Doris Day: Blondine bevorzugt

Keine konnte einen dunklen Kinosaal mit einem Lächeln so erhellen wie sie. Hollywood-Star Doris Day war aber auch immer schon eine begnadete Sängerin. Mit 87 Jahren erobert sie jetzt weltweit die Charts.

Das hätten sich die Schlagerfuzzis Nik P. und Semino Rossi auch nie träumen lassen. In den Ö3-Top-40-Charts rangieren sie, nach sommerlichen Höhenflügen, derzeit im Mittelfeld – getrennt nur von einer Frau, aber was für einer: Doris Day, Hollywood-Legende, Grammy-Gewinnerin, Hotelbetreiberin und Tierschützerin. Mit dem jüngst erschienenen Album "My Heart" feiert die 87-jährige Dame das wohl ungewöhnlichste Comeback des Jahres. Andere mögen via YouTube, Facebook oder TV-Show für sich werben, von der am 2. April 1924 als Doris Mary Anne von Kappelhoff in Cincinnati/Ohio geborenen Sängerin genügt es, eine neue CD ins Regal zu stellen, um sie wieder zum Tagesgespräch zu machen. Die Folge: Top 10 in den britischen Charts, eine Plauderei mit Sir Paul McCartney für den "Telegraph" und unzählige Interview-Anfragen aus aller Welt. Eine Stimmung, fast wie in ihren Heydays. Dabei hat sich Doris Day vor einem Vierteljahrhundert relativ lautlos aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. "Doris Day's Best Friends", die TV-Talkshow für ihre tierischen Lieblinge, war Mitte der 1980er-Jahre das bis dato letzte Lebenszeichen für eine größere Öffentlichkeit. Der Großteil der Songs auf dem Album "My Heart" (Sony) stammt aus dieser Zeit. "Daydream" etwa, jener Titel, der den Flower-Power-Pop der New Yorker Band Lovin' Spoonful bekannt gemacht hatte. Aber so rau wie die einstige Alternative zur Schmollmund-Erotik von Marilyn Monroe diesen süßen Tagtraum besingt, ahnt man, dass selbst Superstars mitunter unsanft erwachen. Als braves Frauchen spielte sich die Blondine in "Bettgeflüster" (1959), "Ein Pyjama für Zwei" (1961) und "Ein Hauch von Nerz" (1962) wacker durch Komödien, die mühelos gegen alles bestehen, was das Œuvre von Jennifer Aniston ausmacht. Trotzdem fanden ihre Filmpartner Rock Hudson (Bild), Rod Taylor, James Garner, James Stewart, David Niven, Cary Grant, Clark Gable, Kirk Douglas und wie sie alle hießen, weitaus mehr Anerkennung als sie. Höchste Zeit, dies zu ändern. Doris Day war in 39 Spielfilmen zu sehen. Ganz schön viel. Aber: Zu hören ist die brillante Performerin wesentlich häufiger, bei mehr als 650 Liedern. Nicht zufällig ist ihr Künstlername musikalischer Natur, der geht nämlich auf das Konto ihres Lieblingssongs, "Day After Day". Ins Mikrofon eines lokalen Radios sang sie schon als Sechzehnjährige, ihren ersten Nummer-eins-Hit hatte die Enkelin deutscher US-Einwanderer 1944 mit "Sentimental Journey". Dissonanzen gab es in ihrer frühen Karriere lediglich mit Männern. Ehe Nummer eins – mit einem Posaune-Spieler – hielt nur zwei Jahre. Ehe Nummer zwei – mit einem Saxofonisten – nur drei.

Im Bild: Doris Day und ihr zweiter Ehemann Marty Melcher. Dem wichtigsten Mann an ihrer Seite – Sohn Terry Melcher – widmet sie die zwölf bisher unveröffentlichten Songs von "My Heart". Er saß bei den Aufnahmen als Produzent im Studio, starb jedoch Ende 2004 an Krebs. Seither wurde es dunkler im Dasein der Miss Day. Dass sie nun im Lied "Happy Endings" gemeinsam mit ihm zu hören ist, bringt etwas Licht in ihr Leben. Möglich also, dass ihr 90er in ein paar Jahren mit einem weiteren Album gefeiert wird. Alt, aber nicht vergessen: In einem aktuellen Kommentar eines Internet-Posters zu Doris Day heißt es etwa: "Die Dame hatte eine Figur, dass es einem die Ohren anlegt. Wow!" Sie kennen diesen Satz aus dem Nachspann im Kino: "Für diesen Film wurden keine Tiere getötet oder verletzt." Die Erste, die sich für diese Haltung stark machte, war Doris Day bei den Dreharbeiten zu Hitchcocks "Der Mann, der zu viel wusste" (1956). Ihre "Animal League" setzt sich unter anderem für misshandelte Tiere ein.
www.ddal.org Seit Langem die erste neue Scheibe von Doris Day, "My Heart", erschienen bei Sony Records.
(KURIER) Erstellt am
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