Kurt Schuller bei der Arbeit in der Schulgasse 32.

© Scharfetter

Style
09/24/2014

"26-Zentimeter-Absätze sind nichts Außergewöhnliches"

Schuhmacher Kurt Schuller über Galanterie-Schuhe, Krokodilleder und schräge Sonderwünsche.

Die Suche nach einem Damenschuhmacher in Wien ist eine Herausforderung. Einer der wenigen, die dieses Handwerk beherrschen, ist Kurt Schuller. Schon sein Großvater stellte Damenschuhe her, die in der Fachsprache Galanterie-Schuhe genannt werden. Als Schuller die Möglichkeiten und Weiterentwicklungen in diesem Handwerk erkannte, folgte er am Ende dem Wunsch seines Vaters. Seine Vision war elegante, aber passende Schuhe auf moderner Basis zu machen. Heute entsteht der gesamte Schuh – außer dem Leisten – in der eigenen Werkstatt, auf umweltfreundlicher Basis. Umweltverträgliche Klebstoffe, österreichisches Leder, österreichische Qualität, österreichische Händler, österreichische Gerbereien, darauf legt Kurt Schuller in seinem Schuhsalon im 18. Bezirk wert.

KURIER: Es gibt in Wien vermutlich nur drei Schuhmacher, die auch Damenschuhe herstellen, wieso?

Kurt Schuller: Den meisten fehlt es an Erfahrung. Außerdem steckt im Damenschuh nicht gerade das große Geld. Während man für Herrenmodelle bis zu 3800 Euro verlangen kann, geht das bei den Frauen nicht. Damenschuhe sind sehr von der Mode abhängig. Einmal rund, einmal spitz, einmal flach, einmal hoch, einmal rot und dann wieder grün, das wechselt so schnell, da kann man nicht so viel Geld verlangen.

Wieso ist es so schwer einen Galanterie-Schuh zu machen?

Er wird anders hergestellt als ein Herrenschuh. Man verwendet andere Materialien und andere Leisten. Außerdem ist die Technik auf sehr hohem Niveau - angefangen bei der Leistentechnik bis zur Oberteiltechnik.

Welches andere Material?

Nicht nur das Oberleder ist dünner, sondern auch das Futterleder. Damen schwitzen nicht so viel, da muss das Futterleder nicht so extrem säurebeständig sein. Außerdem ist der Schuh auf einer ganz dünnen Lederbrandsohle aufgebaut. Das Gelenksstück beim Absatz ist meistens eine Eisen- oder Stahlfeder. Wir verwenden hier aber leichtere Materialien wie Glasfaser. Eine Fersenversteifung schützt die Ferse. Die Kappe sorgt für die Form. Auch die Ledersohle ist sehr dünn und speziell gegerbt. Das ganze Leder muss sehr dünn und weich sein, weil es beim Damenschuh keine Schnürungen gibt. Ein Schuh, 99,9 Prozent aus Leder, atmungsaktiv, säurebeständig.

AChtung nicht honorarfrei

Achtung nicht honorarfrei

Achtung nicht honorarfrei

Achtung nicht honorarfrei

Achtung nicht honorarfrei

Achtung nicht honorarfrei

AChtung nicht honorarfrei

Achtung nicht honorarfrei

Sie sprechen von atmungsaktiv - sind Löcher in den Schuhen dafür also nicht ausreichend?

(lacht) Nur die Löcher bei den so genannten Superschuhen reichen nicht. Leder ist atmungsaktiv und saugt - im Gegensatz zu synthetischem Futter - die Feuchtigkeit vom Fuß weg. Durch diese Löcher kann zwar Luft zu den Füßen, das Wasser kann aber nicht weggehen.

Welches Leder verwenden Sie?

Kein Kalb, da lege ich sehr viel Wert darauf. Kleine Tiere müssen nicht für die Schuhe sterben. Das äußerste sind Mastkälber, deren Hauptnahrung Grünfutter ist - die sind bedeutend größer. Alle Rinder kommen aber auf jeden Fall aus Österreich und das Leder wurde hier gegerbt. Aber auch Leder von Rentieren aus Nordeuropa kommt zum Einsatz. Das ist sehr weich. Känguru verwenden wir für sehr, sehr dünne Schuhe. Natürlich noch Bison, Ziege, Pferd, Strauß und Krokodil sowie Schlange. Das genügt eigentlich.

Woher kommt das Krokodil- und Schlangenleder?

Das Krokodilleder kommt aus Südamerika von einer Farm, die wir selbst besichtigt haben und wo wir sehr zufrieden sind, wie die Tiere dort gehalten werden. Ein solches Leben würde man jedem Haustier wünschen. Die Schlange kommt aus den USA, ist aber nicht sehr gefragt. Die Wasserschlange kommt aus Thailand, von einer der größten und tierfreundlichsten Farmen der Welt. Aus China, Kambodscha oder Vietnam will ich nichts haben und auch nichts mit ihnen zu tun haben.

Kann man auch mit einem eigenen Leder kommen?

Nein, aus einem einfachen Grund: Man weiß nie, wie oder wo das gegerbt worden ist. Es kommt schon öfter vor, dass jemand zum Beispiel mit einem Krokodil da stand. Einverstanden war ich aber nie, außer bei einer Stammkundin von mir, die ich sehr gut kenne. Sie hat das Krokodil selbst geschossen und alle Zertifikate und Papiere. Einmal hatte ich einen Kunden, der hat einen Panther geschossen und ist damit in einem Sack gekommen. Da waren noch Fleischreste dran und so weiter. Die Leute können mir gerne spezielle Wünsche mitteilen, aber irgendwo hört sich der Spaß auf. Auch Elefantenrüssel und Flusspferd lehne ich ab.

Was für Sonderwünsche sind möglich?

Möglich ist fast alles. Aber man kann jetzt nicht einen breiten Fuß in einen schmalen Schuh hineinzwängen, zumindest nicht lange. Ihr Fuß gibt die Maße und die Zeichnung vor. Ich kann bei den Damenschuhen natürlich nach der Mode gehen. Eins zu eins sind sie aber nicht zu kopieren. Bis zu einer gewissen Höhe kann man aber Einlagen einbauen, die man nicht sieht.

Der verrücktester Sonderwunsch, mit dem Sie je konfrontiert waren?

Ein Mann, der bei der Hochzeit seinen Schwiegereltern etwas zu Fleiß machen wollte. Er hat von Kopf bis Fuß in Zitronengelb geheiratet. Wir haben die Schuhe gemacht. Dann war da noch eine Dame, die aus einer Jeanshose Stiefel haben wollte, mit den Pobackentaschen auf der Schaftseite. 26 Zentimeter hohe Absätze mache ich nicht jedes Jahr, sind für mich jetzt aber auch nichts Außergewöhnliches.

Wohin geht der Trend zur Zeit?

Durch die Wanderschuhe - zum Beispiel den Retro-Modellen von Kastinger - zum Grobgenähten. Die Leute wollen wieder zurück zum Ursprünglichen. Im Moment passiert ein sehr starkes Umdenken. Vor allem die Kundinnen fragen vermehrt nach der Herkunft des Leders - wo es gegerbt wurde, woher das Tier stammt und wie es geschlachtet wurde. Sie hinterfragen nahezu alles und das ist auch richtig so. Wenn sie ein Auto kaufen, studieren sie auch Wochen im Vorhinein, wo sie das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bekommen.

Infos:www.schuhsalon-schuller.at