Raf Simons ist neuer Chefdesigner von Dior

Das französische Modehaus hat sich den ehemaligen Kreativdirektor von Jil Sander geangelt. Zuvor hatte Modeschöpfer Marc Jacobs John Gallianos Nachfolge abgelehnt.

Jetzt ist es endlich fix: Nach über einem Jahr Durststrecke, vielen Gerüchten und Verhandlungen wird nun der 43-jährige Belgier ist Raf Simons die Nachfolge von John Galliano bei Dior antreten. Der 44-Jährige sei zum neuen künstlerischen Direktor der Luxus-Marke ernannt worden, teilte das zum LVMH-Konzern gehörende Unternehmen am Montag in Paris mit. Simons werde bei Dior für die Haute-Couture- und die Pret-a-porter-Kollektionen sowie für Accessoires verantwortlich sein. Seine erste Kollektion soll Simons im Juli in Paris vorstellen. Spannend dürfte diese Zusammenarbeit für beide Seiten allemal werden: Nach den dramatischen, oft üppigen Kollektionen von Galliano, könnte Simons dem Traditionshaus eine ganz neue, minimalistisch-moderne Note verleihen. Raf Simons fungierte von Mai 2005 bis Februar 2012 als Kreativdirektor von Jil Sander. Der Designer entwarf für Jil Sander erstmals Womenswear und hatte das Label mit modernen und puristischen Entwürfen in sechs Jahren an die Spitze der Modewelt geführt. Außerdem wäre Simons bei Dior nicht nur für Prêt-à-porter sondern auch für die Haute Couture verantwortlich. Laut KURIER-Mode-Expertin Brigitte Winkler ist Simons ein würdigerer Nachfolger als der lange kolportierte Marc Jacobs: "So wie Raf Simons `Jil Sander` verstanden hat, wird er auch ,Dior‘ verstehen und traditionsbewusst in die Zukunft führen."
Im Bild: Eine Kreation aus Jil Sanders` Sommer 2012-Kollektion. Dior hatte den britischen Modemacher Galliano im Februar vergangenen Jahres entlassen, nachdem dieser in Paris durch judenfeindliche Pöbeleien aufgefallen war. Ein französisches Gericht verurteilte Galliano im September zu einer Geldstrafe auf Bewährung, nachdem sich der Modemacher für seine Äußerungen entschuldigt hatte. Das französische Modehaus feierte Nachfolger Simons nun als "eines der größten Talente", die es derzeit in der Modeszene gebe. Er werde den Dior-Stil "im 21. Jahrhundert vorantreiben". Dior war seit dem Skandal um John Galliano ohne Kreativdirektor. Bill Gaytten, Langzeit-Vertrauter des Modehauses, hatte seit Juni die kreative Leitung von Gallianos eigenem Label sowie die Teamleitung bei Dior übernommen. Wie bereits erwähnt, war auch Marc Jacobs einst im Gespräch. Er kehrte Dior jedoch den Rücken. Das Magazin WWD berichtete damals, die Verhandlungen seien ins Stocken geraten, der Grund: Unter anderem der Wunsch von Jacobs, sein derzeitiges Designteam mit zu Dior zu nehmen. Dies hätte Louis Vuitton vor große Herausforderungen gestellt. Auch die Nachfolge von Marc Jacobs bei Louis Vuitton, für die Phoebe Philo favorisiert wurde, soll sich schwieriger gestaltet haben als gedacht. Die Kreativdirektorin von Céline soll auf den Trubel mit Gelassenheit reagiert haben. Laut Aussage von WWD soll sie es bevorzugen bei ihrem jetzigen Arbeitgeber zu bleiben. Jacobs, den das Magazin Time zu den hundert einflussreichsten Menschen zählt, ist seit 14 Jahren künstlerischer Leiter bei der Luxus-Marke Louis Vuitton. Außerdem hat der Designer eine eigene Modemarke, die seinen Namen trägt. Nach der Absage von Marc Jacobs brodelte es wieder in der Gerüchteküche. "Die Leute, die reden, wissen nichts, und die Leute, die etwas wissen, sagen nichts", sagte Dior-Chef Sidney Toledano im Oktober. Unter anderem hieß es, der junge Stardesigner Alexander Wang könnte den Platz von John Galliano einnehmen. Ebenso wie der taiwanesisch-amerikanische Designer Jason Wu und auch ... ... Raf Simons war zu diesem Zeitpunkt bereits im Gespräch. Die Spekulationen rund um einen Nachfolger von Galliano bei Dior hatten allerdings bereits kurz nach den Vorfällen im Februar 2011 eingesetzt: Damals wurden Marc Jacobs oder Alexander Wang noch nicht erwähnt, wohingegen Lanvin-Designer Alber Elbaz (rechts) ganz hoch im Kurs stand. Andere heiß diskutierte Namen für die Dior-Nachfolge sind Hedi Slimane - der früher für die Dior-Männerlinie verantwortlich zeichnete und kultisch verehrt wurde -, ... ... Givenchys Star-Designer Riccardo Tisci, ... ... der Belgier Haider Ackermann und ... ... der norwegische Pucci-Designer Peter Dundas. Der britische Modemacher John Galliano wurde für seine judenfeindlichen Ausfälle im September von einem Pariser Gericht zu einer Geldstrafe von 6000 Euro auf Bewährung verurteilt. Zahlen muss er somit nicht, insofern er in den kommenden fünf Jahren nicht erneut straffällig wird. Der Brite war bei der Urteilsverkündung in der französischen Hauptstadt nicht anwesend, er wollte sich nicht wie bei der Vernehmung vor der Sommerpause dem Medienandrang stellen. "Er hofft jetzt, alles hinter sich lassen zu können", sagte Anwalt Aurelien Hamelle. Sein Mandant wolle nun in die Zukunft schauen und wünsche sich Vergebung und Verständnis. Galliano hatten aufgrund zweier Vorfälle, bei denen der 50-Jährige im Pariser Szeneviertel Marais herumgepöbelt hatte, bis zu sechs Monate Haft und mehr als 20.000 Euro Strafe gedroht. Eine Klage kam von einem Ehepaar, das der Designer im Februar mit judenfeindlichen Äußerungen beschimpft hatte. Die zweite Klage hatte eine Frau eingereicht, die im Herbst 2010 von Galliano rassistisch angepöbelt wurde. Für Aufregung sorgte auch ein Video, in dem der Brite sagt: "Ich liebe Hitler". Wegen der Ausfälle wurde Galliano im Februar von Dior entlassen. Rückblick, der erste Prozesstag: Der gefallene John Galliano (Ex-Chefdesigner des Modeshauses Dior) hat bei der Pariser Staatsanwältin Mitleid erregt. Nach sechsstündiger Verhandlung forderte sie wegen antisemitischer Ausfälle eine Geldstrafe von 10.000 Euro. Keine sechsmonatige Haftstrafe, wie sie vor dem Prozess im Raum gestanden war. Galliano stellte sich vor Gericht als Opfer seiner Lebensumstände dar. "Ich habe keinerlei Erinnerung an diesen Vorfall", sagt Galliano, nachdem ihm ein Video vorgespielt wurde, das in dem Satz gipfelte: "Ich liebe Hitler." Galliano spricht Englisch, mit starken Akzent. Die Übersetzerin gab bald auf. Ihren Part übernahm Gallianos Anwalt (Bild), der auf Unzurechnungsfähigkeit plädierte. "In dem Video sehe ich jemanden, der Hilfe braucht und der verletzlich ist. Das ist der Schatten von Galliano, eine leere Hülle von ihm. Ich kenne diesen Mann nicht und kann nicht für ihn antworten", sagte John Galliano. Keiner im Saal lachte. Er sei von Alkohol, Schlafmitteln und Valium abhängig, nun allerdings "auf dem Wege der Genesung", sagte der 50-Jährige, der sich nach den Vorfällen im Februar zu einer zweimonatigen Entziehungskur in die USA begeben hatte. Um trotz seiner ständigen Reisen und der vielen Arbeit schlafen zu können, habe er Tabletten eingenommen, an die sein Körper sich mit der Zeit gewöhnt habe. "Bisweilen habe ich sogar tagsüber schon welche genommen", sagte Galliano, der jahrelang gefeierte Designer des französischen Traditionshauses Dior. "Ich habe erst in meiner Entziehungskur begriffen, wie tödlich diese Mischung war." Zuletzt hatte der wegen mutmaßlicher antisemitischer Pöbeleien in Ungnade gefallenen Modeschöpfer John Galliano das Hochzeitkleid von Kate Moss entworfen: Die Arbeit am Hochzeitskleid für das Topmodel war für den Designer wie eine "kreative Reha-Kur". Das Entwerfen der Robe für Moss nach einer Drogen- und Alkoholentziehungskur habe seine Kreativität neu geweckt, sagte Galliano der September-Ausgabe der US-Modezeitschrift Vogue. Moss habe ihn "dazu herausgefordert, wieder John Galliano zu sein". Zuvor habe er "kaum einen Stift halten können". Moss sagte dem Blatt, sie habe ihren alten Freund Galliano mit dem Entwerfen ihres Hochzeitskleids beauftragt, weil seine Mode sie glücklich mache: "Ich habe Jahre in seinen Kleidern gelebt, und ich fühle mich einfach so wohl in ihnen." Laut Vogue ging Gallianos Beitrag zu Moss` Hochzeit mit Musiker Jamie Hince Anfang Juli über das Kleid hinaus: Er habe ihr vor dem Gang zum Altar letzte aufmunternde Worte mit auf den Weg gegeben, verriet der Modeschöpfer dem Blatt. "Ich habe ihr gesagt: `Du hast ein Geheimnis - Du bist die letzte Englische Rose. Und wenn er Deinen Schleier hebt, wird er Deine liederliche Vergangenheit sehen!`" Werden die Vorfälle der traurige Schlussstrich unter einer großen Karriere sein? Oder gibt es am Ende vielleicht doch noch die Chance für einen Neuanfang? Das ist die große Frage, die sich die Modewelt in dieser Woche stellt. Kaum einer glaubt nämlich, dass Galliano wirklich ein Hitler-Verehrer und Judenhasser ist. Viele sehen stattdessen seine Suchtprobleme als Hintergrund des Skandals. "Alles, was er bisher geleistet hat, zeigt, dass er kein Rassist ist. Im Gegenteil", kommentierte Kollege Jean-Paul Gaultier. "Es ist traurig, denn er hat viel Talent", fügte er hinzu. "Wir haben beobachtet, wie er Schritt für Schritt seit dem Tod seines engsten Mitarbeiters abbaute und sich in den Alkohol flüchtete", kommentierte jüngst Branchenkollege Christian Lacroix. Er hat eine Wohnung nur ein paar hundert Meter entfernt von der von Galliano. Gallianos Arbeitgeber Dior zeigte keine Nachsicht. Das Modehaus, für das Galliano 15 Jahre lang tätig war, entließ den 50-Jährigen am 1. März. Boss-Chef Claus-Dietrich Lahrs (48) hat den wegen Nazi-Parolen angeklagten Modeschöpfer John Galliano als "großen Künstler" verteidigt. "Die Aufmerksamkeit, die heute manchen Marken und damit deren kreativen Köpfen zuteilwird, ist enorm gestiegen. Nicht alle kommen im gleichen Maße damit klar", sagte Lahrs dem Magazin Der Spiegel. Klar sei aber auch, dass Dior die antisemitischen Äußerungen Gallianos "nicht dulden konnte". Lahrs war vor seiner Boss-Zeit fünf Jahre Chef von Dior Couture. Auf die Frage, ob er selbst mit dem Designer mal aneinandergeraten sei, sagte Lahrs: "Nein, wobei ich bereits vor Dior wusste, dass es Phasen gibt, in denen man als Manager einen Designer in Ruhe arbeiten lassen sollte." Die letzte Kollektion wurde in Abwesenheit ihres Schöpfers präsentiert. Bei einer Rede zur Schau verwies Dior-Chef Sidney Toledano auf die Werte des Hauses und sprach sich gegen jede Form von Antisemitismus aus - in "Respekt vor den Opfern des Holocaust und der Würde aller Menschen". Er erinnerte auch daran, dass die Schwester des Gründers Christian Dior einst nach Buchenwald deportiert worden sei. Toledano nannte die Situation "eine Prüfung für das Haus" und widmete die Kollektion den Nähern oder Stickern, die sie gefertigt hatten. Und auch die Mini-Modenschau von John Gallianos Eigenlabel, das zu 91 Prozent Dior gehört, fand ohne den Star-Designer statt, ... Anwesend war Dior-Chef Sidney Toledano (2.v.r.): Er habe noch nie eine Show von John Galliano verpasst, dieses Mal sei er aber "hier, um die Teams zu unterstützen". "In stürmischen Zeiten muss man nach vorne schauen und Kurs halten", sagte Toledano. Einer der wenigen Designer-Kollegen, die offen gegen Galliano wetterten, war zuletzt Karl Lagerfeld. "Dieses Bild ist einmal um die Welt gegangen. Es wirft ein schreckliches Bild auf die Mode, weil die Leute glauben werden, alle Designer und die gesamte Modewelt seien so", sagte er der Modefachzeitschrift Women`s Wear Daily. "Ich bin wütend, wenn Sie es wissen wollen, wütend, dass das passieren konnte", sagte deutsche Modeschöpfer, der, wie der aus Großbritannien stammende Galliano, seit langem in Paris lebt und sowohl für eines der großen französischen Häuser als auch unter eigener Marke entwirft. In der Geschäftswelt müsse eine Person von öffentlichem Interesse aufpassen, was sie sage, "zumal in Zeiten des Internet", sagte der für seine Zurückhaltung bekannte deutsche Modezar. "Man kann nicht betrunken auf der Straße rumlaufen, es gibt Dinge, die kann man einfach nicht machen."

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