Prominenz im Wandel: Curd Jürgens & Co.

Über vierzig Jahre war Roman Schliesser in der Welt des Jetsets und Glamours zuhause. Hier seine besten Anekdoten und Klatsch-Gschichterln über Legenden der Leinwand und des Lebens. Erste Folge: Curd Jürgens.

Eine Ohrfeige war wohl der Grundstein für meine Freundschaft mit Weltstar Curd Jürgens, die ein halbes Leben lang dauerte. Kein besonders schöner Auftakt so eine Watsch'n. Dazu passend der Schauplatz: Das "Eve", damals ein Strip-Etablissement, das ursprünglich "Daddy" Blatzheim, dem deutschen Stiefvater von Romy Schneider, gehörte. Nackte Kurven gehörten zu Curds Nachtleben wie das Eis im Whisky. Seine Frau Simone war als Französin einer Ménage à trois bisweilen nicht abgeneigt. Aber das ging ihr dann doch zu weit. Nadja Nadlova, die deutsche Strip-Walküre, stramme 1.81 Meter strotzender Weiblichkeit, hatte sich ihren überlangen Zigarettenspitz ins flimsige Höschen geschoben und dann unter Curds Nase durchgezogen. Sehr zu Simones Missfallen. Kurze französische Schimpfkanonade gegen Curd und der normannische Schrank – als Ohrfeigen-Macho verschrien – klatschte seine Pranke auf Simones Wange: Patsch. Ein Klescher für den Klatschkolumnisten. Zwei Tage später traf ich Curd und Simone auf dem Fußballplatz in Wien-Meidling wieder. Kein Wort über meine ADABEI-Kolumne von der "Eve"- Nacht. Ganz der Stil von Curd: "Egal, was da berichtet wird, Hauptsache der Name ist richtig geschrieben."

Im Bild: Jürgens und Romy Schneider in "Katja, die ungekrönte Kaiserin": Spätestens seit "Des Teufels General" war Jürgens, den Willi Forst zum Film geholt hatte, ein Weltstar. Er drehte insgesamt 160 Filme. 

Im Bild: Szene aus "Jakobowsky und der Oberst" Von "Königswalzer" über "Und immer lockt das Weib" (Bild) mit Brigitte Bardot, "Die Herberge zur 6. Glückseligkeit" mit Ingrid Bergman, "Jakubowsky und der Oberst" mit Danny Kaye, "Steiner – Das Eiserne Kreuz" mit Richard Burton und Robert Mitchum, nicht zuletzt als 007-Gegenspieler von Roger Moore im James Bond-Epos "Der Spion, der mich liebte". Ich flog zu den Dreharbeiten nach London und Curd begrüßte mich vergnügt: "Du kommst gerade zurecht. Exklusiv für dich – ich bin von Simone seit heute frisch geschieden!"

Im Bild: Szene aus "Jakobowsky und der Oberst" Brigitte Bardot (Bild) hatte ihm den Beinamen "Der normannische Schrank" verpasst. Mit seinen 1,93 Metern, den stahlblauen Augen und den blonden Haaren, die später, wenngleich schütter, in Grau und Weiß wirkten, war er einfach ein Frauenheld. Fünf Mal verheiratet, nicht gerade zimperlich, was Nr. 3, Eva Bartok, einstecken musste, da flogen die Fetzen und Watschen. Aber der eigentliche Curd Jürgens war ganz anders: Er verwöhnte die Frauen mit seiner Art zu leben. "Wir genießen es ungeheuer, in der Sonne zu liegen", grollte Curd mit tiefem Bass nach vier Salzburger "Jedermann"-Jahren in seinem neuen Traumdomizil bei St. Paul de Vence an der Côte d'Azur, regnet es in Salzburg? Ich war damals, im Mai 1978, zur House-Warming-Party von Curd und Margie in ihrer Villa "La Vieille Bastide" und zwischendurch schluchzten die Geigen "Ziagt's euch warm an", denn es waren auch die Eismänner zu Gast und manch weibliches Herz vertrug Nerz. 

Im Bild: Szene aus "Jakobowsky und der Oberst" Curd hatte kurz davor seine "Margie" (Bild), genannt "der Massai", auf den Bahamas, wo er auch ein Haus hatte, geheiratet und gleichzeitig seine Rosenfarm bei Vence samt Exfrau Simone abgelegt. "Aber Margie ist jetzt eine waschechte Österreicherin", verriet mir Curd schon nachmittags am Pool, "es war wirklich feierlich. Der österreichische Generalkonsul in New York wirkte sehr ernst und würdig, beugte sich und sagte feierlich: 'Gnädige Frau, küss'die Hand, Sie sind Österreicherin!'" Und Curd Jürgens ließ für den Jetset aufgeigen: "Nur nicht aus Liebe weinen" und "Kalinka, Kalinka" und man konnte jede Wette halten, dass kein "Linker" dabei war: Da schritt die Begum eskortiert vom Playboy-Millionär Gunter Sachs und seiner edlen Mirja durchs Spalier, registrierte ich damals. Großer Auftritt von 007 James Bond Roger Moore mit seiner italienischen Frau Luisa, Luxemburgs Ministerpräsident Gaston Thorn mit seiner blitzgescheiten Frau Lilian, Filmstar Lilli Palmer und Ehemann Carlos Thompson. Weiters tummelte sich Salzburgs Jet-Elite: Heidi Pappas mit Schwager Dimitri, Salzburgs grandiosem Gastgeber, Fürstin "Manni" Sayn-Wittgenstein, und Prinz Johannes von Thurn und Taxis, damals noch Deutschlands reichster Junggeselle, tanzte mit roter Nelke im Knopfloch an: "Da kann man die ja gerade noch wie ein englischer Lord tragen. In Rom platzte ich in eine Meute von 5.000 und alle trugen rote Nelken."

Salzburger Gipfel: Herbert von Karajan durfte bei keiner Party von Curd und Margie fehlen. Dann packte noch Salzburgs Parade-Juwelier Haasmann im 200 Quadratmeter großen Wohnzimmer, in dem Curds irischer Wolfshund "Rasputin" regierte, die kleinen Flitterwochen-Gaben für Margie aus. Curd hatte mit ihm selbst in Brasilien die Klunker ausgesucht: einen Ring, neun Karat Smaragd, mit zehn Karat Brillanten gefasst, so an die 1,5 Millionen Schilling, Ohr-Schmücker, noch einmal eine Million Schilling: Zehn Karat Smaragd mit neun Karat Brillanten. Bescheiden – denn an diesem Abend glitzerte am Hals der Begum ein Perlencollier, das seine fünf Millionen Schilling wert war. 

Im Bild: Jürgens 2003 verstorbene Witwe "Margie". Fünf Tage nach der House-Warming-Party stand ich als Autostopper an der Autobahnabfahrt Cannes-Nizza. Nach nur sieben Minuten hielt ein Rolls Royce, ein kaffeebraunes Silver Cloud III Cabriolet mit Zürcher Kennzeichen, am Straßenrand und ich stieg zu der eleganten Dame neben dem weißhaarigen Kleiderschrank am Volant. Wir fuhren offen und mit 180 Sachen in Richtung Saint Tropez. Schmuckdesigner Sven Boltenstern hatte zum Lunch geladen. Der Ort hieß noch dazu Callas und so packte Sven auch noch sein Cello aus. Auf der Rückfahrt übernahm Margie das Volant, musste auf der Autoroute Cassa das Tempo drosseln, plötzlich begann der Royce laut zu klopfen. Wir rollten auf den nächsten Parkplatz. Zu spät. Aus der Kühlerhaube quoll Dampf. Kein Wasser, kein Glyzerin mehr. Wahrscheinlich ein kleines, schlampiges Abschiedsgeschenk des deutschen Chauffeurs, den Curd nach zwei Probemonaten ziehen ließ: "Der hat mir versichert, der Wagen sei total durchgecheckt, der Kühler nachgefüllt. Wenn das ein Kolbenreiber ist, wird's teuer. Dabei liebe ich dieses Auto – 21 Jahre fahre ich damit ohne Probleme."

Im Bild: Jürgens und Ingrid Bergman in "Herberge zur 6. Glückseeligkeit". Wenn ein Rolls Royce dampft, dann ist das Volksbelustigung für jeden Autofahrer. Schließlich kam der Abschleppdienst, aber einen Royce schleppt man nicht ab. Er wurde huckepack geladen. Zu viert ging's, eingepfercht im Führerstand des Abschlepplasters, zurück nach Cannes. Immerhin mit Stil: Der Fahrer kannte Monsieur Jürgens. Er war früher der Chauffeur von Michelle Morgan. Als ich jetzt auf meiner "Ocean Princess"-Kreuzfahrt Schanghai, Beijing, Wladiwostok, Hiroshima, Osaka – vier Tage vor dem verheerenden 9.0 – Erdbeben in Kioto Station machte, buchte ich mit meiner Frau Bonnie das noble "Tawaraya Ryokan", erste Adresse für japanische Übernachtung. Hier logierte ich mit Curd und Margie vor 30 Jahren. Zu den berühmtesten Gästen des Nobelhospizes, das seit 300 Jahren im Familienbesitz ist, zählen Alfred Hitchcock, Jean-Paul Sartre, Leonard Bernstein, Arthur Miller und Alain Delon (Bild). Aber die Gästebücher von anno dazumal haben die Ryokan-Erben wohl entsorgt. Das Autogramm von Curd Jürgens, damals nach seinem James Bond-Film als Jurgens-san in ganz Japan berühmt, war nicht mehr aufzutreiben, somit auch meine bescheidene Signatur darunter. Wie Margie – Curd im O-Ton: "Ich wollte ihr die alte Kaiserstadt zeigen, deshalb habe ich überhaupt die Rolle des Selim Bassa beim Operngastspiel übernommen!" – den Kaiserpalast samt dem goldenen Pavillon, die Geisha-Party mit Kimono-Schönheiten mit schneeweiß gepuderten Gesichtern genoss, das alles verblasste nach einer Nacht auf Betten am Boden beim japanischen Frühstück. "Margie wollte es unbedingt", schnaubte Curd: "Rohen und geräucherten Fisch mit Reis, eingelegte Pilze mit geriebenem Rettich, geölte Melanzani, getrockneten Seetang, eine Misosuppe mit Tofu und geschnittenen Bambus." "Dieses Frühstück", verdrehte Margie die Augen, "vergess' ich nie, wo ich doch keinen Fisch esse!" Curds Feste waren legendär. Nicht zuletzt "Jedermanns letzte Tafelrunde" anno 1973. Von solchen gesellschaftlichen Highlights kann Salzburg heute nur noch träumen. Im Kavalierstrakt von Schloss Kleßheim agierte der Gastgeber. Schwarze Hose, schwarzes Seidenhemd mit schwarzem Halstuch, dazu ein silbernes Kreuz, ganz nach seinem Motto: "Das Leben ist gefährlich, aber es übt kolossal."
Er hat immer gearbeitet. Eine seiner Paraderollen "Im Zweifel für den Angeklagten", drei Stunden Monolog. Dazwischen Whisky, Zigaretten, Bypässe in den USA. Ein Traumleben. Das Traumleben eines Stars und Jetsetters: "Die Sünden eines ganzen Lebens, angefangen vom Rauchen, resultiert in der Erkrankung der Gefäße" urteilt Prof. Dr. Anton Neumayr. Als einziger Journalist darf ich an Curds Krankenbett: "Wenigstens weiß man, dass man ein paar echte, dicke Freunde hat", sagte er leicht resignierend, Margie an seiner Seite. Prof. Ernst Haeusserman kommt jeden Tag, Fred Adlmüller ruft zwei Mal am Tag an, "Terror-Spezialist" Prof. Friedrich Hacker flog aus Los Angeles an. Prof. Ernst Haeusserman, der Curd an die Burg holte, "Jedermann mit ihm inszenierte, ist einer der echten Freunde, sitzt am Krankenbett. Selbst hier jedoch siezen die beiden einander. Das nennt man echte Herren. "60 Jahre  . . . und kein bisschen weise", titelt er seine Autobiografie. In seinem Spitalsbett im 12. Stock der Wiener Rudolfstiftung, mit Blick über die Dächer Wiens, klang sein Knurren brüchiger als sonst, leicht resignierend: "Das Schlimmste daran ist, dass es so verdammt langweilig ist. Faaad!"

Im Bild: Curd Jürgens mit Dagmar Koller im Singspiel "Die gelbe Nachtigall". Curd Gustav Andreas Gottlieb Franz Jürgens wurde in einem Ehrengrab der Stadt Wien – 32 C-54 – auf dem Zentralfriedhof bestattet. Eine Ehrenformation der österreichischen Luftwaffe flog über sein Grab . . .
(KURIER.at: lyk / Roman Schliesser) Erstellt am
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