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© Audi

Wirtschaft
11/30/2020

Audi will Fahrern bald Steuer aus der Hand nehmen

Tochterfirma Artemis plant hoch automatisiertes Fahren ab 2024 - Chefentwickler plant Aufholjagd auf Tesla.

Im Rennen mit Tesla treibt der AnfĂŒhrer der neuen Elite-Entwicklungseinheit bei Audi den Volkswagen-Konzern zur Eile. Bereits in vier Jahren sollen Fahrer des von der Audi-Tochter Artemis geplanten Spitzenmodells in Europa streckenweise das Steuer abgeben können, wie Artemis-Chef Alex Hitzinger in einem am Montag veröffentlichten Interview der Nachrichtenagentur Reuters sagte.

"Wir streben hoch automatisiertes Fahren an", erlĂ€uterte der frĂŒhere Formel-1-Ingenieur. Auf der Branchenskala, die von Stufe null fĂŒr Autos ohne Fahrassistenten bis Stufe fĂŒnf fĂŒr autonom fahrende Wagen reicht, plane Audi deutliche Fortschritte. "Auf ausgewiesenen Autobahnabschnitten wollen wir Level vier anbieten. Ich rechne damit, dass wir das 2024 in Europa auf den Markt bringen können." Nach der Branchendefinition können Autos dieser Stufe selbst dann sicher fahren und anhalten, wenn der Fahrer auf Warnsignale nicht reagiert.

In Deutschland sind bisher nur Autos der Stufe zwei verbreitet, in denen Fahrer zwar von umfassenden Fahrassistenten unterstĂŒtzt werden, aber selbst permanent die Kontrolle behalten. Die Stufe drei, bei der der Fahrer lediglich zum Eingreifen bereit sein muss, lassen die Hersteller gegenwĂ€rtig von ausgebildeten Testfahrern im Straßenverkehr erproben. Derartige Autos will Mercedes-Benz im kommenden Jahr auf den Markt bringen. Solange der Fahrer das Steuer aus der Hand gibt, sollen aber selbst diese Wagen maximal 60 Stundenkilometer schnell fahren können.

In den USA, wo die Gesetze weniger streng sind als in Europa, bieten die Branchenpioniere Tesla und Waymo, eine Schwesterfirma von Google, in einzelnen Regionen höhere Automatisierungsstufen an - bis hin zu sogenannten Robotaxis, mit denen Passagiere völlig ohne Fahrer ans Ziel kommen. So weit will Audi noch nicht gehen, zumal in Europa noch ethische und rechtliche Fragen ungeklÀrt sind, etwa zur Verantwortung bei UnfÀllen. "Wir fangen nicht mit dem Robotaxi im Stadtverkehr an, sondern wir kommen vom Level zwei plus und tasten uns sukzessive hoch", sagte Hitzinger.

Nach dem Willen des neuen Audi-Chefs und Volkswagen-Entwicklungsvorstands Markus Duesmann soll Hitzingers Eliteteam dafĂŒr sorgen, dass Europas grĂ¶ĂŸter Autokonzern seinen technologischen RĂŒckstand gegenĂŒber dem jungen Rivalen Tesla wettmacht. Die neue Konzerntochter, die nach der griechischen Jagdgöttin Artemis benannt ist, soll in einer Rekordzeit von vier Jahren ein neues Vorzeigemodell fĂŒr den Volkswagen-Konzern entwickeln. Das geplante Audi-Elektroauto trĂ€gt Branchenkreisen zufolge den Arbeitstitel "Landjet". Obwohl Artemis sich auf die von Audi und Porsche entwickelte PPE-Elektroplattform stĂŒtzt, ist Porsche zunĂ€chst außen vor, wie Hitzinger sagte. "Aber das zweite Modell wird ein Porsche sein."

WĂ€hrend allein am Volkswagen-Konzernsitz in Wolfsburg 10.000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung arbeiten, baut Hitzinger eine kleine, schlagkrĂ€ftige Einheit mit kurzen Entscheidungswegen auf. "Artemis hat den großen Vorteil, dass wir keine Vergangenheit mitschleppen und transformieren mĂŒssen. Den Vorteil hat Tesla ja auch", sagte Hitzinger. "In der Artemis GmbH sollen am Ende 200 bis 250 Kollegen arbeiten", erlĂ€uterte der 49 Jahre alte Ingenieur, der frĂŒher Formel-1-Motoren unter anderem fĂŒr Porsche baute und spĂ€ter bei Apple autonome Fahrzeuge entwickelte. Die neue Tochterfirma werde neben ihrer Zentrale am Audi-Stammsitz in Ingolstadt auch eine Niederlassung in MĂŒnchen haben.

"Wir planen ein Gesamtkonzept, das Aerodynamik, Ă€ußeres Design und einen effizienten Elektroantrieb kombiniert", sagte Hitzinger. Er plant eine Arbeitsteilung zwischen seinen Leuten, der neuen Volkswagen-Organisation fĂŒr Softwareentwicklung und den ĂŒbrigen Konzernbereichen. "Die Artemis GmbH fokussiert sich auf Spitzentechnologien. Wir entwickeln neue Methoden und neue Instrumente, mit denen wir schneller und gĂŒnstiger produzieren können", sagte der Manager. "Wir wollen nicht das machen, was Audi schon sehr gut kann. Bei Artemis brauche ich keine Karosserie-Konstrukteure", erlĂ€uterte Hitzinger. "Die traditionellen Autohersteller haben sicherlich in einigen Bereichen Defizite. Sie haben aber auch definitiv ihre StĂ€rken. Sie sind zum Beispiel sehr gut in der Produktion großer StĂŒckzahlen."

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