Wirtschaft
03.09.2018

Digitalisierung: „Es geht nicht um Job-Einsparung“

Metro-Mittwochsgesellschaft: Wie kann Europa bei der Digitalisierung aufholen? Und was ist „the next big thing“?

„Uns werden in den nächsten Jahren in Europa Millionen Beschäftigte fehlen“, prophezeit der deutsche Digitalwissenschaftler Dieter Spath. Selbst, wenn es gelinge, alle Reserven zu mobilisieren, könne man nur ein Viertel dieser Lücke füllen. Die Folgen sind vielfältig: mehr Produktivitätsdruck, mehr Automatisierung. Das war eines der Themen beim „Mittwochsgespräch des Handels, Edition Alpbach“. Ein gemeinsamer Talk mit dem KURIER auf der Alm. Vor eindrucksvoller Bergkulisse ging man der Frage nach: Wie wird Digitalisierung die Arbeitswelt verändern?

Metro-Österreich-Chef Arno Wohlfahrter nannte das Begreifen digitaler Geschäftsmodelle als „die größte Herausforderung in Europa“. Es gehe gar nicht darum, Arbeitsplätze einzusparen – darüber waren sich die Diskussionsteilnehmer einig. Im Gegenteil: „Es geht vielmehr darum, die menschliche Arbeitskraft nicht für Routineaufgaben einzusetzen, sondern dort, wo Einfühlungsvermögen oder Kreativität wichtig sind“, so Dieter Spath, der das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation leitet. Die Menschen müssten aber erst auf diese Veränderung vorbereitet werden. Besonders wichtig sei daher die Qualifizierung und Weiterbildung.

Duale Ausbildung

Für den Handel sieht Wohlfahrter beispielsweise die Herausforderung eines Lehrbildes, das Koch, Handel und Digitalisierung vereint. Allgemein brauche es besonders Fachkräfte in den Bereichen Mechatronik, Automatisierungstechnik und IT. „Es ist unglaublich schwierig, gute Softwareentwickler zu finden. Wenn wir nicht anfangen, bei diesen Skills anzusetzen, dann bleiben wir als diejenigen übrig, die nur die Maschinen zusammenschrauben“, sagte Peter Bosek, Privatkunden-Vorstand der Erste Group.

Beobachten lässt sich außerdem eine Veränderung des Verhältnisses von Arbeit und Leben, wie Hansjörg Tutner, Geschäftsführer des Automobilkonzerns Magna Steyr, betonte: „Das Nine-to-five-Modell des abgegrenzten Arbeitens verschwindet immer mehr. Unternehmen müssen daher neue arbeitsorganisatorische Wege finden.“ Förderung der Flexibilität und Eigenverantwortlichkeit bedeuten eine neue Kultur, auch auf Führungsebene. Spath: „Es kommen junge Menschen mit neuer digitaler Kompetenz nach. Man muss sich überlegen: Wie schaffen wir es, die Etablierten mit der jungen Mannschaft zusammenzubringen, damit eine Wechselwirkung entstehen kann?“ Trotz der neuen digitalen Möglichkeiten werden strukturierte direkte Kommunikation und Vertrauen der Schlüssel zum Erfolg sein, ist Tutner überzeugt. Unter „Smart Factory“ versteht er keine Revolution, sondern eine Evolution.

Kundenverhalten

Neben den Arbeitsmodellen verändert sich auch das Kundenverhalten – angetrieben durch große Tech-Unternehmen wie Amazon. Bosek plädierte erneut für mehr Innovationswillen: „China und die USA sind Europa in Sachen Digitalisierung Lichtjahre voraus. Dort wird entwickelt und wir produzieren noch Dinge.“ Europa laufe Gefahr, „Weltmuseum für Technik und Fortschritt aus dem letzten Jahrhundert“ zu werden.

Spath ist optimistischer. Außerdem sollte man vor lauter Digitalisierung nicht andere, ebenfalls zukunftsentscheidende Technologien übersehen: Biotechnologie sei „the next big thing“.

Ein wichtiger Punkt kam ganz zuletzt: Wie können alle Menschen auf dem Erdball von der Digitalisierung profitieren – auch wenn sie arm sind? Teilhabe müsse daher auch im Digitalisierungsprozess diskutiert werden.