Das weltweit erste Hybrid-Auto

Das zweite Leben für den Lohner-Porsche: Der Oldtimer-Experte Hubert Drescher baute eine Replica des ersten, im Jahr 1900 gebauten Hybrid-Autos.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeichnete sich ab, dass das Zeitalter der von Pferden gezogenen Kutschen allmählich zu Ende ging. Im Mittelpunkt des Interesses: das erst gut ein Jahrzehnt zuvor erfundene Automobil. Als am 14. April 1900 die Weltausstellung in Paris eröffnet wurde, stand nicht nur der Semper Vivus ("immer lebendig") im Rampenlicht, es war auch der Wettstreit zwischen Dampf-, Elektro- und Benzinantrieb noch voll im Gang – und völlig ungewiss, welcher Antrieb sich durchsetzen würde. Paris war übrigens kein zufällig gewählter Ort für die Show, existierte doch ausschließlich in Frankreich ein – allerdings winzig kleiner – Absatzmarkt für Autos. In Österreich und Deutschland waren motorbetriebene Kraftfahrzeuge noch absolute Rarität, deren Besitzer sich mit großer Ablehnung bis hin zur Feindlichkeit konfrontiert sahen. Weil die zu dieser Zeit üblichen Autos mit E-Antrieb unter enormen Gewichtsproblemen litten, machte sich im Herbst 1900 Ferdinand Porsche (1875–1951) für die Lohner-Werke in Wien-Floridsdorf an die Arbeit zu einem ersten Prototypen mit (benzin-elektrischem) Mischantrieb. Dazu kombinierte er elektrische Radnabenmotoren mit einem Verbrennungsmotor, der keinerlei mechanische Verbindung zu einer Antriebsachse hatte. Stattdessen trieb dieser einen Generator an, der sowohl die Radnabenmotoren als auch die Akkus mit Elektrizität versorgte. Als Voll-Hybrid war der Semper Vivus zudem in der Lage, auch größere Distanzen elektrisch zu fahren bis der Verbrennungsmotor als Ladestation – heute würde man Range Extender dazu sagen – wieder Strom liefern musste.

Im Bild: Pionier und Technik-Genie: Ferdinand Porsche. Keine Baupläne: 2007 ereilte den Oldtimer-Experten Hubert Drescher seitens Porsche der Auftrag, eine Replica des Semper Vivus auf die Räder zu stellen. Drescher hatte keine Ahnung,
worauf er sich da einließ: Weil Porsche offensichtlich kein großer Freund von Aufzeichnungen war, existierten weder Pläne noch Bauanweisungen oder Konstruktionsdetails. Auch das Porsche-Archiv in Stuttgart erwies sich als nur mäßig sprudelnde Informationsquelle. Gut 2000 Arbeitsstunden und mindestens so viele Male am Rande des Nervenzusammenbruchs später war Dreschers Werk Ende 2010 vollendet. Die lange Blut-, Schweiß- und Tränenzeit indes hat sich ausgezahlt: Der Semper Vivus, der damals wie heute ohne mechanische Reibungsverluste und deshalb mit einem traumhaften Wirkungsgrad von 83 Prozent arbeitet, ist das neue Aushängeschild im Stuttgarter Porsche-Museum – und unbezahlbar: Arbeitszeit, Recherche-Reisen und all die aufwendigen Nachbauten zusammengerechnet, schätzt Drescher den Wert des bis ins letzte Detail originalgetreu aufgebauten Oldies auf rund 650.000 Euro.
(kurier) Erstellt am
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