© Antun Mauch

Reportage
01/04/2022

Geisterrennen in Zagreb: Wo Millionen an Steuergeldern versiegten

Auf dem Sljeme, wo heute und morgen Slaloms ausgetragen werden, versiegen zig Millionen Euro Steuergeld in dunklen Kanälen.

von Uwe Mauch

Weitgehend unbemerkt verlassen die insgesamt 83 High-Tech-Gondeln die Talstation in Gračani am Fuße des Bergmassivs Sljeme. 16,5 Minuten benötigt eine Gondel laut Hersteller bis zum Start der Weltcup-Slalom-Piste. 5.017 Meter und 754 Höhenmeter muss sie dabei überwinden. 1.500 Personen kann die Bahn pro Stunde befördern.

„Könnte sie befördern“, kritisiert Renato Petek beim KURIER-Lokalaugenschein. Als Abgeordneter des Zagreber Stadtparlaments meldete er vor Baubeginn Bedenken an, ob sich denn dieses seit Langem teuerste Projekt seiner Stadt je rechnen werde. „Man hat mich ausgelacht – heute weiß ich, warum.“

Seit einem Jahr fahren die Gondeln leer hinauf auf den 1.000 Meter hohen „Hirscher-Berg“, wie der Sljeme von rot-weiß-roten Skifans umgetauft wurde (Marcel Hirscher gewann fünf Mal in Zagreb). Die Seilbahn wurde von den Profis der Vorarlberger Doppelmayr-Gruppe fristgerecht in die Landschaft gestellt. Sie ist seit Jänner 2021 betriebsbereit. Doch weiterhin fehlt die finale Genehmigung.

Nach dem Tod des zuletzt heftig kritisierten Zagreber Bürgermeisters Milan Bandić (er wurde von der Wiener SPÖ jahrelang hofiert und nach handfesten Korruptionsvorwürfen nicht mehr eingeladen) im März kam Sand ins Getriebe der millionenschweren Beförderungsanlage. Jedoch auch Licht ins Dunkel.

Dubioser Weltrekord

Renato Petek kritisiert, dass Doppelmayr („die Firma trifft null Schuld“) mit einem lokalen Bauunternehmen kooperieren musste, „das in erster Linie durch reinsten Pfusch und das Absaugen von Millionen aufgrund von unklaren Verträgen auffiel“. Bei Doppelmayr in Wolfurt hielt man sich dazu zuletzt bedeckt.

Mit zusätzlichem Steuergeld wurden die ärgsten Baumängel beseitigt, sagt Petek. „Das ist inzwischen die teuerste Seilbahn der Welt.“ Ein „Go“ von den Behörden gab es dennoch noch nicht. Lärmmessungen ergaben, dass die Anlage bei der Talstation um zehn Dezibel zu laut ist.

Seit einem Jahr müssen die Gondeln regelmäßig ohne Fahrgäste im Kreis fahren, erzählen zwei Mechaniker der Zagreber Verkehrsbetriebe ZET. „Damit wir das Ding in Schuss halten können.“

Ganz andere Sorgen

Den TV-Zusehern wird es egal sein, ebenso den Skifans, die coronabedingt den beiden Rennen in Zagreb nicht live beiwohnen dürfen. Man kann auch anmerken, dass Zagrebs Einwohner nach den beiden Erdbeben vor einem Jahr andere Sorgen haben, als auf den Sljeme zu gondeln, und dass die Einnahmen der zahlungskräftigen Touristen aus Fernost deshalb nicht fehlen, weil sie aufgrund der Pandemie ausblieben. Dennoch geht der Betrieb der Geisterbahn ohne Kartenverkauf ins Geld. Renato Petek: „Nur die Personalkosten für die zwanzig Mitarbeiter belaufen sich auf 50.000 Euro pro Monat.“ Ein Klacks in Relation zur Kostenexplosion, die er kritisiert: „Anfangs hieß es, dass uns die Bahn 17 Millionen Euro kosten wird, derzeit halten wir bereits bei 100 Millionen. Um dieses Geld hätten wir zehn dringend benötigte Kindergärten, fünf Schulen und eine Brücke über die Save bauen können.“

Nach Weihnachten kam immerhin wieder Bewegung in die Seilbahn-Causa. Der zuständige Gesundheitsminister Vili Beroš verkündete eine Gesetzesänderung: Seilbahnen sind nun wie Autobahnen zu behandeln, wodurch die Lautstärke nicht länger ein Problem sein sollte.

Skeptische Skifans

Zagrebs neuer Stadtchef Tomislav Tomašević, der viele Projekte seines Vorgängers prüfen lässt, kündigte jedoch an, dass die entscheidende Betriebsprüfung frühestens Ende Jänner stattfinden kann.

Werden die Skifans 2023 mit der Seilbahn zu den Weltcup-Rennen mit dem märchenhaften Namen „Schneekönigin“ fahren? Das steht in Gračani in den Sternen. Wobei nicht wenige hier mehr die lokale Politik als die Omikron-Variante fürchten.

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