"Wenn man mich erschießen sollte"

John F. Kennedy: Seit Mittwoch sind die Erinnerungen seiner Witwe Jacqueline öffentlich. Der US-Präsident sprach sogar über seine mögliche Ermordung.

Fast ein halbes Jahrhundert lagen die Tonbänder in einem Banksafe, jetzt wissen wir, was Jacqueline Kennedy über ihren Mann und seine Ära zu sagen hatte. Und es ist durchaus spannend und brisant, worüber sie im Plauderton berichtet. Seit Mittwoch sind Jackys Erinnerungen im Buchhandel. Die Jahre im Weißen Haus waren die glücklichsten ihres Lebens, sagte Amerikas legendäre First Lady in sieben mehrstündigen Interviews, die sie Arthur Schlesinger, einem engen Berater ihres Mannes, gab. John F. Kennedy sei mit Leib und Seele Präsident gewesen, doch mitunter war der Job – auch weil er ein schwerkranker Mann gewesen ist – die Hölle. Vietnam, Kuba-Krise, der Bau der Berliner Mauer und andere Weltprobleme hätten ihm schwer zugesetzt. "Wien war unglaublich", erinnerte sich Jackie Kennedy an ihren Österreich-Besuch im Juni 1961, nirgendwo wurde das Ehepaar von so vielen Menschen empfangen, wobei "viele am Straßenrand vor Freude weinten". Doch die politische Realität an der Donau sollte sich für John F. Kennedy alles andere als erfreulich erweisen: Kreml-Chef Nikita Chruschtschow war in den Gesprächen in Wien, bei denen es um die Teilung Berlins und um Abrüstung ging, ein beinharter Verhandler. "Jack war nach dem Wien-Besuch völlig niedergeschlagen", immerhin stand der Weltfriede auf dem Spiel, und "man saß da und dachte, dass man jetzt wirklich in den Krieg ziehen muss". Kennedy bezeichnete Chruschtschow seiner Frau gegenüber als "Gangster, von dem man sich nicht täuschen lassen“ dürfe. Wer von Jackie Kennedys Erinnerungen erwartet, dass sie über die Liebschaften ihres Mannes – oder gar ihre eigenen – schreibt, wie dies in Voraus-Berichten von amerikanischen Zeitungen fälschlich versprochen" wurde, wird von dem Buch enttäuscht sein. Die Witwe des Präsidenten schildert ein harmonisches Familienleben im Weißen Haus, bleibt dabei aber – vor allem wenn man bedenkt, dass die Gespräche nur dreieinhalb Monate nach Kennedys Ermordung stattfanden – erstaunlich kühl, fast emotionslos. Sie zeigt ihre Bewunderung für John F. Kennedy, aber das Wort Liebe kommt kaum je vor.
Sie selbst outet sich als unpolitisch ("Meine Ansichten habe ich von meinem Mann"), schildert aber vieles sehr offen, auch was John F. Kennedy von seinen Mitarbeitern hielt. Über seinen Nachfolger Lyndon B. Johnson ist fast nur Abfälliges zu lesen: "Jack musste ihn zum Vizepräsidenten machen, da der ihn sonst mit allen Mitteln boykottiert hätte." Johnson wollte selbst Präsident werden, hatte aber, wie Jackie andeutet, Alkoholprobleme. "Lyndon traf keine Entscheidungen, was ihm gefiel, waren Reisen" – auf denen er oft einen peinlichen Eindruck hinterließ. "Jack sagte: ,Mein Gott, kannst du dir vorstellen, was mit dem Land passiert, sollte Lyndon Präsident werden.’ Ihm gefiel der Gedanke nicht, weil er Angst um das Land hatte." Ein großes Kapitel ist der sehr labilen Gesundheit ihres Mannes gewidmet. Die drei Jahre seiner Präsidentschaft waren von seinem Rückenleiden überschattet. "Zeitweise wurde Jack fast verrückt vor Schmerzen. Er sah so kläglich aus, wenn er auf seinen Krücken eine Flugzeug-Gangway hinunter humpelte oder auf eine Bühne ging. Aber sobald er auf dem Podium stand, sah er einen an und man wusste, dass er alles im Griff hatte."

Jacqueline Kennedy klagt die Ärzte an, die ihn falsch behandelt hätten, die erste Operation sei unnötig gewesen, bei der zweiten wurde er verpfuscht. Der einzige Arzt, der ihm helfen konnte, war der aus Wien stammende Orthopäde Hans Kraus. „Kraus war entsetzt, dass der Präsident mit schweren Medikamenten behandelt wurde“ und kündigte an, dass Kennedy in kürzester Zeit im Rollstuhl sitzen würde. Eine Linderung sei nur durch regelmäßige Muskelübungen zu erreichen. 1963 berichtete John F. Kennedy, dass er sich noch nie so gut gefühlt hätte wie durch die Kraus’schen Übungen und dass er erwäge wieder mit dem Golfspiel anzufangen. Dazu sollte es nicht mehr kommen. Präsident Kennedy wurde wenige Monate später ermordet. In einem der Gespräche mit seiner Frau hatte er sogar diese Möglichkeit erörtert. Er war einmal gefragt worden, ob Präsident Lincoln, der 1865 erschossen worden war, von der Nachwelt ebenso positiv beurteilt würde, wäre er nicht Opfer eines Attentats geworden. Kennedy verneinte das: ,"Hätte Lincoln länger gelebt, wären viele Probleme auf ihn zugekommen, und er hätte sich bei unzähligen Leuten unbeliebt gemacht." Lincoln sei also, historisch gesehen, zum richtigen Zeitpunkt gestorben. Dazu Jackie Kennedy: "Nach der Kubakrise, als sich alles so fantastisch entwickelt hatte, sagte Jack: ,Wenn mich jemals jemand erschießen sollte, dann wäre heute der Tag dafür." Der Tag kam etwas später. Das Ehepaar Kennedy fuhr am 22. November 1963 mit dem texanischen Gouverneur Connally und seiner Frau im offenen Wagen durch Dallas. Jackie schildert in ihrer Erinnerung John Connally als eitlen, selbstgefälligen Mann. Auf der Fahrt durch Dallas sagte der Gouverneur zu Kennedy, dass er einer neuen Umfrage zufolge in Texas beliebter sei als der Präsident. John F. Kennedy erwiderte: „Das wundert mich nicht.“ Es waren die letzten Worte, die die beiden wechselten. Und wohl auch die letzten, die John F. Kennedy sprach. 
 

Im Bild: Die Kennedys mit Indiens Premierminister Jawaharlal Nehru. Buchtipp:
"Gespräche über ein Leben mit John F. Kennedy"
mit einem Vorwort von Caroline Kennedy
Jacqueline Bouvoir Kennedy Onassis (Autor)
Hoffmann und Campe Verlag
416 Seiten

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