Kaiserin Zita: Prinzessin an der Südbahn
"Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten. Aber es sollte eine wirkliche Prinzessin sein. Da reiste er in der ganzen Welt herum . . ." (Hans Christian Andersen, 1840)
. . . und fand die Schöne lediglich ein paar Kilometer Bahnfahrt von seinem eigenen Schloss entfernt: In
Schwarzau am Steinfeld, wo die schönsten Föhren wachsen und man einen gewaltigen Ausblick auf den Schneeberg hat. Hier ist auch die alte Festungsstadt Wr. Neustadt nicht weit entfernt - und einst wie heute ein pulsierendes Zentrum der industriellen Entwicklung in Mitteleuropa.
Schwarzaus Stolz aber ist ein wuchtiges Barockschloss, das heute der Republik Österreich gehört - aber doch nur wenige kennen - ist es doch seit einigen Jahrzehnten eine Strafanstalt für weibliche Häftlinge und Jugendliche.
Ein mehr als unkonventioneller Kontrast; denn hier war der Schauplatz des letzten großen Festes der Habsburger, an dem das Riesenreich mit seinen 50 Millionen Bürgern regen Anteil nahm. Und es fand - fast auf den Tag genau - vor hundert Jahren statt: am 21. Oktober 2011.
Nun befand sich das Schloss Schwarzach ursprünglich im Besitz der Familie des Herzogs Robert von Parma - einer Nebenlinie des Hauses Bourbon, die bis zu den französischen und spanischen Königen zurückführt und in der Toskana beachtlichen Privatbesitz besaß. Die Herrschaft über das Herzogtum Parma hatte Robert hingegen schon früher an Italien abtreten müssen.
So suchte er angesichts seiner 24 Kinder von zwei Ehefrauen für die Sommerzeit ein kühles und kinderfreundliches Quartier - und fand es weit im Norden, in Schwarzau. Nebeneffekt: Mit der
Südbahn hatte man den mächtigsten Verkehrsweg Mitteleuropas gewissermaßen vor der Schlosstür; und die kaiserlichen Habsburger fast als Nachbarn. Der Attraktivste: Karl, Károly, Karlo, Karel. Sein Domizil: Wartholz im Tal der Schwarza am Fuß der Rax - abgezählte 45,7 Kilometer Südbahngleise entfernt.
So ist die Lovestory schnell erzählt: Prinz und Prinzessin verliebten sich ineinander - und der 81-jährige Onkel Franz Josef war einverstanden, dass der Habsburgerbub das Bourbonenmädel
Zita heiraten dürfe.
Nun ist nicht auszumachen, wer in der Wiener Hofburg den skurrilen Plan durchsetzte, eine Märchenhochzeit just in einer Industrieregion abzuwickeln. Oder spielte es eine Rolle, dass es 1910/11 in Wien Hungerrevolten gegeben hatte - bis Militär und Polizei auf Demonstranten schossen?
Das war alles am 21. Oktober 1911 vergessen; an einem milden Herbsttag hauchte eine wunderschöne Braut ihr "Oui" überzeugend. Zita, die dunkelhaarige Schöne trug ein elfenbeinfarbenes Satinkleid mit einer drei Meter langen Schleppe und einem Diadem aus Brillanten: Europas Hochadel hatte einen glänzenden Star.
Niemand wusste freilich, dass es das letzte große Fest der Habsburger war, ein Festival der Übernationalität und Grandezza. Noch einmal waren die großen Familien des Reiches versammelt, noch einmal standen sie stramm in ihren eleganten Uniformen und bestickten Roben, während "Gott erhalte" erklang.
400 Kinder sangen im Schlosspark, die Kapelle des Infanterieregimentes Nr. 67 unter Hermann Dostal spielte einen "Zita-Walzer" sowie Wiener Musik - auf ausdrücklichen Wunsch der Braut. Kaiser Franz Josef war entzückt, ebenso sein Adjudant, der spätere Staatschef Ungarns - Admiral Nikolaus von Horthy. Man parlierte mehrsprachig-französisch, ein Flugzeug landet auf einer Wiese neben dem Schloss; es gehörte zu den ersten Militärmaschinen der Weltgeschichte - Österreich war Pionier im Flugzeugbau und Wr. Neustadt das Zentrum der österreichischen Flugzeugproduktion. Und auch Automobile waren ausreichend vorhanden.
Was aber wusste man vom Bräutigam? Nun, er hieß Karl, war Halbwaise und ein freundlicher, wenngleich angeblich naiver Habsburgerspross. Und jedem Hochzeitsgast war bewusst, dass Karl wie seine noch ungeborenen Söhne die Monarchie nur dann regieren würden, wenn der offizielle Thronfolger -
Franz Ferdinand - ausfallen sollte. Nun hatte 1911 nach Ansicht vieler das Gottesgnadentum ausgedient, mit Attentaten war überall zu rechnen. 1898 war Kaiserin Elisabeth - die Sisi aus Possenhofen - in Genf brutal erstochen worden, 1900 hatte es König Umberto von Italien getroffen, 1903 massakrierten serbische Offiziere ihren König in Belgrad; und König Karl von Portugal starb 1908 zusammen mit seinem Sohn und Thronfolger.
Das Schlimmste freilich: Auch Zitas Großvater Charles war durch einen Anarchisten ums Leben gekommen . . . und so blieb man nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen unter sich. Dabei hätte Karl mit der neuen (bürgerlichen) Hautevolee der Schönen und Reichen sehr einfach Kontakt knüpfen können; war doch im Schwarzatal und am Semmering eine höchst exklusive Gesellschaft heimisch geworden. Unter ihr viele Juden wie Arthur Schnitzler, Peter Altenberg, Stefan Zweig, Egon Friedell, da malte Oskar Kokoschka und baute Adolf Loos, dort komponierte Arnold Schönberg und ließ sich der Burgschauspieler Josef Kainz feiern.
Doch Karl öffnete sein Schloss Wartholz nicht für diese Klientel, sondern eher für seine Offizierskameraden. Und eines ist unbestritten: Karl hatte wohl noch vor seiner Großjährigkeit Beziehungen zu Frauen - was er Zita gegenüber auch eingestand. Ob Alkohol eine wichtige Rolle in Karls Leben gespielt hat, ist unklar. Zita behauptete später, eine freimaurerische Clique hätte dieses Gerücht in die Welt gesetzt.
Freilich: Am 21. Oktober 1911 war die Monarchie noch in einer Art Gleichgewichtszustand; die Ungarn kämpften zwar für ihre Reichshälfte um mehr Autonomie, die Tschechen um die Gleichstellung mit den Magyaren, die Slawen am Balkan wollten vom Meer profitieren. Auch hatte es schon Wahlen gegeben und daher politische Parteien wie nationale Fraktionen. Weiters eine aggressive Kriegsfraktion rund um den k.u.k. Generalstabschef Conrad - und überzeugte Pazifisten wie Bertha von Suttner, geborene Gräfin Kinsky, die einige Jahre zuvor den Friedens-Nobelpreis erhalten hatte. Und so war auch nicht zu übersehen: Das pompöse wie vergnügliche Fest in Schwarzau riss Karl und Zita hinein in den Strudel der Intrigen, Streitigkeiten und Parteiungen einer Großmacht; erst recht, als ein Jahr nach der Trauung ein gesunder Bub auf die Welt gekommen war. Dieser - mit Namen Otto - sollte später der lebenslange Zeuge für "finis Austriae" werden, für das Ende
Österreichs . . .
Nur drei Jahre nach der glanzvollen Trauung genoss Europa noch den Frieden. Dann stand der Kontinent in Flammen: Österreichs Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau waren in Sarajewo ermordet worden; und dieser Mord löste den Ersten Weltkrieg aus. Der alte Franz Josef starb 1916. Und prompt wurden Karl und Zita Kaiser und Kaiserin - die sogleich versuchten, bei den Westalliierten - der "Entente" - einen Spezialfrieden für Österreich zu erreichen; denn Zitas Brüder Xavier und Sixtus waren Offiziere der belgischen Armee, die an Frankreichs Seite kämpfte. Als die hochgeheimen Kontakte bekannt wurden, richtete die offene Wut der deutschen Verbündeten sich prompt gegen Zita, der man sogar "Konspiration" mit dem Feind vorwarf. Die Bourbonin wurde von der "Französin" zur "Welschen" - und schließlich zur verhassten "Italienerin".
Das große Reich Österreich-Ungarn zerbrach im Herbst 1918. Kaiser Karl starb in Madeira im Exil - und ist noch immer dort bestattet. Er wurde mittlerweile vom Papst in Rom selig gesprochen. Zita starb 1989 in der Schweiz und wurde in der Kaisergruft beigesetzt. So wie ihr Sohn Otto - das Kind der Liebe von Schwarzau. Webtipp: www.youtube.com.
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