APA13693638 - 14072013 - SALZBURG - ÖSTERREICH: ZU APA TEXT KI - Brigitte Hobmeier (Buhlschaft ) während der Fotoprobe des Schauspiels "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal am Samstag, 13. Juli 2013, am Salzburger Domplatz. Premiere am 20.7.2013. APA-FOTO: BARBARA GINDL

© APA/BARBARA GINDL

Phänomen
07/21/2013

Die Buhlschaft: Eine runde Sache

Wenig Text, viel Dekolleté – die Rolle der Buhlschaft lebt von der Schaulust des Publikums

von Gabriele Kuhn

Wer Salzburg sagt, sagt Jedermann. Das freilich nicht, ohne sich im Gedanken dessen Gespielin zu nähern. Die Buhlschaft gilt als Herzstück des Festspielsommers. Und das hat – wie Freunde der Hochkultur gerne monieren – zwei Gründe, die schön verpackt im Korsett ruhen.

Nahezu keine Buhlschaft ohne üppiges Dekolleté. Also dreht sich das Domplatz-Geplapper auch um das Kleid vonJedermannsSchätzchen. Dessen Farbe prägt den Sound der Society – beim symbolstarken Rosa oder Rot wird geklatscht, beim Blau (Sophie von Kessel, 2009, mit eher züchtigem Ausschnitt) wurde gemeckert. Das Kleid soll naturgemäß rauschen und reizen. Der Rock geschüttelt, die Korsage geschnürt. Nur so kommt’s zu Schlagzeilen wie „Das Dekolleté der Buhlschaft rettet Jedermann.“ Oder Aussagen im Stile: „Ein schönes Dekolleté. Das war ein Weib!“ (Eugen Goffiller, Jedermann-Rufer über Dagny Servaes, Buhlschaft von 1926 bis 1937, Quelle: Der Spiegel)

Die Buhlschaft ist eine Rolle, für die kaum Text gelernt werden muss, und die sehr von der Schaulust des Publikums lebt. Sie ist glamourös und zeigefreudig. Der Regisseur Dieter Wedel erklärte ihre Faszination einmal so: „Diese Rolle ist so begehrt bei den Schauspielerinnen, weil sie hier ihre erotischen Reize ausleben können. Den Zuschlag der Buhlschaft zu bekommen, ist ein Kompliment, das das Theater der Frau macht. Wie eine Art Bestätigung. Du bist ein Männertraum.“

Es ist die offenherzige Rolle des Superweibs, das den reichen Mann beim Sterben nicht begleiten möchte. Deshalb wird und wurde sie stets mit „Superweibern“ besetzt: Nadja Tiller, Senta Berger, Veronica Ferres, Birgit Minichmayr etwa. Oder Sophie Rois, die 1998 zwar relativ wenig zu dem von ihr kritisierten „Titten-Fetischismus der Salzburger Gesellschaft“ beizutragen hatte, aber vielleicht gerade deshalb spannend anders wirkte.

Dekolletés und was drin ist, waren und sind das Epizentrum der Begehrlichkeit im Schaukasten der Natur. Und Diskussionsgegenstand. Warum wohl sollte das beim Theater anders sein? „Brüste wiegen faktisch nur ein paar hundert Gramm, aber ideell sind sie tonnenschwer“, schreibt Natalie Angier in „Frau. Eine intime Geografie des weiblichen Körper“. Dass das Spiel mit den Reizen großes Kino sein kann, weiß auch die Autorin Anne Hollander: „Jeder liebt Brüste. Babys lieben sie. Männer lieben sie. Frauen lieben sie. Die ganze Welt weiß, dass Brüste Apparate der Lust sind.“ Nicht nur. Sie hatten immer schon das Zeug zum Statement mit politischem Gewicht, das nur Frauen einsetzen können. Um mit Entblößung beispielsweise sexistisches Verhalten zu entblößen – siehe Femen, siehe „Slutwalk“ in Berlin. „Brüste spielen immer eine Rolle“, weiß die Autorin Florence Williams, die dem weiblichen Rund ein Buch widmete.

Das Dekolleté beschäftigte indirekt sogar einmal das Europa-Parlament und traf damit die Münchner Dirndln direkt am Herzen. Beinahe. Im Jahr 2010 wollte man nämlich Vorschriften für den Sonnenschutz für Arbeitnehmer, die viel im Freien arbeiten, durchsetzen. Mit möglichen fatalen Folgen für die traditionelle Münchner Biergartenkultur – keine nackte Haut, keine bierlaunigen Einblicke ins Dirndl mehr. Da hätte man gleich zusperren können. Aber Ende gut, Ausschnitt gut: Die „Sonnenschein“-Richtlinie wurde abgelehnt.

Selbst der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel blieb ein Beinahe-Nippelgate nicht erspart. Als „Coup d’Etat“ bezeichneten Medien im Jahr 2008 Merkels Auftritt in der Oper von Oslo, der die Körbchengröße der Politikerin recht schön ans Licht brachte. Tagelang hielt die Aufregung an und mündete in Schlagzeilen wie „Merkels Dekolleté verblüffte alle“.

Dresscode: Meistens im geschnürten Mieder

Nadja Tiller gab in den Jahren 1967 und 1968 an der Seite von Walther Reyer die Buhlschaft – eine perfekte Besetzung. Denn die schöne Schauspielerin war immerhin einmal Miss Austria und verkörperte die Edelprostituierte Rosemarie Nitribit im Film. Erotikfaktor: sehr hoch.

Christiane Hörbiger hatte die Renommee-Rolle der Buhlschaft von 1969 bis 1972 inne. Sie wird bis heute mit Jedermanns Geliebter in Verbindung gebracht – obwohl diese Nebenrolle für sie schauspielerisch keine große Herausforderung schien. Auf jeden Fall wirkte sie edel.

Auch Senta Berger gilt als Doyenne des Salzburger Domplatzes. Sie spielte das Vollweib von 1977 bis 1982 (u. a. an der Seite von Curd Jürgens) und war damals auch international ein gefeierter Star. In einem Interview sagte sie, dass man für diese Rolle Mut brauche.

Sophie Roiswar 1998 dran – und nannte das dann „Titten-Fetischismus“. Das Buhlschaftsgefühl beschrieb sie so: „Zum ersten Mal in meinem Leben so eingeschnürt.“ Und: „So was Flachbrüstiges, Heiseres haben die Österreicher bestimmt noch nicht als Buhlschaft gesehen.“

In Rosa trat Marie Bäumer als „wilde, junge Frau“ und „Verkörperung der Natur“ auf – im Jahr 2007. Sie stellte sich als Darstellerin der Buhlschaft vor allem eine Frage: „Liebt sie diesen Mann wirklich?“ Ihr Kleid: locker. Sie wollte nicht geschnürt werden, sich bewegen können.

Birgit Minichmayr, sie trat im Jahr 2010 in das Mysterienspiel ein, war erstaunt, dass sie von den Journalisten vor allem nach der Farbe des Kleides gefragt wurde. Und „ob es eh ein g’scheites Dekolleté hätte.“ Ein bisschen sei man wie eine Mozartkugel, von außen betrachtet.
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.