Ex-Premier Brown: "Allein wegen Enthüllungen zu Stansted müssen sie Andrew verhören"

Die Polizei prüft, ob Epstein den Flughafen London-Stansted als Drehkreuz für das Schleusen von Opfern nutzte. Mindestens ein Opfer soll eine Verbindung zu Ex-Prinz Andrew gehabt haben.
Ex-Prinz Andrew Mountbatten-Windsor und mehrere Personen in dunkler, formeller Kleidung. Sie stehen eng beieinander, einige tragen schwarze Hüte.

Die britische Polizei prüft, ob der US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein den Flughafen London-Stansted als Drehkreuz für das Schleusen von Missbrauchsopfern nutzen ließ. Hinweise in den jüngst vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Akten würden untersucht, teilte die Polizei der nordöstlich von London gelegenen Grafschaft Essex mit. Es gehe um verdächtige Flüge mit Privatmaschinen, die in Stansted angekommen und abgeflogen seien.

Laut Quellen des britischen Rundfunksenders BBC bedeutet der nun eingeleitete Schritt noch nicht den Beginn groß angelegter Ermittlungen. Der frühere Premierminister Gordon Brown hatte kürzlich schwere Versäumnisse der britischen Polizei beim Aufarbeiten des Kriminalfalls Epstein angeprangert und eine detaillierte Untersuchung verlangt. In einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung "New Statesman" schrieb Brown, in den Akten enthaltenen E-Mails sei klar zu entnehmen, dass Epstein junge Frauen und Mädchen ("girls") aus Lettland, Litauen und Russland über Stansted einfliegen ließ. Mindestens eines der Opfer habe demnach eine Verbindung zum damaligen Prinzen Andrew gehabt. Auch Britinnen seien an Bord der "Lolita-Express" genannten Maschinen gewesen.

Brisanter Bericht über Dutzende Privatflüge

Über die Jahre seien Recherchen der BBC zufolge rund 90 solcher Flüge von britischen Flughäfen aus gestartet, schrieb Brown - allein 15 davon nach 2008, also zu einem Zeitpunkt, als Epstein bereits rechtskräftig wegen Missbrauchs verurteilt war. "Wie es sein kann, dass es trotzdem weitere Flüge gab, hätte gründlich untersucht werden müssen", kritisierte der Labour-Politiker, der Großbritanniens Regierung von 2007 bis 2010 führte. Das sei aber nicht geschehen.

Browns Fazit: "Die britischen Behörden hatten kaum einen oder gar keinen Schimmer, wer durch unser Land geschleust wurde, und für wen noch außer für Epstein." Nach der Lektüre der Epstein-Akten sei er "bis ins Mark erschüttert" - nicht nur wegen der menschlichen Abgründe, die sich darin auftäten, sondern auch angesichts "der bis jetzt nicht anerkannten Rolle Großbritanniens". Die Ermittlungsbehörden müssten den Erfüllungsgehilfen Epsteins nachspüren und überprüfen, ob einflussreiche Freunde des bis in höchste Gesellschaftskreise vernetzten Finanziers ihn vor Ermittlungen im Vereinigten Königreich schützten.

Brown: Ermittler müssen Andrew verhören

Brown äußerte sich auch explizit zur Verwicklung des Bruders von König Charles III. in die Causa Epstein. Ihm sei "privat mitgeteilt worden", dass bei den Ermittlungen zur Rolle Andrews wichtige Hinweise auf Flüge nicht ordnungsgemäß geprüft wurden. Deshalb habe er die Polizei gebeten, dies im Rahmen der neuen Ermittlungen nachzuholen. "Allein schon wegen der Enthüllungen zu Stansted müssen sie Andrew verhören", forderte Brown.

Der auch innerhalb der britischen Königsfamilie in Ungnade gefallene Ex-Prinz hat bisher alle Anschuldigungen zurückgewiesen. Zu den jüngsten Vorwürfen äußerte er sich noch nicht.

Der Flughafen Stansted wies nach den jüngsten Schlagzeilen jegliche Mitverantwortung zurück. Für die Kontrolle der Passagiere an Bord von Privatmaschinen sei der britische Grenzschutz zuständig, hieß es in einer Stellungnahme. Der Flughafen habe keine Einblicke in die Passagierlisten.

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