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Wirtschaft atmedia
07/09/2012

Streit um Roma-Cover: Magazin reagiert

Gegen die "Weltwoche" gingen mehrere Anzeigen wegen Verhetzung an, weil die Zürcher Zeitschrift ein bewaffnetes Roma-Kind zeigte. Dort versteht man die Empörung nicht.

Das Bild eines Roma-Kindes mit Waffe auf der Titelseite der Schweizer Weltwoche hat Empörung und heftige Reaktionen ausgelöst. In der Schweiz, in Österreich sowie offenbar auch in Deutschland sind Anzeigen gegen das Schweizer Wochenmagazin eingegangen. Einer der Kläger ist der österreichische Journalist Klaus Kamolz. Die Redaktion der Weltwoche zeigte für die Empörung am Osterwochenende kein Verständnis.

   Der in Wien lebende gebürtige Villacher will mit der Anzeige ein "symbolisches Zeichen" gegen die in seinen Augen durch die Weltwoche betriebene "Pauschalverurteilung der Roma als Verbrecher" setzen. Dies sagte er am Samstag auf Anfrage der Schweizer Nachrichtenagentur SDA. Der 48-Jährige will auch, dass die österreichischen Behörden von sich aus aktiv werden, handle es sich doch beim Tatbestand der Verhetzung nach österreichischem Recht um ein "Offizialdelikt".


Foto aus Zusammenhang gerissen

   Wie Kamolz am Samstag gegenüber der APA erklärt hatte, ist im vorliegenden Fall insbesondere Absatz 2 des Paragrafen 283 ("Verhetzung") relevant, der eine "für eine breite Öffentlichkeit wahrnehmbare" Verhetzung, Beschimpfung oder Verächtlichmachung betrifft.

   Auf der Titelseite der am Donnerstag erschienen Ausgabe der Weltwoche ist ein kleiner Bub abgebildet, der eine Waffe in die Kamera hält. Unter dem Foto steht: "Die Roma kommen: Raubzüge durch die Schweiz". Das Foto stammt vom italienischen Fotografen Livio Mancini. Es wurde 2008 auf einer Mülldeponie am Rande der kosovarischen Stadt Gjakova aufgenommen, wo Roma-Kinder mit ihren Familien leben und die giftige Abfallhalde als Spielplatz nutzen, wie Mancini mitteilte.

   Er sei in zahlreichen Mails auf die Verwendung seines Fotos durch die Weltwoche aufmerksam gemacht worden, schrieb Mancini der SDA. Er lasse die Bilderserie aus dem Kosovo über eine Agentur vertreiben und habe weder persönlichen Kontakt mit dem Magazin gehabt noch die Kontrolle darüber, in welchem Kontext die Aufnahme verwendet werde.

   "Ein kleines Roma-Kind, das noch nie in der Schweiz war, nie in der Schweiz sein wird, von dem man dreieinhalb Jahre später nicht einmal weiß, ob es noch lebt, dieses Roma-Kind richtet seine Waffe auf die Schweiz?". Mit diesen Worten empörte sich Kamolz am Samstag gegenüber der APA. "Das ist das Grindigste überhaupt. Das ist der wahre Journalist Köppel."

    Die Kombination von Titel und Bild war es auch, die eine im Kanton Baselland wohnhafte Frau dazu bewogen hatte, Anzeige gegen die Weltwoche zu erstatten. Sie sehe die Anti-Rassismus-Strafnorm, Artikel 261 des Eidgenössischen Strafgesetzbuches, verletzt, sagte die Klägerin auf SDA-Anfrage.

   Auf dem Internet-Kurznachrichtendienst Twitter war am Samstag außerdem die Meldung verbreitet worden, wonach auch in Deutschland eine Klage im Zusammenhang mit der aktuellen Ausgabe der "Weltwoche" eingereicht worden sei.

   Die Jungen Grünen in der Schweiz bezeichneten das Titelbild in einem offenen Brief an Weltwoche-Chefredaktor Roger Köppel als "völlig daneben". Mit dem Bild solle suggeriert werden, dass "alle Romas kriminell und asozial" seien. "Das ist verletzend und erniedrigend", so das Fazit der Jungpartei.

   Auch der Schweizer Medienrechtsexperte Peter Studer störte sich an der Botschaft des Fotos. "Es ist ein unerhörtes Bild" mit "rassistischen Zügen", sagte Studer am Samstag gegenüber "Radio 1". Ansonsten sei der Bericht aber "sehr gut dokumentiert".

   Die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus (EKR) wird sich laut ihrer Präsidentin Martine Brunschwig Graf noch mit dem Weltwoche-Bericht befassen. Brunschwig Graf bestätigte einen entsprechenden Bericht in der Zeitung "Der Sonntag" und fügte an, die Roma bildeten ein Schwerpunktthema für die EKR in diesem Jahr.

Co-Autor versteht Aufregung nicht

Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der Weltwoche und Co-Autor des Hauptartikels, kann die Empörung über das Bild nicht nachvollziehen, wie er auf Anfrage schriftlich mitteilte. Die Aufnahme symbolisiere "den Umstand, dass Roma-Banden ihre Kinder für kriminelle Zwecke missbrauchen", so Gut.

   Der eigentliche Skandal sei, dass sich keiner der "Empörten" gegen diesen Missbrauch ausgesprochen habe. Zum Inhalt schrieb Gut, dieser brächte ein "gravierendes Problem ernsthaft und differenziert zur Sprache". Die Recherchen würden auf "Zahlen und Fakten der Behörden sowie von Roma-Organisationen selber beruhen".

   Die Weltwoche war bis August 2001 unter Chefredakteur Fredy Gsteiger linksliberal positioniert gewesen, ehe dieser von Roger Köppel abgelöst wurde. Köppel (46) führte das Wochenmagazin seither mit einer fast vollständig neuen Redaktions-Mannschaft auf einen wirtschaftsliberalen und betont rechtskonservativen Kurs.

   Am gestrigen Ostersonntag, 8. April, wurde der "Internationale Tag der Roma" begangen. Er erinnert an den ersten weltweiten Roma-Kongress am 8. April 1971 in London, bei dem die "Romani Union" als internationale Vertretungsorganisation der Volksgruppe gegründet wurde.

   Auch 31 Jahre danach ist die Situation der bis zu zwölf Millionen Roma in Europa weiterhin desolat: Nach Angaben der EU-Agentur für Menschenrechte gehören Roma zu den am meisten von Armut, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus betroffenen Gruppen in Europa.

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