaufprogramm der Notenbank hält Lagarde für beigelegt. Die deutschen Behörden hätten auf intelligente und elegante Weise eine Lösung gefunden, sagte sie am Samstag auf einer Online-Diskussionsrunde des Wirtschaftsforums Rencontres Economiques d"Aix-en-Provence laut Übersetzung.

"Wir bei der EZB haben diese Vorgehensweise unterstützt." Die Notenbank habe sich bei ihren geldpolitischen Entscheidungen immer schon an den Kriterien der Verhältnismäßigkeit orientiert. Lagarde bekräftigte zudem, dass die EZB der Gerichtsbarkeit des Europäischen Gerichtshofs unterliege und nicht den Verfassungsgerichten der Mitgliedsländer.

Das Bundesverfassungsgericht hatte im Mai das "PSPP" genannte Anleihen-Kaufprogramm der EZB als teilweise verfassungswidrig eingestuft und gefordert, dass die Währungshüter innerhalb von drei Monaten die Verhältnismäßigkeit der Käufe nachweisen müssen. Ansonsten sei es der Bundesbank untersagt, nach einer Übergangsfrist an den Käufen teilzunehmen.

Der EZB-Rat hat inzwischen Dokumente für die deutsche Bundesregierung und den Bundestag freigegeben, die die Verhältnismäßigkeit der Käufe belegen sollen. Nach deren Prüfung hält der deutsche Finanzminister Olaf Scholz den Konflikt mit Karlsruhe für gelöst. Auch der Bundestag fasste inzwischen mit deutlicher Mehrheit einen Beschluss, mit denen die Dokumente der EZB gewürdigt wurden. Damit sind auch aus Sicht des Bundestags die Forderungen der Karlsruher Richter erfüllt.