Die Flüchtlingstragödie auf der A4

© Kurier/Juerg Christandl

Medien
08/30/2015

Bilder des Flüchtlings-Grauens via Facebook

Leichenfotos auch in den neuen Medien - Kritik an Krone und NEOS-Chef Strolz, der zum "Hinschauen" animieren wollte - Karim El-Gawhary aus "Wut und Verzweiflung"

von Georg Leyrer

Auf einige österreichische Facebook-Benutzer wartete beim ersten Einloggen am Samstagmorgen ein Schock:

Mehrere Bilder toter Kinder tauchten unvermittelt am Bildschirm auf: Ertrunkene Flüchtlingskinder, unverpixelt und in aller Deutlichkeit. Es sind grauenhafte Bilder, Bilder, die man nicht vermeiden konnte und vor denen man nicht gewarnt wurde.

Gepostet vom NEOS-Parteichef Matthias Strolz.

"Schauen wir hin, nicht weg", schrieb Strolz über sein Posting. "Solange wir als Gesellschaft wegschauen und die Wirklichkeit verdrängen, so lange werden wir zu keinen Lösungen kommen."

Die Reaktionen sind heftig. Hunderte Kommentare hatte Strolz gesammelt.

"Widerlich, ekelhaft, unwählbar" etwa. Oder: "Meine Stimme ist weg", schrieb ein Benutzer an Strolz. Aber auch: "Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar."

El-Gawhary

Auch der als ORF-Korrespondent österreichweit bekannte Karim El-Gawhary hat auf seiner Facebookseite eines der Kinder-Fotos veröffentlicht, und auf die folgende Kritik mit einem nachdenklichen Text geantwortet. Die Bilder "nicht zu posten hat mir ebenso viel Unbehagen bereitet, wie sie zu posten. Ja, das Bild ist pietät- und geschmacklos, aber unsere Zeiten sind es auch", schrieb er."Ich möchte mich bei allen entschuldigen, deren Gefühle ich mit diesem Foto verletzt habe. Ich habe es auch aus einer Wut und Verzweiflung herausgetan, über eine Politik, deren Konsequenzen dieses Bild vor Augen führt. ... Lasst uns eine Situation schaffen, in der wir solche Fotos nicht mehr sehen müssen - nicht weil wir sie nicht veröffentlichen, sondern weil das Fotomotiv nicht mehr existiert."

Die Kronen Zeitung hatte zuvor heftige Kritik geerntet: Sie hatte am Freitag einen Schnappschuss ins Innere jenes LKW abgedruckt, in dem 71 Tote Flüchtlinge gefunden wurden, ebenfalls unverpixelt. "Würdeloser und widerwärtiger Boulevardjournalismus", hielt die Initative Qualität im Journalismus dazu fest. Beim Österreichischen Presserat waren mehr als 30 Beschwerden eingegangen. Auch die deutsche BILD-Zeitung druckte tags darauf das von der Krone gekaufte Foto ab. Als "Foto der Schande" ging es auch online, eingebettet in eine Collage zu einem Aufruf zur Flüchtlingshilfe.

Die Polizei hat inzwischen Kontakt zur Staatsanwaltschaft aufgenommen, um zu klären, wie dieses Foto an die Krone kam.

Auch wenn diese Frage geklärt werden kann – andere werden offen bleiben.

Insbesondere auch die Frage, wie man damit umgeht, dass solche Bilder des Grauens auf den Sozialen Medien unvermeidbar sind. Denn wer keine verantwortungslosen Boulevardmedien konsumiert, konnte sich bis vor kurzer Zeit noch relativ sicher sein, keine derart grauenhaften Aufnahmen zu sehen.

Automatisch

Jetzt aber, und das war zuletzt auch beim Journalistenmord vor laufender Kamera in den USA heftig diskutiert, gibt es diese letzte Schranke des selber Entscheidens nicht mehr: Leichenfotos laufen in die Facebook-Timeline, ob man will oder nicht. Auch Videos fangen automatisch zu spielen an; bevor man reagieren kann, hat man einen Mord oder tote Flüchtlinge gesehen. Das ist eine gänzlich neue Situation – und eine Herausforderung: Denn selbst, wer im übertragenen Sinne nicht wegschaut, muss solche Bilder nicht sehen wollen.

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