Christine Lagarde

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Wirtschaft
09/17/2019

Europaparlament stimmte für Lagarde als EZB-Präsidentin

In Straßburg fiel die Entscheidung für die Französin Christine Lagarde. Eine Abkehr von Draghis Politik ist nicht zu erwarten.

Das Europaparlament in Straßburg hat sich für die Nominierung von Christine Lagarde als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) ausgesprochen. In einer geheimen Abstimmung votierten 394 Abgeordnete für die Nominierung der Französin. 206 Abgeordnete sprachen sich gegen die Bestellung der früheren Chefin des Internationalen Währungsfonds aus, 49 enthielten sich der Stimme.

Lagarde war in ihrem Leben schon oft die Nummer eins: Erste Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF), erste französische Wirtschaftsministerin, erste Chefin der renommierten Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Zur Krönung ihrer Karriere wird die 63-jährige Französin nun die erste Präsidentin der Europäischen Zentralbank.

Ihr eilt ein exzellenter, aber nicht tadelloser Ruf voraus.

Merkel und Macron voll des Lobes

Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war zum Abschluss des EU-Gipfels Anfang Juli, als Lagarde für den Posten in Frankfurt am Main nominiert wurde, voll des Lobes: Die Französin verfüge über "viel Erfahrung und Wissen" und werde alles tun, "dass es dem Euro gut geht".

„Madame Lagarde hat alle Kompetenzen und Qualitäten, die zur Leitung der EZB nötig sind", betonte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der laut Diplomaten das Frauen-Doppel mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) an der EU-Kommissionsspitze und Lagarde bei der EZB vorgeschlagen hatte.

Von der Anwaltskanzlei in den IWF

"Zu wissen, wie man Decken durchbricht, ist wichtig", hat Lagarde einmal mit Blick auf die unsichtbaren Glasdecken gesagt, an die Frauen oft stoßen. "Zähne zusammenbeißen und lächeln" - dieses Motto hat ihr schon als 15-Jährige ihr Trainer bei der französischen Nationalmannschaft im Synchronschwimmen eingeimpft.

Nach ihrem Aufstieg in der US-Anwaltskanzlei Baker McKenzie ging Lagarde 2005 in die Politik, zunächst als Außenhandels-Staatssekretärin in Frankreich. Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy beförderte sie 2007 zur Wirtschafts- und Finanzministerin, als erste Frau auf dem mächtigen Posten. 2011 wurde sie Generaldirektorin des IWF in Washington.

Dort machte sie sich einen Ruf als Vorzeigechefin und gewiefte Taktikerin. In ihre Zeit in Washington fiel etwa das Drama um Griechenland: Die Griechen sollten endlich ihre Steuern zahlen, verlangte die stets elegant gekleidete Frau mit den Silberhaaren 2012. Zugleich warb sie für einen Schuldenschnitt.

Lagardes Rolle in Argentiniens Schuldenkrise

Eher unrühmlich ist allerdings die Rolle des IWF unter ihrer Führung in der argentinischen Schuldenkrise. Vergangenes Jahr gewährte der Fonds dem kriselnden Staat eine Rekordhilfe von 57 Mrd. Dollar (51,4 Mrd. Euro) - mit mäßigem Erfolg. Steigende Staatsschulden und Hyperinflation machen Argentinien weiter schwer zu schaffen. Im Juni gestand Lagarde ein, der IWF habe die Situation in dem südamerikanischen Land "unterschätzt".

In Paris vor Gericht

Und ein weiterer Fleck verunziert ihren Lebenslauf: Im Dezember 2016 sprach sie ein Pariser Gericht schuldig, weil sie als Finanzministerin fahrlässig zur Veruntreuung französischer Staatsgelder in Höhe von 400 Mio. Euro beigetragen hatte. Das Gericht verzichtete in dem Fall um den Verkauf von Adidas durch den Geschäftsmann Bernard Tapie allerdings auf eine Strafe.

Keine neue Politik zu erwarten

Wenn Lagarde im November für acht Jahre die EZB-Leitung von dem Italiener Mario Draghi übernimmt, ist sie die erste Chefin, die zuvor keine nationale Zentralbank leitete. Eine radikale Kehrtwende zu Draghis Geldpolitik ist nicht zu erwarten. In einer Anhörung im Wirtschaftsausschuss des EU-Parlaments machte sie deutlich, die ultralockere Zinspolitik ihres Vorgängers fortführen zu wollen.

Wirtschaftsexperten befürchten mittelfristig großen Schaden für Sparer. Das Echo im Parlamentsausschuss auf Lagardes Auftritt war jedoch mehrheitlich positiv, auch weil sie eine stärkere Ausrichtung auf eine grüne Finanzpolitik sowie eine verständlichere Kommunikation der EZB-Politik in Aussicht stellte.