"Amélie" wird 25: Wie der Kultfilm über das Glücklichsein lehrt
Was Amélie Poulain mag: das Knacken der Karamellkruste einer Crème brûlée, Steine auf dem Canal Saint-Martin springen lassen und die Hand in einen Sack Getreide tauchen. Ein Vierteljahrhundert, nachdem „Die fabelhafte Welt der Amélie“ im April 2001 zunächst das französische und im Herbst darauf das deutschsprachige Publikum mit seiner surrealen Magie in den Bann zog, sind die Vorlieben der Protagonistin trotz – oder vielmehr gerade wegen – ihrer Einfachheit weiterhin fesselnd.
Zum Jubiläum holen gleich mehrere Kinos und Veranstaltungsstätten in Europa Jean-Pierre Jeunets Liebeskomödie wieder auf die Leinwand. Das Gasthaus Populorum in Bad Zell (OÖ) zeigte sie bereits im März, die britische Cineworld-Kette hat den Film seit 3. April wieder im Programm, das Berliner Forest Cinema führt ihn am 10. April auf, und auch französische Institute organisieren Jubiläumsabende.
Aber warum berührt uns die verträumte 23-jährige Amélie (gespielt von Audrey Tautou) nach all den Jahren eigentlich so sehr?
Der Kinderblick
Zum einen, sagt die Wiener Psychotherapeutin und Filmwissenschafterin Fee Louise Schwarz, greife der Film „diesen wachen Blick von Kindern“ auf, „die alles zum ersten Mal erleben und in ihrer Realität noch den ganzen Interpretationsraum offen haben“. Mit zunehmendem Alter werde diese Haltung düsterer. Wir automatisieren, und diese Automatisierung bringt Beschleunigung und in manchen Bereichen auch eine Gleichgültigkeit.
Amélie ist anders. Sie verliert sich weiterhin in Tagträumen und den Sinnen des Augenblicks, versucht ihre Kolleginnen zu verkuppeln und spielt dem fiesen Gemüsehändler Streiche. „Amélie hat den kindlichen Blick nicht verloren.“
Fee Louise Schwarz ist Filmwissenschaftlerin und Psychotherapeutin.
Ganz so kurz wie die eines Goldfischs ist die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne zwar nicht – doch auch die bewiesenen 40 Sekunden sind nicht sehr lang. Darauf reagiert die Filmindustrie. Blockbuster werden schneller, intensiver, aufgeregter. Doch manche steuern bewusst gegen, nehmen Tempo bewusst heraus und lenken den Blick auf Details. Eine unvollständige Filmliste mit ganz viel Alltagsmagie:
Big Fish: Der Versuch eines frustrierten Sohns (Ewan McGregor), Wahrheit und Fiktion in der Lebensgeschichte seines Vaters, einem Geschichtenerzähler, auseinanderzuhalten. Riesen, Hexen und utopische Städte verschwimmen in der Tim-Burton-Verfilmung von Daniel Wallaces Fantasieroman auf packend-berührende Weise mit der Realität.
Chocolat: Joanne Harris’ Roman macht das Alltägliche fantastisch: Kann Protagonistin Vianne tatsächlich die Lieblingsgeschmäcker ihre Chocolaterie-Kunden erraten? Fabelhaft verfilmt mit Juliette Binoche als Vianne und Johnny Depp als Freigeist Roux.
Grand Budapest Hotel Wes Andersons stets surreal-symmetrischer und fabelhaft-bildhafter Filmstil trifft in „The Grand Budapest Hotel“ auf Pastellfarben und eine verspielt-nostalgische Atmosphäre.
Midnight in Paris: Woody Allens Liebeserklärung an die Stadt der Liebe. Der Amerikaner Gil Pender (Owen Wilson) taucht nicht nur ins zeitgenössische Paris ein, sondern auch in das der 1920er-Jahre.
Der Schaum der Tage: In der Lunge von Chloé (Audrey Tautou) wächst eine Seerose, Klaviere können Cocktails mixen, und die Umgebung spiegelt den Gemütszustand der Charaktere. In diesem Spielfilm mischt Michael Gondry eine zarte Liebesgeschichte mit tragischer Melancholie und magischem Realismus.
Das erstaunliche Leben des Walter Mitty: Ängstlichkeit trifft auf unerwartete Abenteuer. Walter Mittys Tagträume werden wahr und führen ihn nicht nur um die Welt, sondern auch zu seinem eigenen Mut. Berührend lebensbejahend – auch bei wiederholtem Ansehen.
Das rührt nicht nur, sondern transportiert auch, in einer komplexen Ambivalenz, eine melancholische Trauer. Zunächst über den eigenen Verlust des Fabelhaften und dann auch über die Erkenntnis, dass Amélie in ihrer verträumten Welt alleine ist. Denn die 23-Jährige lebt zurückgezogen und nimmt – wie der Maler im Film analysiert – „nicht am Leben teil“.
Aufmerksamkeitsschärfe
Diese Botschaft trifft Zuseher in Zeiten ständiger Reizüberflutung noch stärker als 2001. Wer durch Social Media scrollt, ist zwar ständig beschäftigt, aber dabei immer weniger anwesend. Anstatt angehalten zu werden, die eigenen Emotionen zu spüren, werden sie einem nur mehr vermittelt. Und auf einmal ist man bloß Beobachter, allerdings ohne Amélies Aufmerksamkeitsschärfe.
Während die Protagonistin im Verlauf des Films lernt, in die Welt zu treten, den Hinweisen von Nino Quincampoix (Mathieu Kassovitz) zu folgen und sich in das herzzerreißende Abenteuer des Verliebtseins zu stürzen, so lädt der Film die Zusehenden ein, ein bisschen mehr von Amélies Weltsicht anzunehmen.
Wie das gelingen kann? „Es geht darum“, sagt Fee Louise Schwarz, „Dinge zu erleben, zu fühlen und zu sehen, wie sie zur Verfügung stehen – und nicht nur so, wie es vielleicht antrainiert ist.“
Amélies Leidenschaft, die Karamellkruste einer Crème brûlée zu knacken oder die Hand in einen Getreidesack zu stecken, sei ja eine Achtsamkeitsübung, um in die Gegenwärtigkeit zu kommen.
Den anderen wahrnehmen
Und so könne man versuchen – etwa auf dem Weg zur Arbeit oder beim Mittagessen –, Kleinigkeiten wahrzunehmen, die man sonst übersehe. Sich dafür zu öffnen, was im Moment um einen herum passiere. Denn das sei es ja, was Leben ausmacht: „Eine Aufeinanderfolge von Momenten, in die man eintauchen kann.“
Spannend sei es, nicht nur auf den Hauptreiz zu achten: „Bei der Crème brûlée geht es ja eigentlich ums Schmecken, das ist also der assoziierte Reiz. Aber was Amélie daran mag, ist das Geräusch.“
Doch die Französin spürt nicht nur, sie sieht auch genau hin: Sie weiß, wie ihr Nachbar den Kaffee trinkt, kennt die Lieblingsschallplatte des Gemüsehändlers und die Route, die der blinde Mann jeden Tag nimmt. „Diese Qualität von Aufmerksamkeit ist in unserer algorithmischen Zeit anachronistisch“, sagt Schwarz. „Es ist märchenhaft, aber absolut möglich.“
Es sei diese Sehnsucht, gesehen und selbst in den kleinen Momenten als Mensch wahrgenommen zu werden, die an Amélie fasziniert. Eine Aufmerksamkeit, die auch 25 Jahre später tief erfüllt.
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