Prominenz im Wandel: Kinski & Co.

Er war nicht nur wild auf einen Erdbeermund. Klaus Kinski war auf das Leben wild. Mit allen Höhen und Tiefen. Ein Egomane der Maßlosigkeit. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit rekapituliert Roman Schliesser seine Begegnungen mit dem Schwierigen.

Genie der Extreme

Am Burgtheater habe ich Klaus Kinski nie erlebt, als er als Versuchsballon seines Talentes eine Vorstellung als "Torquato Tasso" spielen durfte. Auch seinen Kortner-Film "Sarajevo", in dem Kinski den Attentäter Cabrinovic verkörperte und er gleichzeitig eine heftige Liebschaft mit seiner Tiroler Filmpartnerin Erika Remberg begann, kannte ich nicht. Unsere Pfade – Kinski damals hoch zu Ross – kreuzten sich zum ersten Mal auf Gran Canaria bei den Dreharbeiten für "Der letzte Ritt nach Santa Cruz". Schon damals war Klaus Kinski nicht nur in der Branche als schwierig, exzentrisch, unbeherrscht verschrien. "Keine Spur, bei mir ist er lammfromm", wiegelte Filmproduzent Carl Spiehs ab, der mit dem Hollywood-Schauspieler Edmund Purdom, Mario Adorf, Marisa Mell, Sieghardt Rupp und Regisseur Rolf Olsen den Verschnitt zwischen "Winnetou"-Filmen und Italowestern produzierte. Spiehs hatte Kinski-Erfahrung. "Ich hab' den Klaus schließlich vor einer Taschenpfändung durch einen Gerichtsvollzieher auf offener Bühne in der Wiener Stadthalle gerettet. So was vergisst der Kinski nicht", grinste Spiehs, damals Produktionsleiter der Stadthalle.
Zwar hatte Kinski, im westpreußischen Zoppot als Klaus Günter Karl Nakszynski geboren, schon einige Filme gedreht, "Hanussen" mit O.W. Fischer, damals der größte Star im deutschen Film, und "Ludwig II.", in dem Kinski den grenzdebilen Bruder des Bayern-Königs spielte – aber das Geld reichte nie. So verfiel Kinski auf die Rezitation – Villon, von ihm selbst neu übersetzt, Rimbaud, Bert Brecht und das "Neue Testament". Glänzende Kritiken, aber nicht überall zündete die Rezitationstournee quer durch Deutschland. Absagen in Kiel, Marburg, Göttingen, Aschaffenburg. Robert Jungbluth, später Bundestheater-Chef' stachelte Kinski auf: "Klaus, du musst etwas Spektakuläres machen, damit mehr Leute kommen." Kinski sorgte für Spektakuläres, warf einen brennenden Kerzenleuchter ins Publikum, weil einer gehustet hatte. Riesen-Schlagzeilen für BILD und die Kassen wurden gestürmt. "4.000 in der Stadthalle. Sensationell für eine Lesung“, betonte Spiehs, "Ich steh' noch beim Portier, da kommt einer mit Aktentasche und zeigt seinen Kuckuck – Gerichtsvollzieher, will zu Kinski auf die Bühne zur Taschenpfändung. Ich sofort zu Klaus in die Garderobe: 'Gib' die Gage her, die wollen dich pfänden.' Kinski griff in die Hosentasche, drückte mir ein Geldbündel in die Hand, 5.000 Mark, die Abendgage. Der Herr Exekutor hat in der Kulisse g'wart' bis zum Ende der Rezitation. Als er dort seinen Kuckuck zückte, schrie der Kinski los: 'Keine müde Mark kriegen Sie!' Die Lautsprecher waren noch nicht abgeschaltet, eine Zugabe fürs Publikum, das gerade hinausströmte." Dass Klaus Kinski kein Burgschauspieler wurde, lag wohl an seinem "Torquato Tasso". Er durfte für Albin Skoda einspringen, an seiner Seite Ewald Balser, mit dem er "Sarajevo" gedreht hatte, Judith Holzmeister, Alma Seidler, Fred Hennings, von Raoul Aslan gut, aber langweilig inszeniert, wie Christian David in seiner Kinski-Bio registriert. Damals galt noch das berüchtigte Vorhang-Verbot nach der Vorstellung. Applaus nur für die Habsburger . Erst Helmut Zilk machte als Unterrichtsminister damit Schluss. Aber jeder Burg-Debütant oder Gast durfte schon vor den Vorhang. Kinski nur ein einziges Mal: Er verbeugte sich nicht nur, sondern warf wie eine Diva Kusshändchen ins Publikum. Judith Holzmeister über seine Attitüde: "Das war Operette!" Und Raoul Aslan gab sich höchst unwirsch, dürfte wohl gegen Kinski intrigiert haben. Nix mit der Burg. Da half kein O.W. Fischer und kein Kortner. Als Ausweg bot sich das Kleine Theater im Konzerthaus mit Villon-Lesungen an. Als Spiehs Kinski zum "Letzten Ritt" holte, hatte der bereits eine Wallace-Filmserie, darunter "Der Rächer", "Die seltsame Gräfin", "Der Zinker" und "Das Rätsel der roten Orchidee" gedreht, mit Partnern wie Joachim Fuchsberger, Christopher Lee, Marisa Mell.
Gran Canaria war damals, 1964, vom Tourismus total verschont. Keine Spur von Ballermann wie auf Mallorca. "Ein Flughafen, ein Leuchtturm, eine Wechselstube, eine Düne und eine Fischbude", registrierte Carl Spiehs als Produzent damals, "und keine Pferde auf der Insel. Das hat mich ein Vermögen gekostet, wir mussten zehn filmtaugliche Pferde per Schiff aus Brüssel verfrachten, damit wir in den kahlen Bergen drehen konnten. Zum Glück konnten alle reiten. Der Mario Adorf saß schon bei vier Filmen im Sattel und sollte nach dem 'Letzten Ritt' zu einem Western mit Starregisseur Sam Peckinpah, wieder als mexikanischer Bandit, Marisa Mell war schon in Kanada geritten, Marianne Koch war als Nymphomanin in einem französischen Film sattelfest und Kinski ist sowieso ein passionierter Reiter, hatte in Berlin sein eigenes Pferd und kauft jetzt sogar sein Filmpferd für 6.000 Mark." Als Western-Bandit ritt Kinski nicht nur wie ein Kosak, er machte auch seine Stunts selbst, ließ sich vom Lasso aus dem Sattel zerren und durch den Sand schleifen.

Im Bild: Skandal-Regisseur Andrzej Zulawski engagierte SkandalSchauspieler Klaus Kinski an der Seite von Romy Schneider in "Nachtblende". Zur Premiere von "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" traf ich ihn in Berlin wieder. Tags darauf flogen wir gemeinsam nach Hamburg. Noch in Berlin hatte ich Klaus nach seinem nächsten Dreh gefragt. "Keine Ahnung", sagte er, "irgendwas mit Bretzel oder Rätsel." Er flog nach London weiter, wo drei Tage später für ihn die erste Klappe für "Das Rätselschloß" fiel. Aber vorher hatte ich mit ihm eine recht amüsante Unterhaltung, Fachsimpelei. "Würdest du an der Burg spielen?", fragte ich ahnungslos, nie gehört von Torquato Tassos Handküsschen. "Haeusserman soll die Beatles an die Burg engagieren. Wenn er das tut, übernehme ich die Conference der 'Pilzköpfe' und trage dabei die gleiche Frisur. Allerdings müsste Kortner Regie führen. Mit gleicher Haartracht." Die Kombination Kinski, Beatles, Kortner und Burg war saftiges Futter für den deutschen Boulevard, der prompt bei dieser Story mitnaschte. Den echten internationalen Durchbruch schaffte Kinski mit "Doktor Schiwago" in der sehr knappen Rolle des Anarchisten Kostojed-Amurskij. Er dominierte seine Szenen neben Weltstars wie Omar Sharif, "Lara" Julie Christie, Geraldine Chaplin, Rod Steiger und Alec Guinness. Regie führte Oscar-Gewinner David Lean ("Die Brücke am Kwai", "Lawrence von Arabien"), Produzent: Carlo Ponti, der Ehemann von Sophia Loren. Zuvor hatte Kinski, als Filmstar schon fest etabliert, Sergio Leones Superwestern "Für ein paar Dollar mehr" mit Clint Eastwood und Lee Van Cleef gedreht. Da kassierte er in Cinecittà bereits Supergagen. Pro Film 50 Millionen Lire, damals bescheiden umgerechnet an die zwei Millionen Schilling. Seine Existenz war in Rom nicht zu übersehen. Überall rollten Busse mit seinem Porträt in Überlebensgröße. Dazu der knappe, einhämmernde Text "la faccia" – das Gesicht. "Das war ein Pferd, das offensichtlich nicht zum Film wollte", witzelte Klaus bereits wieder, als ich ihn in der Privatklinik "Villa Carla" in der Via Federico Giordano in Rom besuchte, wo er seit zehn Tagen mit angeknackstem Wirbelsäulenknorpel und schweren Unterleibsprellungen lag. Seinen trockenen, makabren Humor hatte er schon wieder, die ersten Gehversuche klappten auch. "Das Vieh hatte nicht einmal den oft zitierten Pferdeverstand", grinste Kinski, "ich spürte gleich, dass es bockig war." Jedenfalls hatte es sich mitten im Dreh für den Spaghetti-Western "Erst schießen – dann lachen" aufgebäumt, einen Salto nach rückwärts geschlagen und Kinski, der eisern im Sattel blieb, gegen eine Mauer gedrückt und unter sich begraben. Ursprünglich hatten die Ärzte sogar befürchtet, der Patient könnte querschnittsgelähmt bleiben. Wochenlang trug Kinski ein Korsett. "Reiten können Sie vergessen", sagte der Arzt, "auch Autofahren. Höchstens im Rolls Royce." Eh klar, dass Kinski sich einen Rolls Royce zulegte. Schließlich residierte er in einer schlossartigen Villa in der Via Antiqua und seinen ersten, gar nicht so alten schwarzen Rolls Royce tauschte er gegen einen neuen ein, dessen Farbe er selbst bestimmte: "Die hat sonst keiner – Grün und Beige und dann vergoldet." Erika Remberg, seine alte Liebe, die ihn finanziell immer wieder gerettet hatte, besuchte ihn in der Via Antiqua und erzählte mir später: "Seine Frau Ruth und Tochter Nastassja, alle in Chinchilla und die Katzen werden nur mit Kaviar gefüttert." Ein Jahr zuvor hatte Kinski mit Sergio Leone "Für ein paar Dollar mehr" gedreht, aber für seinen Wiener Spezi Carl Spiehs kam er auch für eine erträgliche Gage nach Rio de Janeiro, um den Bösewicht für die dritte "Gern hab' ich die Frauen gekillt"-Episode abzugeben. Mit am Zuckerhut waren Lex Barker mit seiner Frau "Tita", geborene Carmen Cervera Fernández, eine ehemalige "Miss Spain". Lex Barker, der als Old Shatterhand bis zu 250.00 Mark Gage kassierte, bewog Spiehs sogar seiner "Tita" eine kleine Bikini-Rolle zu verpassen. "Hat ja nix kost', dafür waren s’ das erste Mal in Rio", lachte Spiehs, "auch die Karin Dor ist erst nachher, als einziges deutsches 007-Girl von James Bond in 'Man lebt nur zweimal' in Japan, teuer geworden."
Tagsüber schwitzte Kinski seine Rolle runter, aber nachts war er nicht zu bremsen, da schaffte er jedes zweite Bordell in Rio. Sowohl er als auch Spiehs hatten eine Lieblingsstory von Rio bei Nacht: Spiehs palaverte gerade im Wiener Dialekt in einer dunklen Puff-Straße, da ging im ersten Stock ein Fenster auf: "Mensch, Carl, haste auch solchen Schiss", dröhnte Kinski und Spiehs schrie zurück: "Und wia, und wia."
Mit einer der schönsten jungfräulichen Hostessen, Frisur und Puffärmel am langseidenen Kleid, ganz im Stil von First Lady Imelda Romualdez Marcos, an seiner Seite, traf ich Kinski beim zweiten "Manila Film Festival" – mehr als 300 Filme aus 60 Ländern – wieder. Ganz in seinem Element, voller tückischer, kleiner Bosheiten. Er war mit seinem Regisseur Werner Herzog ("Mein liebster Feind") angeflogen, "Fitzcarraldo" im Gepäck. Flug, Hotel und 800 Pesos (1600 Schilling) für die täglichen Spesen, die halt anfallen, für jeden Festival-Gast. Der Auftrieb konnte sich sehen lassen: etwa Sir Richard Attenborough mit seinem "Ghandi" Ben Kingsley, Robert Duvall ("Der Pate") und natürlich George Hamilton, ("Liebe auf den ersten Biss"). Sie alle hatten sittsame Filipino-Beautys, die Töchter der Elite, zur Betreuung an ihrer Seite. Als ich mit Kinski über "Fitzcarraldo" sprechen wollte, blieb er stumm, dafür trumpfte er mit einer höchst hinterhältigen Geschichte auf: "Mir wurde bei der Dwang Lahi Fiesta , die Imelda als Governor von Manila gab, einfach langweilig. 4.000 Gäste, Spanferkel, Lupa-Lupa-Fisch, Hummer und grüner Seetang. Um so etwas stell ich mich doch nicht am Buffet an. Meine Beauty hat’s besorgt und zum Dank hab' ich ihr erklärt: 'Wonderful, jetzt können wir die Nacht richtig genießen. Du schläfst heut mit mir'. Die Kleine kippte mir fast vom Stuhl, wurde knallrot, stammelte nur noch. No, no!" Kinski genoss seine miese, tückische Ansage: "Wenn du nicht willst, dann frag' die First Lady, die hat’s mir versprochen." Ich kann nur hoffen, dass Kinski sich damals ein williges Girl ins noble "Manila"-Hotel bestellt hat. Regisseur Werner Herzog, der in Wien verheiratet war, hatte mit Kinski schon drei Filme "Nosferatu", "Woyzeck" und "Aguirre" hinter sich gebracht, ehe er sich durchrang, "Fitzcarraldo" mit ihm zu besetzen. Allein die Filmidee war schon irre genug: ein irischer Kautschuk-Baron, Brian Sweeney Fitzgerald, kurz Fitzcarraldo genannt, liebt Oper, lechzt nach einem eigenen Opernhaus und nach Caruso. Deshalb will er ein Schiff über den Berg ziehen. "Wir hatten dafür 400 Indios, einen alten Dampfer und 40 Grad Steigung. Wir haben vier Monate lang im Urwald von Peru gedreht. Mit Tobsuchtsanfällen von Kinski, die bis zu zwei Stunden dauerten." Ausgelöst durch einen lauten Papagei. Da flogen fäkale Vokabeln nur so. Nach einem Streit ums Essen mit Produktionsleiter Saxer boten die Häuptlinge der Ashininka-Campas und Machiguengas Herzog sogar an, Kinski für ihn zu töten. Die Indios hassten ihn.

Im Bild: Kinski als "Nosferatu". Aber der Dampfer kam über den Berg. Und für mich ist "Fitzcarraldo" einer der größten Filme überhaupt.
(kurier) Erstellt am
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