Wirtschaft
05.12.2011

Dreiste Kupferdiebe ärgern die Bahn

900.000 Euro Schaden verursachten Kupferkabeldiebe den ÖBB 2011. Die Bahn reagiert mit einer Großoffensive.

Vier Mann hoch ist die Gruppe, die sich die Gleise von Wien Meidling südwärts vorarbeitet. "Man muss ganz genau hinsehen, denn man erkennt die fehlenden Kabel nicht gleich", sagt einer der Männer in den orangen ÖBB-Warnwesten und zeigt auf den Strommasten an den Gleisen. "Sehen Sie, hier unten, da sollte eigentlich das Erdungskabel sein."

Zu sehen ist nichts, denn das Erdungskabel ist längst gestohlen. Wie so viele der fünf Meter langen Kabel, die von jedem Strommasten zu den Gleisen führen, wurde auch dieses klammheimlich abmontiert und mitgenommen. 776.000 Euro Schaden verursachten die Kupferkabeldiebstähle den ÖBB 2010. Alleine bis Juni 2011 betrug der Schaden 900.000 Euro.

Zugleich werden die Diebe immer dreister: Vergangene Woche haben Unbekannte ein ganzes Kupferdach samt Dachrinnen von einem ÖBB-Gebäude in Salzburg Stadt gestohlen. Doch auch Kirchendächer, Gedenktafeln und Freiluftskulpturen geraten zunehmend ins Visier der Diebe.

"Seit die Metallpreise auf Rekordniveau liegen, haben die Diebstähle überhand genommen. Schwankungen beim Kupferkurs spüren wir sofort", sagt Hermann Schmidt von der ÖBB-Konzernsicherheit zu dem Verhältnis von Rohstoffmarkt und Verbrechen. Ein besonders betroffenes "Tatgebiet" wäre das Schienennetz der ÖBB. Da die Gleise kaum kontrolliert werden und sie mit dem Auto gut erreichbar sind, verschwinden dort fast täglich Erdungskabel.

Gegenoffensive

Geht es nach den ÖBB, soll damit aber bald Schluss sein. "Wir reagieren mit einem ganzen Paket an Maßnahmen gegen die Diebe", sagt Hermann Schmidt.
So ziehen die Arbeiter in den orangen Jacken nicht einfach nur neue Kupferkabel in den Mast: Statt Kupfer setzen die ÖBB auf Aluminium, das wesentlich billiger ist und Dieben daher keinen Anreiz bieten soll.

Teuer bleibt die Umrüstung trotzdem: Da Aluminium nicht so gut leitet wie Kupfer, brauchen die Kabel einen größeren Durchmesser und dafür müssen spezielle Halterungen in die Schienen gebohrt werden.

Doch auch was an Kupfer noch vorhanden ist, will sich die Eisenbahn künftig nicht einfach aus den Gleisen und von den Dächern ziehen lassen: Bei jedem Kupferkabel bleiben die Arbeiter stehen und bringen mit Spraydose n sogenannte Mikropunkte auf dem gesamten Kabel auf. Für die Diebe bleibt die aufgetragene Schicht unsichtbar - Polizisten können dank der Markierung das Kabel unter UV-Licht allerdings eindeutig seinem Besitzer zuordnen.

Mastbrand

Besonders entlang der Gleise Richtung Wiener Neustadt, Korneuburg und im Tullner Bereich verlegen die Arbeiter die neuen Kabel und sichern die alten. Was passiert, wenn sie ein fehlendes Kabel übersehen, erklärt Schmidt: "Wenn es zu einer Überspannung kommt und die Erdung fehlt, kann im Extremfall der Mast abbrennen. Auf einem Foto von einem Mastbrand sieht man sogar noch den Raben, der das ausgelöst hat." Für Bahnfahrer bestehe aber auch bei fehlender Erdung keine Gefahr: "Wenn der Mast tatsächlich zu brennen beginnt, fließt auch kein Strom mehr - und dann bleibt der Zug ohnehin stehen."

Das Image der Bahn leidet trotzdem: Denn wenn ein Zug wegen der Reparaturarbeiten verspätet ankommt oder ausfällt, wissen die Kunden meist gar nicht die eigentliche Ursache.
Die Verspätungen sollen die Aluminiumkabel künftig reduzieren. Zumindest solange sie nicht gestohlen werden. Denn auch der Aluminiumpreis ist gestiegen - seit Anfang 2009 um 78 Prozent.