"Unsere Queen erfüllt auch im Regen ihre Pflicht"
Ein paar kunstvoll zusammengebundene Müllsäcke, ein Plastikhut mit der britischen Fahne darauf und etwas unterkühlter britischer Humor, damit schlagen sich Ruth und Lisa im strömenden Regen zur Themse durch: "Bei uns in Portsmouth gehen wir bei dem milden Wetter segeln."
Ein paar Monate haben die zwei rüstigen älteren Damen aus der englischen Hafenstadt für diesen Ausflug gespart und den lassen sie sich auch von ein bisschen Regen nicht verderben. Sie haben zwei Tickets für ein Ausflugsboot, das die große Flotte an diesem Nachmittag begleitet – und "auch wenn es zu schneien beginnt, winken wir der Queen".
Mit Sandalen in der Kälte
So salopp und nicht ganz stilecht wie die beiden, das wäre für viele andere hier schlicht undenkbar. Überall stößt man auf Regenmäntel im Flaggenmuster und liebevoll selbst geschneiderte Jäckchen mit dem Bild der Queen, und natürlich hört man viele, viele Geschichten über die Vorbereitungen für den großen Tag. Wenn dann manche Sandälchen zum patriotischen Regenschirm tragen, muss man das wohl der traditionellen britischen Kälte-Unempfindlichkeit zuschreiben und nicht mangelnder Begeisterung.
Vielleicht ist es gerade das miese Wetter, das diesen Sonntag zu einem so britischen Ereignis macht. Der Picknickkorb ist gepackt, der Wein bleibt bei diesen Temperaturen wenigstens anständig kühl, und das bisschen gute Laune ist man der Queen an ihrem Feiertag doch schuldig.
Anlass für ein paar britische Scherze gibt es auch hier im Regen. Etwa wenn ein TV-Sender Teleskope ausgibt, mit denen man trotz des Gedränges auf die Themse sehen kann. Dummerweise sind die Dinger aus Papier und dem Regen ganz und gar nicht gewachsen. Also hängen die Röhren bald ziemlich traurig herunter. "Ich kann nur schwarz sehen", wirft ein Zuschauer einen Blick durch die aufgeweichte Pappröhre, "muss an den schlechten Zeiten liegen."
"Sie war immer da"
KURIER-Redakteur Konrad Kramar berichtet live aus London.
So mancher trägt hier im Regen auch etwas Pflichtbewusstsein stolz vor sich her, als hätte ihn die Queen persönlich gebeten, an diesem Nachmittag zu erscheinen und mitzufeiern. Schließlich ist ihr Pflichtbewusstsein das, was die meisten Briten vor allem an ihrer Monarchin schätzen. "Sie war einfach immer da, seit ich denken kann", erzählt ein älterer Geschäftsmann aus dem Londoner Westen über seine Beziehung zur Königin, "und sie war einfach immer für ihr Land da, egal, was kam. Unsere Queen", scherzt er liebevoll, "erfüllt auch im Regen ihre Pflicht."
Viel Ärger und Zorn kommt dagegen bei so manchem rasch zum Vorschein, wenn es über die Politiker, die Banken und viele andere geht, von denen man sich enttäuscht fühlt. Und am Ende solcher Politisierereien im Regen bleibt dann immer die Queen übrig – so unumstritten war die 86-Jährige wohl schon lange nicht mehr. Sogar die Diana-Fans, auch die gibt es hier immer noch, haben ihr meist verziehen.
Nicht alle sind freilich so überzeugte Monarchisten, die sich hier am Ufer der Themse friedlich jeden Quadratmeter Stehplatz teilen – und das mindestens im Dutzend. Man ist gekommen, um eine Party zu feiern, denn das, meinen hier viele, "können wir Briten wirklich bei jedem Wetter". Wer bei den Jüngeren nachfragt, hört oft weniger von der Queen als von Kate und William und der Prinzenhochzeit im Vorjahr, die doch so großartig gewesen sei. Diese Stimmung wolle man heuer noch einmal erleben.
Manchester und Minnesota
Und wer damals dabei war, der ist jetzt wieder angereist, aus allen Ecken des Königreiches, auch von dort, wo man eigentlich eher finstere Gegner der Monarchie als lächelnde Queen-Fans vermutet hätte: Aus Schottland, Nordirland und auch aus einem Arbeiterviertel der Stahlstadt Manchester. Da allerdings war es wohl die Mutter, die die ganze Familie hierher geschleppt hat. "Meine Mama hat gesagt, dass wir kommen müssen", meint da ein Zehnjähriger mit ziemlich verregneter Miene. Auch seinem Papa fällt es merklich leichter, über die Regierung zu schimpfen als wirkliche Begeisterung für die Queen zu zeigen.
Ganz anders dagegen jene Frau, die vielleicht die weiteste Anreise hatte: Carol stammt aus Minnesota, USA, und ist nicht zum ersten Mal in London: "Ich war schon bei der Hochzeit von Charles und Diana", erzählt der überzeugte Royals-Fan, "und auch bei Dianas Begräbnis."
Diesmal hat sie auch ihre Freundinnen zum Mitfahren überreden können. Gemeinsam will man Souvenirs sammeln, die Queen hochleben lassen und am Abend bei britischen Bekannten essen. "Mit denen sind wir bei der Hochzeit von Kate und William zwei Nächte lang in Zelten vor dem Buckingham Palast gesessen", erinnert sich Carol, "sind großartige Leute. Leider kochen sie so furchtbar britisch."
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