Ephraim Kishon
03/17/2013

"Mein Vater war ein ernster Mensch"

Ephraim Kishons Sohn Rafi kommt am Sonntag nach Wien. Und erzählte dem KURIER, wie sein Vater wirklich war.

von Georg Markus

Kaum zur Welt gekommen, war Rafi Kishon bereits eine Berühmtheit, zumal ihn sein Vater in der Satire „Ein Vater wird geboren“ gleich der ganzen Welt vorstellte. Heute ist Rafi 56 Jahre alt, Tierarzt in Tel Aviv und im Anflug auf Wien, wo er am Montag an der Eröffnung einer Ausstellung über jüdischen Humor im Jüdischen Museum teilnimmt.

Rafi Kishon ist der älteste Sohn des mit einer Gesamtauflage von 43 Millionen Büchern erfolgreichsten Satirikers aller Zeiten. Und Rafi spielt, wie seine Geschwister Amir und Renana, in den Kurzgeschichten seines Vaters eine bedeutende Rolle.

Jeder kennt die Satiren von Ephraim Kishon, aber wer kennt Ephraim Kishon? „Mein Vater war kein lustiger Mensch, ganz im Gegenteil, er war ernst und neigte zu Depressionen“, erzählt Rafi. „Aber in der sicheren Gesellschaft der Familie konnte er seinen raffiniert-zynischen Humor zeigen.“

Die erste Ehe

Rafi stammt aus Ephraim Kishons erster Ehe mit der Wienerin Eva Klammer, die heute 86-jährig in Tel Aviv lebt. „Ich symbolisiere die österreichisch-ungarische Monarchie“, sagt er, „denn meine Mutter ist aus Österreich und mein Vater aus Ungarn. Deutsch war die erste Sprache, die ich konnte.“ Heute beherrscht er sie perfekt.

Die Geschichte von Rafis Geburt zählt zu den populärsten Kishon-Satiren: In „Ein Vater wird geboren“ schildert er, wie hysterisch er sich bei der Geburt seines Sohnes Rafael verhält und wie er mehrfach vom Arzt und vom Portier aus der Klinik geworfen wird: „Wie glücklich ist doch meine Frau, dass ihr diese Aufregung erspart bleibt.“

War’s wirklich so? „Alle Kishon-Geschichten haben einen realen Hintergrund“, meint Rafi, „er hat die Wirklichkeit nur auf komische Weise übersteigert. Ich weiß nicht, ob er tatsächlich aus der Klinik geworfen wurde, aber insgesamt stimmt es – welcher Vater ist nicht aufgeregt, wenn sein erstes Kind zur Welt kommt?“

Rafael Kishon ist in Israel fast so berühmt wie sein Vater, da er als Medien-Tierarzt regelmäßig in TV- und Radiosendungen auftritt. „Es begann damit, dass unser damaliger Ministerpräsident Rabin einen Minister als ,Pudel von Schimon Peres’ bezeichnete. Man holte mich ins Studio, und ich sagte neben der veterinärmedizinischen Erklärung, dass das eigentlich ein Kompliment sei, weil der Pudel ein intelligentes Tier ist. Daraufhin lud mich die Moderatorin ein, nächste Woche wiederzukommen, und so geht das jetzt schon seit vielen Jahren. Ich vergleiche Menschen mit Tieren, Arafat war ein Chamäleon, Kanzler Kohl ein Elefant, Boris Becker ein Känguru, Gottschalk ein Schimpanse.“ Mit der deutschen Prominenz kennt Rafi sich so gut aus, weil er in Gießen studiert und in Heidelberg promoviert hat. Nach Wien, der Geburtsstadt seiner Mutter, kommt er am Sonntag aber zum ersten Mal.

Auch in Ephraim Kishons Satire „Im Supermarkt“ spielt Rafi eine zentrale Rolle. Seine Eltern waren gerade damit beschäftigt, ob des großen Angebots den halben Supermarkt aufzukaufen, als plötzlich ihr kleiner Sohn verschwunden war. „Im nächsten Augenblick“, schreibt Ephraim Kishon, „zerriss ein explosionsartiger Knall unser Trommelfell. Der Supermarkt erzitterte bis in die Grundfesten und neigte sich seitwärts. Wir seufzten erleichtert auf. Rafi hatte sich an einer kunstvoll aufgerichteten Pyramide von etwa 500 Kompottkonserven zu schaffen gemacht und mit dem untrüglichen Instinkt des Kleinkindes die zentrale Stützkonserve aus der untersten Lade herausgezogen.“

War’s wirklich so?

Kishon im Supermarkt

„Ja, ich kann mich noch gut an den Supermarkt erinnern, ich war vier, fünf Jahre alt, es gab bis dahin in Tel Aviv nur kleine Lebensmittelgeschäfte, da kam aus Amerika der Supermarkt zu uns. Alle waren begeistert.“

Eines stimmt nicht an der Geschichte: Dass Ephraim Kishon mit Rafi und seiner Mutter den Supermarkt aufsuchte. Denn zu diesem Zeitpunkt war er von seiner ersten Frau bereits getrennt. „Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich ein Jahr alt war – und das, obwohl mein Vater meine Mutter über alles liebte. Aber er war, was er ja gerne erzählt hat, für die Monogamie nicht geschaffen. Ich blieb bei meiner Mutter, hatte aber weiterhin engen Kontakt mit ihm. Er holte mich jeden Samstag ab und verbrachte den ganzen Tag mit mir, wir waren uns sehr nahe.“

Papageien schlafen

Warum Rafi Tierarzt wurde, begründete sein Vater, pointiert wie immer, so: „Weil Papageien in der Nacht nicht anrufen.“ Doch damit, entgegnet Dr. Kishon, hatte er nur zum Teil recht: „Es rufen zwar die Papageien nicht an, aber deren Besitzer schon.“

Nach Ephraim Kishons Tod vor acht Jahren setzte ein dramatischer Kampf um sein Erbe ein. Rafi erklärt, „dass mein Vater nicht so viel hinterlassen hat wie man allgemein annimmt. Er war gut situiert, aber nicht reich. Das lag daran, dass viele seiner Werke als Taschenbücher erschienen, dass er drei Familien ernährt und Wohnsitze in Tel Aviv, Zürich und Appenzell hatte.“

Der wahre Schatz, den der Satiriker hinterließ, sind die Urheberrechte seiner Satiren. Fatalerweise hatte er in seinem Testament seine dritte Ehefrau, die Österreicherin Lisa Kishon, als Erbin eingesetzt, „doch das hätte er nicht dürfen, da er schon zu seinen Lebzeiten die Hälfte seiner zweiten Frau Sara – der ,besten Ehefrau von allen’ – vermacht hatte. Sie war mittlerweile verstorben, aber ihre Kinder Amir und Renana traten an ihre Stelle.“

Der Eklat

Es kam zum Eklat zwischen Lisa und den beiden jüngeren Kindern, ehe man sich schließlich zugunsten der Kinder einigen konnte. „Ich selbst hielt mich da raus“, sagt Rafi, „habe aber mittlerweile mit meinen Halbgeschwistern die Ephraim Kishon Copyrights gegründet, deren Zweck es ist, die Bücher, Stücke und Filme unseres Vaters wieder in Gang zu bringen.“ Erste Erfolge wurden bereits erzielt: „Der Blaumilchkanal“ wird neu inszeniert, Bücher wurden neuaufgelegt, in Israel liefen vier Theaterstücke mit großem Erfolg. „Wir wollen, dass auch die junge Generation seine Werke kennenlernt.“

Natürlich wird Rafi Kishon in seiner Tierarztpraxis heute noch oft auf seinen Vater angesprochen. „Aber das belastet mich nicht. Ich spreche gern über ihn.“

Erfolgreichster Satiriker, den es je gegeben hat

Ephraim Kishon wurde am 23. August 1924 als Hoffmann Ferenc in Budapest geboren. Von den Nazis ins KZ gesperrt, gelang ihm die Flucht; 1949 ging er mit seiner ersten Frau Eva, einer Wienerin, nach Israel. 1959 Heirat mit Sara, der „besten Ehefrau von allen“.

Als die New York Times 1959 den Satireband „Dreh’n Sie sich um, Frau Lot“ zum „Buch des Monats“ wählte, begann Kishons Weltruhm. Die Gesamtauflage der in 38 Sprachen übersetzten Bücher beträgt 43 Millionen, davon 32 im deutschen Sprachraum.

2002 Tod seiner Frau Sara; 2003 Heirat der Salzburgerin Lisa Witasek. Kishon hat drei Kinder: Rafi (Tierarzt, 56), Amir (Hi-Tec-Experte in den USA, 51), Renana (Internetdesignerin, 45) und sechs Enkel.

Zu seinen erfolgreichsten Büchern zählen „Arche Noah, Touristenklasse“, „Wie unfair, David“, „Der Blaumilchkanal“, „Kein Applaus für Podmanitzki“, (Langen Müller Verlag).

Kishon starb am 29. Jänner 2005 in seinem Haus in Appenzell in der Schweiz.AUSSTELLUNG„Alle meschugge? Jüdischer Witz und Humor“, Jüdisches Museum, 1010 Wien, Dorotheergasse 11, ab 20. März.BUCH-TIPP„Alle meschugge? Jüdischer Witz und Humor“, herausgegeben von Marcus G. Patka und Alfred Stalzer, Amalthea Verlag, 424 Seiten, 34.95 €.

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