Es sei "fahrlässig", wenn das weitere Wasserkraft-Potenzial in Österreich nicht mehr ausgenützt werden könne, so Anzengruber.

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E-Wirtschaft
09/11/2014

Aufschub für neue Kraftwerke wegen tiefer Strompreise

Anzengruber will Aus für Ökostrom-Förderung. Branche halbierte Wasserkraft-Investitionen.

Wegen der anhaltend niedrigen Strom-Großhandelspreise und der günstigen CO2-Zertifikate sind Investitionen in neue Kraftwerke so unrentabel, dass sie immer öfter aufgeschoben werden und sich praktisch halbiert haben. Dabei könnte man ab 2018/20 wieder Neuanlagen brauchen, falls sich die Strompreise bis dahin erholen. Ob Neuanlagen dann aber wirklich rentabel sind, sei offen, sagt die Branche.

Schuld am Investitionsstau in der E-Wirtschaft sei die Politik, die ein System der Planwirtschaft anstelle der Marktwirtschaft zulasse - Stichwort Ökostrom-Förderung -, kritisierte der Präsident von Oesterreichs Energie, Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber, am Donnerstag. Alle subventionierten Technologien müssten in den Markt geführt und die Förderung herausgenommen sowie die Energiepolitik in Europa synchronisiert werden, nicht von Brüssel aus, sondern zwischen den Nationalstaaten, speziell am gemeinsamen Strommarkt Deutschland-Österreich, forderte er vor Journalisten. Auch "Kostenwahrheit" gehöre dazu, denn Atom- und Kohlestrom werde in Europa massiv gefördert.

"Fahrlässig"

Es sei "fahrlässig", wenn das weitere Wasserkraft-Potenzial in Österreich nicht mehr ausgenützt werden könne, obwohl das für die Netze und die Versorgungssicherheit elementar wäre, so Anzengruber. Die Politik müsse einmal entscheiden und klarstellen, ob man tiefe oder hohe CO2-Preise, eine Plan- oder Marktwirtschaft oder mehr oder weniger Energieabhängigkeit haben wolle. Wegen der großen Ökostrom-Mengen aus Norddeutschland sei Österreich saldiert schon mit 41 Prozent von Stromlieferungen aus dem Ausland abhängig, "die Abwanderung hat hier also schon stattgefunden". Auch hier sollte der Außenhandel ausgeglichen sein, indem etwa Deutschland mehr Grundlast liefere und Österreich mehr Regelenergie, "aber es darf nicht immer in eine Richtung laufen".

Kritik: Strom für Konsumenten nicht billiger

Die Strom-Großhandelspreise seien aktuell mit 30 bis 32 Euro pro Megawattstunde (MWh) etwa halb so hoch wie noch 2008 mit damals über 60 Euro/MWh. Dennoch sei Elektrizität für die Konsumenten durch Abgaben- und Steuererhöhungen nicht billiger geworden, kritisierte Anzengruber: "Insbesondere der Privatkunde merkt nichts."

Auch die billigen Emissionsrechte seien kein Investitionsanreiz für eine CO2-arme Stromproduktion: Derzeit würden die Zertifikate sechs Euro pro Tonne CO2 kosten, vor 2008 seien es mehr als 30 Euro/t gewesen. Als neues CO2-Ziel der EU für 2030 würde man minus 40 Prozent begrüßen, aber nur bei Ausgleichsmaßnahmen oder Ausnahmen für die energieintensive Industrie, so die Generalsekretärin von Oesterreichs Energie, Barbara Schmidt.

Kaum größere Wasserkraftwerke

2014 gehe in Österreich kein einziges größeres Wasserkraftwerk in Betrieb, beklagte der Präsident des Branchenverbandes Oesterreichs Energie. Auch 2015 dürften weniger als 100 GWh Wasserkraft-Erzeugung dazukommen - beim Verbund selbst nur das Pumpspeicherwerk Reißeck II in Kärnten, das Ausgleichs- und Regelenergie liefere und keinen zusätzlichen Strom. Beim 400 Mio. Euro teuren Reißeck II würden 90 Prozent der Wertschöpfung in Österreich bleiben, 30 Prozent allein in Kärnten, so Anzengruber. Der Verbund habe seine jährlichen Kraftwerksinvestments im Schnitt um 70 Prozent zurückgefahren. In der E-Wirtschaft gesamt seien diese Investitionen halbiert worden, sagte Schmidt.

Laut Oesterreichs Energie haben die Mitgliedsunternehmen aktuell Wasserkraftprojekte mit einer Gesamtleistung von 4.507 Megawatt (MW) in Bau, Genehmigung oder Planung. Die geplante Erzeugung aus diesen Anlage liege mit 3.935 Gigawattstunden (GWh) jährlich zwar mengenmäßig genau in der Größenordnung der heimischen Energiestrategie, aber nicht im Zeitrahmen. Der Investitionsstau bei Wasserkraft führe dazu, dass die E-Wirtschaft 2015 erstmals mehr Kapazitäten bei Windkraft und Photovoltaik neu in Betrieb nehmen werde als bei Wasserkraft: Nach aktuellem Stand werde der Wind- und PV-Zubau rund 400 MW betragen, die zusätzliche geförderte Erzeugung 800 GWh.

Werden Ziele der Energiestrategie erreicht?

Mit der Verzögerung vieler Wasserkraft-Projekte zumindest bis 2017 oder 2018 würden die Ziele der Energiestrategie, bis 2020 die Stromproduktion aus Wasserkraft um vier Mrd. kWh (4.000 GWh oder 4 TWh) zu steigern, nicht mehr erreicht werden können, befürchtet Anzengruber: "Wenn sich nicht sehr rasch etwas ändert, ist ein Aufholen unmöglich."

Gericht verbot Schließung von Kraftwerk südlich von Graz

Der Verbund darf entgegen seiner Planung das mit Öl befeuerte Fernheizkraftwerk Neudorf/Werndorf II südlich Graz nicht schließen. Die Energie Steiermark AG hat bei Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt, bestätige ein Sprecher einen Bericht der "Kleinen Zeitung" (Donnerstagausgabe). Hintergrund ist eine mögliche Gefährdung der Grazer Fernwärmeversorgung, falls das Kraftwerk geschlossen würde.

Die Entscheidung des Bezirksgerichts Graz-West war rasch gefallen, die Energie Steiermark hatte nämlich erst Anfang des Monats die Causa eingebracht. Mit der einstweiligen Verfügung vom 5. September werde die Verbund Thermal Power verpflichtet, in der Heizsaison 2014/15 zusätzlich zum Steinkohle-Kraftwerk Mellach ein weiteres Kraftwerk als Ausfalls-Reserve betriebsbereit zu halten, um die Fernwärme-Versorgung des Großraumes Graz nicht zu gefährden, so Energie Steiermark-Sprecher Urs Harnik. Laut dem Zeitungsbericht soll es in den vergangen Jahren an 40 Tagen zu Lieferausfällen bei Fernwärme gekommen sein.

Der Verbund hat mit der Energie Steiermark AG einen bis 2020 laufenden Liefervertrag. Aufgrund der "sehr hohen Wahrscheinlichkeit von Ausfällen des Fernheizkraftwerkes Mellach" müsse eine ausreichende Notfall-Reserve vorgehalten werden, um gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden der Kunden abzuwenden, hieß es in der Verfügung.

Fernwärme: Versorgungsengpässe "ausgeschlossen"

Energie-Steiermark-Unternehmensprecher Harnik: "Mit diesem Beschluss wurde unserer Forderung nach Sicherheit für die Fernwärme-Kunden im Großraum Graz Rechnung getragen. Auch wenn die rechtliche Auseinandersetzung zwischen dem steirischen Landesenergieunternehmen und dem Verbund wohl noch andauern wird, sind mit dem jetzigen Beschluss Versorgungsengpässe im Bereich Fernwärme für Graz auszuschließen". Gespräche zwischen den beiden Unternehmen waren zuletzt ergebnislos geblieben. Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber wollte am Donnerstagvormittag bei einem Pressegespräch in Wien die einstweilige Verfügung noch nicht kommentieren, ehe er den Beschluss nicht im Detail kenne.

Das in der Grazer Puchstraße zur Verfügung stehende Fernheizkraftwerk könne bei einem Ausfall der Verbund-Fernwärmelieferung aus den Werken südlich von Graz niemals die ganze Versorgung sicherstellen, so Harnik zur APA: "Das Kraftwerk dient allein schon aus Kapazitätsgründen nur zur Abdeckung von Spitzenzeiten." Der Verbund sei aufgrund der geltenden Verträge verpflichtet, eine Fernwärmelieferung im Ausmaß von 230 MW auch im Fall von Störfällen zu garantieren. Eine ausschließlich auf dem Steinkohlekraftwerk Mellach basierende Fernwärmeproduktion ohne ausreichende alternative Reserve- und Ausfallskapazitäten könne nicht akzeptiert werden, so die Energie Steiermark. Die einstweilige Verfügung - sie verpflichtet den Verbund dazu, neben dem Steinkohlekraftwerk ein weiteres von 15. September bis 15. Mai betriebsbereit zu halten - kann zwar beeinsprucht werden, hat aber keine aufschiebende Wirkung, hieß es im Zeitungsbericht.

Der Verbund hatte Mitte Mai dieses Jahr beschlossen, unter anderem das neue Gas-Kombikraftwerk im südsteirischen Mellach vorübergehend einzumotten. Endgültig geschlossen werden sollten der Verbund-Steinkohle-Block im niederösterreichischen Dürnrohr sowie das ölbefeuerte Fernheizkraftwerk Neudorf/Werndorf II in der Südsteiermark.

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