Twitter Peep-Show von Rihanna & Co.

Jahrzehntelang wurden sie auf Schritt und Tritt beobachtet - jetzt nehmen die Promis das Steuer selbst in die Hand. Über den Nachrichtendienst Twitter beliefern sie die Welt mit Botschaften und Fotos. Fan-Pflege mit einem gehörigen Schuss Exhibitionismus.

Der gute alte Paparazzo wird in Pension geschickt. Unscharfe, verwackelte Fotos aus ihrem Privatleben schießen die Stars inzwischen selber – und servieren sie ihren Fans gleich mit einer gaaanz persönlichen Nachricht. Twitter heißt das Zauberwort, das Promis weltweit in ihre eigenen Hofberichterstatter verwandelt. 140 Zeichen, die die Welt bedeuten. Länger dürfen die Nachrichten nicht sein – und das ist wohl auch schon ein Schlüssel zum Erfolg des sozialen Netzwerkes, das noch vor vier Jahren eher belächelt wurde. 

Im Bild: Sängerin Rihanna Denn, wie's die US-Moderatorin und Schauspielerin Kathy Griffin zynisch erklärte, "längere Gedankengänge zu formulieren, ist für die meisten Promis doch einigermaßen schwierig". 

Im Bild: Freche Mädels: Katy Perry und Rihanna. Dafür seien viele einfach zu "flatterhaft, schusselig, unkonzentriert". Eine Einschätzung, die auch auf einige Fans zutreffen dürfte, möchte man meinen. 

Im Bild: Badewannenspaß mit Hilary Duff. Denn, "neue Schuhe gekauft", "einen supercoolen Club entdeckt" oder "Sushi bestellt" liest sich doch flotter als eine tiefschürfende Abhandlung über auseinanderklaffende Einkommensscheren oder seitenlange ästhetische Überlegungen zu Form und Inhalt. 

Im Bild: Katy Perrys Nägel. Dabei sein ist einfach, man muss nur zum "Follower" eines Twitterers werden, also dessen Botschaften abonnieren. Und schon ist man, so hat es zumindest den Anschein, direkt mit ihm oder ihr verbunden. Außerdem entsteht durch die formlos kurzen Mitteilungen eine Art "Buddy-Feeling".

Im Bild: Sängerin Avril Lavigne. "Ich" erfahre direkt, was mein Superlieblingsstar gerade macht, Lady Gaga hat mir eine SMS geschrieben, ist quasi mein Kumpel. Und der von ihren unglaublichen 14.443.192 weiteren Followern. Was die Verbindung nicht weniger privat werden lässt. Es erhöht nur ihre Wichtigkeit. Und dadurch in gewisser Weise auch "meine". Boris Becker hat Zahnweh, auweia, da leiden immerhin 11.000 Freunde mit, Kim Kardashian (Bild), US-Ikone für Irgendwas, hat das gleiche Problem, für ihre 10,3 Millionen Follower hängt sie dazu noch ein Bild von sich ... ... auf dem Zahnarztfolterstuhl dran, Kieferspreizer inklusive.

Im Bild: Nicht Kim Kardashian, dafür Ivana Trump beim Zahnarzt. Katy Perry zeigt ihre Lieblingspizza (Margherita!) und, weil man ja ganz intim unter 10,4 Millionen Freunden ist, auch gleich, wie sie die am liebsten isst. Nämlich nackt in der Badewanne. 

Im Bild: Katy Perry beim schmusen mit einem Känguru. Da ist man so dabei, dass man das würzige Käse-Aroma geradezu riechen kann. Oder was auch immer.

Im Bild: Pizza ein beliebtes Objekt zum twittern, hier: Gwen Stefani. Ein schwerer Rückschlag für alle Star- und Klatsch-Magazine? Nicht wirklich. Denn es ist gar nicht so einfach, in der 100-Millionen-Einwohner-Welt von Twitter verliert man recht
schnell den Überblick. 

Im Bild: Paris beim Relaxen im Flugzeug, an dem sie jeden teilhaben lässt. Deshalb sitzen zwischen Gala und Bravo mittlerweile in den meisten Redaktionen Experten, die den Kuddelmuddel sichten, sieben, würzen und für ihre Leser aufbereiten.

Im Bild: Seal, Heidi Klum und Ryan Seacrest. Und natürlich ist das Online-Gezwitscher auch einfach das, was man daraus macht. In Tunesien, Ägypten und dem Iran ist Twitter ein wichtiges politisches Kampfinstrument für Demonstranten, Aufständische und Regime-Gegner. Für die Jugendlichen auf der norwegischen Insel Utoya, die sich völlig unverhofft einem bewaffneten Attentäter gegenübersahen, war es eine Notrufsäule, an die sie sich verzweifelt klammerten. Und manche Twitterer wie Österreichs überlegener Tabellenführer Armin Wolf (28.000 Follower) versuchen zumindest, auch auf engem Raum relevante Statements und Denkanstöße zu aktuellen Themen zu liefern.

Im Bild: Armin Wolf in der Zeit im Bild, täglich auf ORF 2. Was er übrigens mit Barack Obama (Bild) gemein hat. Der ist mit 10,5 Millionen Followern immerhin auf Platz drei der internationalen Charts. Nur Lady Gaga und Justin Bieber zwitschern für ein größeres Publikum als der US-Präsident. Ein Porno, der "aus Versehen" im Internet veröffentlicht wurde, schräge Auftritte, intime Twitter-Bekenntnisse, Zickenkriege und schrille Shows – Kim Kardashian spielt virtuos mit den Medien des 21. Jahrhunderts. Und wurde zum Superstar, ohne dass man so recht weiß, warum eigentlich. In den Twitter-Charts liegt sie mit 10,3 Mio. Freunden auf Rang fünf. Ashton Kutcher und Demi "Mrs Kutcher" Moore – zwei Superstars der ersten Twitter-Stunde haben im vergangenen Jahr etliche Plätze eingebüßt. Wetten, dass ihre aktuelle Beziehungskrise sie zurück an die Spitze bringt? Witz, Intelligenz, Ironie in kleinen Dosen – damit hielt sich Ellen DeGeneres überraschend lange im Spitzenfeld. Mit 7,8 Mio Followern fällt sie nun erstmals aus den Top-10.
(kurier / Andreas Russ-Bovelino, lyk) Erstellt am
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