Frühstück mit Daniel Spoerri

Ein älterer Mann hält eine große Kaurimuschel vor seinem Mund.
Er war Bettler, Fotograf und Tänzer. Heute ist der Schweizer Künstler mit seinen Installationen und Fallbildern weltbekannt.

Wenn ich so wie immer frühstücken soll, dann müsste ich nackt sein“, meint der Schweizer Künstler mit ernster Miene. Ganz in Schwarz ist er gekleidet, während er, vorbei an seinen unverwechselbaren Collagen und seinen Sammlungen von Flohmärkten, in die Küche führt. „Ich esse hier im Stehen oder sitze auf meinem Hocker, in der Zwischenzeit läuft mein Badewasser ein“, erklärt Daniel Spoerri (82).

Er ist überall und nirgends zu Hause. „Ich bin ein Heimatloser. Wenn es mir hier nicht mehr passt, gehe ich wieder.“ Er ist in Rumänien geboren, in der Schweiz aufgewachsen, lebte in Paris, Düsseldorf, Köln, in der Toskana und auf der griechischen Insel Symi. Seit 2007 pendelt er zwischen Wien und seinem Ausstellungshaus „Ab Art“ in Hadersdorf am Kamp.

Ein älterer Mann betrachtet eine gedeckte Kaffeetafel mit blau-weißem Geschirr.

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Ein älterer Mann mit grauem Haar lächelt in die Kamera.

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Zwei Kunstobjekte hängen an einer weißen Wand.

Daniel Spoerri_Frühstück am Sonntag_Mein Sonntag 17.6.2012 mit Maria Gurmann am 8.6.2012
Ein älterer Mann sitzt in einer Küche.

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Ein älterer Mann mit Brille um den Hals blickt in die Kamera.

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Eine Frau und ein Mann betrachten gemeinsam ein kleines, zylindrisches Objekt.

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Ein älterer Mann mit Brille sitzt in einem Arbeitszimmer und zählt Geldscheine.

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Ein älterer Mann schneidet Aufschnitt in einer Küche.

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Ein älterer Mann sitzt mit verschränkten Armen an einem Schreibtisch.

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Ein älterer Mann hantiert in einer Küche mit einem runden Gegenstand.

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Ein älterer Mann mit Brille gestikuliert in einem Innenraum.

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Galgenhumor

Ein älterer Mann schneidet Tomaten in einer Küche.

Wunderbar sein trockener Humor. „Ich lache nicht so oft, ich bin schon ein Zweifler, ein Moserer. Ich hab’ einen Galgenhumor“, erklärt Spoerri, der speziell fürs Naturhistorische Museum neue Assemblagen kreierte. „Ein inkompetenter Dialog“ heißt die Ausstellung, bei der Spoerri seine Kunstwerke den Sammelobjekten des Museums gegenüberstellt. „Inkompetent“ deshalb, weil Spoerri auf Wissenschaftlichkeit verzichtet – „zugunsten eines doppeldeutigen Humors“. Einem Totenschädel aus dem Museum setzt er eine Koralle vom Flohmarkt als Hirn auf. Auf das Skelett einer Tigerpython montiert er einen Tigerschädel, der gerade einen Vogel verschlingt.

Ein älterer Mann betrachtet einen runden Tisch mit Geschirr und Speisen in einem Raum.

Spoerris Ideen sind unerschöpflich. Seine Fantasie ist so jung, bunt und kreativ wie die eines Kindes. Auf Flohmärkten lässt sich der Sammler inspirieren. Gleich vor seiner Wiener Haustür ist der Naschmarkt. Lager, Atelier und Wohnung sind voll mit altem Porzellan für seine „ Fallbilder“ – gedeckte Tische, die er an die Wand hängt. „Porträts“ nennt er die Auftragswerke. „Wenn jemand sagt, ich möchte ein Porträt von meinem gedeckten Tisch, stelle ich seine ganz persönlichen Dinge drauf. Das Geschirr von der Oma, eine selbst bestickte Tischdecke oder das Silberbesteck von der Tante.“

Kann man sich so ein Spoerri-Porträt auch leisten? „Im Vergleich zu einem Gerhard Richter, der sieben Millionen kostet, sind meine Sachen nicht so teuer.“ Ein Spoerri aus der Sammlung Gunter Sachs wurde kürzlich um 80.000, ein ähnliches Werk von ihm um 18.000 Euro versteigert. Er sammelt alles und kann sich von allem wieder trennen. „Etwas zu haben ist ein Mittel, mich dafür zu interessieren. Wenn ich alles darüber weiß, kann ich mich davon trennen.“

Geld ist ihm nicht wichtig. Luxus ist ein Essen, das er sich fast täglich aus einzelnen, guten Produkten kocht. „Ich bin nicht auf Haubenküche süchtig.“ Aus dem Eiskasten holt er seine Schmankerln. Geselchtes aus Hadersdorf, türkisches, gesalzenes Joghurt, Ochsenherz-Paradeiser und „Schabziger“, ein Kräuter-Ziegenkäse, „der wie Katzenpisse riecht und auch so schmeckt – wunderbar“.

Eine Flasche „Magia Magica“ Merlot del Malcantone von 2007 steht neben einer Tüte Konfetti.

Unter dem Titel „Das faule Essen“ gab der Künstler einmal ein Bankett. „Es gibt unendlich viele Dinge, die stinken und faul sind. Französischer Käse, Essig, sogar Wein ist vergoren. Und in Schweden den faulen Hering, Surströmming. Der stinkt wirklich“, sagt der Kochbuchautor. Wenn dem Alleinversorger eine neue kulinarische Kreation gelingt, macht er sich Notizen in ein Heftchen. Drei Mal war er verheiratet, jetzt ist er Single. „Kinder hab’ ich keine, wollte ich auch nicht.“ Seine Sammlung in Hadersdorf vererbt er via Stiftung an dem Land Niederösterreich. Das Anwesen in der Toskana „Il Giardino“ mit den Skulpturen seiner Künstlerfreunde, einem Hotel und einem Gasthaus, bekommt der italienische Staat.

Atheist

Ein älterer Mann betrachtet eine Sammlung von Rollschneidern an einer Wand.

Der Erfinder der „Eat Art“ ist überzeugter Atheist. „Der Buddhismus mit der individuellen Wiedergeburt ist mir zu läppisch. Und dass man noch daran glaubt, ein lieber Himmelvater hat die Welt erschaffen, ist naiv.“ Der Künstler trägt immer einen kleinen Meteoriten mit sich. „Der ist 4,5 Milliarden Jahre alt, da gab es noch keine Vorstellung von Leben.“ Er glaubt vielmehr an die epikureische Philosophie der Griechen. „Epikur sagt nicht, du musst fressen und bumsen, soviel du willst, sondern, genieße das Leben jetzt. Wie die Existenzialisten, die sagen, benimm dich anständig und erfreu dich so gut du kannst.“

Kaum zu glauben, dass er der Sohn des Missionars Isaac Feinstein und der gebürtigen Schweizerin Lydia Spoerri ist. Sein Vater, ein Jude, konvertierte zum evangelischen Glauben. Seine Mutter, eine Englischlehrerin, stammte aus „einer sektiererischen Methodisten-Familie“.

In Rumänien ist Daniel Spoerri, ältester Sohn von sechs Kindern, geboren. Erst ging er in eine deutsche, dann in Iasi in eine rumänische Schule. 1941 wurde sein Vater in einem Pogrom umgebracht. Ein Jahr später, Daniel war gerade 12, flüchtete die Mutter mit den Kindern – „das jüngste war gerade zwei“ – über Umwege in die Schweiz. „Es war furchtbar“, erinnert sich der bildende Künstler, der „nicht malen“ kann.

In Zürich nahm ihn sein Onkel, Theophil Spoerri, Gründer des Gotthardbundes und Rektor der Universität, auf. „Als Flüchtling musste ich die Wohltat, die man mir antat, abverdienen. Ich musste die Grasränder von den Gemüsebeeten schneiden, ich hasste das.“ Aus allen Schulen wurde er rausgeschmissen. Mit 16 brach er sie ab. „Ich war doch ein verlorener Mensch.“ Er fuhr mit der Straßenbahn zu den Bauern und bettelte um Essen, nahm alle möglichen Jobs an und fing mit einer Fotografenlehre an. „Und ich tanzte wie verrückt in solchen Existenzialisten-Kellern zur New-Orleans-Musik.“

Da kam eines Nachts der Züricher Ballettmeister Jaroslav Berger mit seinen Tänzern, „um zu sehen, wie die Verrückten da tanzen. Er zeigte auf mich und sagte, der Zigeuner, der kann besser tanzen als ihr alle. Aber er wird nie ein Tänzer, weil er die Technik nicht kann.“ Doch es sollte ganz anders kommen.

Tänzer

Ein älterer Mann und eine Frau betrachten gemeinsam ein Stoffmuster.

Als Spoerri 17 war, gabelte ihn der Psychologe und ehemaliger Tänzer Max Pfister halb erfroren auf der Straße auf. „Er hat mich auf den Weg gebracht, er hat mich geleitet. Ich trainierte als groß gewachsener Jüngling mit den 11-jährigen Mädchen klassisches Ballett.“ Schließlich bekam Spoerri von besagtem Ballettmeister Berger ein Stipendium, ging als Tänzer nach Paris und kehrte als Solotänzer und Choreograf zurück. „Mein Mentor, Pfister, entwickelte den Farbpyramidentest. Das inspirierte mich zu meinem Farbenballett.“ 1960 nützte Spoerri seine Kreativität für seine ersten Objektkunstwerke und gründete mit seinen Künstlerfreunden Jean Tinguely, Pierre Restany und Yves Klein die Gruppe „Nouveau Réalisme“.

Vor 50 Jahren hat er zum letzten Mal getanzt. „Manchmal passiert es mir, dass ich plötzlich verrücktspiele, aber das muss ich büßen. Ich hab’ ja einen Herzschrittmacher und darf nicht übertreiben“, sagt er, schmunzelt und zeigt seine Sonnenseite.

Ein Mann betrachtet eine Sammlung von Spazierstöcken.

Info:
Daniel Spoerri im Naturhistorischen Museum, bis 12. September, www.nhm-wien.ac.at
„Natürlich Natur – Paralipomena“ in Hadersdorf am Kamp bis 28. Oktober, www.spoerri.at

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