Prominenz im Wandel: Helmut Qualtinger

Helmut Qualtinger war als genialer Interpret des "Herrn Karl" das mahnende Gewissen des Herrn Österreicher. Aber er sorgte auch mit Satire und "practical jokes" für ausreichend Lacher.

Spätestens  seit Der  Herr  Karl – ". . . mir san alle . . . am Ring und am Heldenplatz g'standen . . . unübersehbar warn mir . . . man hat gefühlt, ma is unter sich . . . es war wia bein Heirigen" – den Wienern ins Gemüt fuhr, wurde Nestbeschmutzer als österreichisches Vokabel annektiert. Sieht man davon ab, dass schon Karl Kraus für sich in Anspruch nahm: "Ich bin der Vogel, der sein Nest beschmutzt." Aber Der Herr Karl, den Qualtinger und Carl Merz gemeinsam schrieben, hatte den Nerv des "ewig wegschauenden Österreichers" getroffen. Wer war denn schon wirklich ein Nazi? Latenter Antisemitismus (Qualtinger: "In jedem von uns steckt wenigstens a klana Lueger") und geschürter Fremdenhass waren ihm zeitlebens ein Gräuel.

Im Bild: Helmut Qualtinger in seiner Paraderolle "Der Herr Karl", zu sehen gewesen auf ORF. Er war noch nicht einmal 30, da fragte er sich schon: "Manchmal weiß ich nicht, ob ich a Wiener bin oder a Mensch." Quasi, wie er schon damals hieß, war jedenfalls bereits eine Institution, als ich 1952 zur Runde im Strohkoffer stieß. Im Keller im Kärntner-Durchgang, gleich neben der Loos-Bar, tummelte sich die künstlerische Elite: Friedrich Gulda und Joe Zawinul spielten Klavier, Uzzi Förster am Sax, Hans Salomon Trompete, die Maler Josef Mikl, Markus Prachensky, Arnulf Rainer, Friedensreich Hundertwasser, Wolfgang Hutter und Ernst Fuchs. Die Dichter Konrad Bayer ("Glaubst i bin bled"), Oswald Wiener, H. C. Artmann ("med ana schwoazzn dintn"), Gerhard Rühm, der Filmer Ferry Radax, Regisseur Erich Neuberg und natürlich Arbeiterdichter Otto Kobalek, der als Kulturreferent der Bauarbeiter-Gewerkschaft gefeuert wurde, weil er die Kollegen zur einberufenen Tagung zweieinhalb Stunden warten ließ, dann rumvoll ans Podium wankte und verkündete: "Hiermit ist die Sitzung geschlossen." Strohkoffer-Chef war Max Lersch, der später Expeditionen nach Afrika führte. Geld hatten wir damals alle keines. Vom nächtlichen Strohkoffer aus war das Gutruf die logische Konsequenz. Louise Martini, damals mit Qualtinger, Carl Merz, Gerhard Bronner, Georg Kreisler und Peter Wehle, mit Hackl vor'm Kreuz die Kabarett-Sensation Wiens, hatte Quasi zum Gutruf, einem kleinen Delikatessengeschäft, in dem Hannes Hoffman nur Dosen und Flaschen verkaufte, mitgenommen. Quasi taugte das kleine Hinterzimmer, wo man im Stehen was zu trinken bekam. Und mit ihm füllte sich die Bude bald. Der grandiose Hans Hubmann, Foto-Doyen, Bildhauer Fritz Wotruba, Dramatiker Fritz Hochwälder, Erni Mangold und natürlich Otto Kobalek, der Prolet-Poet, der den Zwonek, sprich: 20 Schilling, als Währung für die eigene Tasche erfand. Die Wendeltreppe zum Lager im Keller gab's auf jeden Fall im Gutruf. Sonst gehen die Aussagen über den Ursprung des Herrn Karl auseinander. Da gab's noch ein zweites Delikatessengeschäft der gehobenen Klasse, das Top in der Führichgasse. Dort jobbte der Schauspieler Nikolaus Haenel, der im Dachl über'm Kopf mit Qualtinger & Co als Kabarettist agierte, aber im Top als Lagerarbeiter Geld dazuverdiente – mit einem alten Nazi als Assistenten. "Herr Max, Ex-Mitglied der NSDAP", rekapituliert Dr. Ulrich Schulenburg, Chef des Thomas Sessler-Verlages, "der erzählte Qualtinger, was Max im Laufe eines langen Tages so schwadronierte."

Qualtinger sog die Sprüche auf, informierte Carl Merz, der in der Führichgasse daheim war, alles aufschrieb und gemeinsam schufen sie die Figur des Herrn Karl. Mag sein, dass darin auch ein paar Gschichtln des  Gutruf-Besitzers Hannes Hoffman über den Schleichhandel nach dem Krieg und die Erotik im Inundationsgebiet eingeflossen sind. Qualtinger und Merz verabsäumten ursprünglich, ihre Rechte auf den Herrn Karl abzusichern: Ulli Schulenburg war von den Socken. Er verhandelte mit Qualtinger, der unbedingt Merz im Autorenvertrag haben wollte. "Der Merz kam schließlich und verblüffte mich vollends. Er wollte nicht fifty-fifty, weil der Quasi durch seine geniale Interpretation soviel mehr für den Herrn Karl getan habe. So wurde für dieses Stück der neue Prozentschlüssel 60:40 ersonnen." Im Gutruf, wo inzwischen auch Plattenproduzent Otto Preiser und sein Produzent Jürgen E. Schmidt Stammgäste waren, wurden die großen Plattenhits von Preiserrecords ausgeheckt: Rhapsodie in Halbstark, auf der Helmut Qualtinger die Gerhard Bronner-Hits Der g’schupfte Ferdl, Der Halbwilde ("I hab zwar ka Ahnung, wo i hinfoahr, aber dafür bin i gschwinder durt!"), Weil mir so fad is und Der Papa wird's schon richten singt. Da konnte es ja nicht ausbleiben, dass Preiserrecords eine Privatausgabe "Nur für Wissenschaftler und Sammler" produzierte. Das Cover aus braunem Papier, rot versiegelt, mit einem Trauermarterl, gehalten von zwei einbeinigen Krüppeln: Das Krüppellied von Peter Hammerschlag, gesungen von Helmut Qualtinger, dem Gutruf-Ensemble und Otto Kobalek als Gast. Die A-Seite aber mit der Musik von Starpianist Hans Kann trägt den schlichten Titel Wenn der Wiener . . .  und Kurt Sowinetz, Qualtinger und Hans Weigel texteten weiter: "An Schas lasst, macht der Herrgott schöns Wetter und die Engerln die schnuppern dazu, und der Petrus schreit, geht's Wolken, wischerlts erst später, wann der Wiener an Schas lasst, gebt's Ruah . . ."


Im Bild: ORF-Sendung "Helmut Qualtinger - Porträt eines Unbequemen". Das Krüppellied nahm André Heller (Bild) erst später mit Helmut Qualtinger auf. Doch vorher sangen sie noch zu Hellers 32. Geburtstag im Gipskeller der Wiener Hofburg zwischen monumentalen Nackten, grinsenden Fratzen, lieblichen Wäscherm ädeln und einem Kaiser Franz Josef, dem sie ein Holzpackl unters Kinn gepackt hatten – "damit eahm des Ladl net obafallt" – ein Loblied auf die Stadt, in deren Unterleib wir uns heute befinden: Wean, du bist a Taschenfeitl / unter an Himmel voll Schädelweh /. . . dein Stolz, den hast ins Pfandl tragn . . . Heller, damals vollbärtiger Poet, hatte gerade seine Phase als jugendlicher Sprüche-Klopfer, der Peter Alexander als Brechmittel in Apotheken abfüllen lassen wollte, hinter sich. Helmut Qualtinger – "der echte Weana geht net unter, aber er kommt auch nie hinauf!" – brachte als Geschenk ein kleines Büchl mit: "Die Erinnerungen eines illegalen Nazis namens Traugott." 

Im Bild: André Heller in der ORF-Sendung "Weltberühmt in Österreich - 50 Jahre Austropop". Geburtstage genoss Qualtinger sehr, wenngleich auch selten. Als er sechs Jahre später in Bela Korenys Broadway-Bar mit seiner Frau Vera Borek und Maria Bill, Michael Schotti Schottenberg, Bühnenautor Pavel Kohout ("August, August, August"), Heinz Marecek und seiner Christine und Volkstheater-Chef Paul Blaha seinen 57. Geburtstag feierte, schenkte ihm Pianist Hans Kann, sein alter Freund, zwei Todesurteile, fein säuberlich gedruckt, wie's zu Kaisers Zeiten amtlich geschah. Dazu ein Theaterprogramm anno 1842: "Vom Ringtheater, ehe es gebrannt hat", feixte Kann. Konterte Quasi trocken: "Nona, nachher . . ." Damals war bereits Qualtingers nächste Rolle für den Film Der Name der Rose fixiert: "Der spielt im 13. Jahrhundert. Mit einer Bombenbesetzung: Sean Connery (Bild) und der alte John Houston. Als Kellermeister Remigio muss ich mir für den Kloster-Krimi eine Tonsur rasieren lasen. Leider. Aber i war ja auch als Dorfrichter Adam im Zerbrochenen Krug glatzert." Der Name der Rose wurde ein Welterfolg und Sean Connery, den ich drei Mal interviewte, fragte jedes Mal nach Helmut Qualtinger: "Ein toller Schauspieler. Ein brillantes Hirn." Etwas turbulenter verlief die Begegnung mit einer anderen US-Größe. Auch wenn Qualtinger nachher behauptete: "Mir ham halt a bissl herumgeberscht." US-Bestseller-Autor Gore Vidal (Bild), Autor von Besuch auf einem kleinen Planeten, Intimus von Jackie Kennedy und von der New Yorker Kritik als pointierter Gesellschafts-Satiriker gerühmt, hatte mit Qualtinger eine Wiener Lokalrunde gedreht, die im Imperial mit viel Wein, noch mehr Champagner und vier Chinesen, die vielleicht auch Japaner gewesen sein können – angelehnt an die Travnicek-Ansage: "Olle Chineser san Japaner" – begann. "Ich hab' den Vidal von einer Talkshow in New York gekannt, wo eahm der Norman Mailer ane geschmiert hat. I glaub', der bettelt darum. Und dann war'n da auf amal a de Chinesen – oder Japaner. De ham glaubt, i bin da Orson Welles." Man zog weiter und in der Rotenturmstraße kam es zum Showdown. "Der Vidal ist in der dritten Generation polnisch oder a Ungar. Aber er hat wahrscheinlich den Wein im Winzerhaus net vertragn. Und dann ham de Japaner, oder Chinesn, ghetzt, wer von uns stärker is, scho auf der Strassn." Sohn Christian, damals knapp neun, rief zur Rettung Ulli Schulenburg an, weil der Wirt wegen der Rechnung für sieben zeterte, Vidal von der Rettung weggebracht wurde, die Asiaten sich verdrückten und Quasi keinen Heller in der Tasche hatte. Schulenburg kaufte ihn mit 2.000 Schilling frei. Was war passiert: Vidal hatte Qualtinger in den Bauch getreten, darauf hob der den Ami auf, warf ihn zu Boden und setzte sich mit seinen 123 Kilogramm auf ihn, bis der blau anlief. Dagegen war Qualtingers Afrikareise direkt romantisch zu nennen. Er saß mit Joe Stöckl, dem Gründer und Chef-Pilot der "Montana-Air" im Gutruf, als der ihn fragte: "Ich flieg' heut' nach Gambia, also wannst a Lust hast, kannst glei mitfliagn im Cockpit." Eine Sache von zehn Minuten. Qualtinger eilte nach Hause, holte sich den Pass, steckte ein Zahnbürstl ein und sagte seiner Vera: "I fliag nach Afrika." Die war solche Sprüche gewöhnt: "Als er gangen ist, hat er La Paloma gesungen." Ohne Koffer stieg Quasi zu Joe ins Cockpit. "I bin den ganzen Flug über neben den Piloten gesessen. Was brauch i an Koffer? Wann i in Wien ins Café geh, nimm i a kan Koffer mit. A Badehosen? Mit an grauen Anzug kommst um die ganze Welt." So watete der gewichtige Wiener zum Gaudium der schwarzen Kinder, die ihn auf allen Wegen verfolgten, in Schuhen und Anzug durch die Fluten, kaum getrocknet, doch leicht zerknittert, stapfte er in Banjul, der Hauptstadt Gambias, in eine Bar. "Das glaubt ma net, i komm rein und wer sitzt dort? Der Maxi Böhm. Auf einer Schiffsreise rund um Afrika. Ich tret' hinter ihn mit dem legendären Sager: 'Dr. Livingstone, I presume?' Da hat's ihn fast vom Stockerl ghaut."

Im Bild: Qualtinger und seine zweite Frau Vera Borek. Sie war für ihn "die Ansprache seines Lebens". Ob die Montana mit ihren Gambia-Flügen den Tourismus dort ankurbelte, bleibt fraglich. Travnicek-Qualtinger: "Wenn ich erzähl, dass ich in Gambia war, glaubt mir das eh kana. Im Burgenland haben sie mit dem Tourismus auch alles verpatzt."

Im Bild: ORF-Sendung "G'schichten aus dem Wienerwald". Helmut Qualtinger, Johanna Matz, Hans Moser.

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(kurier / Roman Schliesser) Erstellt am
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