Sport 05.12.2011

Vergessen: Leichtathletik in Österreich

© Bild: ap

Fast unbemerkt ermitteln Österreichs Leichtathleten an diesem Wochenende ihre Meister. Die Kernsportart steckt in der Krise.

London und Innsbruck trennen nicht nur Tausende Kilometer, unzählige Berge und der raue Ärmelkanal, sondern vor allem zwanzig Hundertstelsekunden. Eine Ewigkeit.

9,95 Sekunden benötigte am Freitag Yohan Blake (Jamaika) für 100 Meter beim Diamond-League-Meeting in der britischen Hauptstadt. Bei 10,15 Sekunden liegt jene nationale Bestmarke, die Österreichs Sprinter an diesem Wochenende bei den Staatsmeisterschaften in Innsbruck zu unterbieten versuchten.

Einmal mehr vergeblich.

Ein Trauerspiel

Aus dem Jahr 1988 datiert der Rekord, der wie ein Mahnmal aus längst vergangenen, besseren Zeiten über der rot-weiß-roten Szene schwebt. "Die Leichtathletik in Österreich? Ein Trauerspiel", befindet Andreas Berger, einst Setzer der Bestmarke und fünf Jahre später überführter Dopingsünder. "Wir hatten in der Vergangenheit einige Spitzenleistungen. Aber wir wissen auch, wie manche davon zustande gekommen sind", sagt Ralph Vallon, seit drei Monaten der neue Präsident des Österreichischen Leichtathletik-Verbandes (ÖLV).

Außer Imageberater von Tennis-Flegel Daniel Köllerer gibt es derzeit wohl kaum schwierigere Aufgaben im österreichischen Sport. Keine Stars, kaum Veranstaltungen, immer weniger Sponsoren. Abgesehen vom Mehrkampf in Götzis macht die internationale Szene einen großen Bogen um österreichische Laufbahnen.

Wie schon 2007 und 2009 werden auch heuer bei der WM (ab 27. August) nur drei Österreicher in Südkorea starten. 1983, bei der ersten WM, stellte der ÖLV zehn Athleten, 1997 gar 13 und davor nie weniger als acht.

Die Eventkultur

"Wir müssen die Leichtathletik inszenieren", sagt Vallon und klingt dabei wie ein Marketingprofi. Der er auch ist: Der 56-jährige Kärntner war Werbeleiter bei Siemens in Österreich, Deutschland und den USA sowie Kommunikationsberater von Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer.

Ihm gefallen Events wie zuletzt das Stabhochspringen vor dem Goldenen Dachl in Innsbruck oder das Kugelstoßen in der Bahnhofshalle von Zürich. Die Leichtathletik müsse raus aus den Ovalen, hin zu den Menschen, meint Vallon: "Das ist die Zukunft."

Die Gegenwart ist davon weit entfernt. In Innsbruck werden an diesem Wochenende bestenfalls 1000 Besucher erwartet, zumindest können dort Österreichische Staatsmeisterschaften stattfinden. In Wien etwa gibt es derzeit laut Vallon keine Leichtathletik-Anlage, die den Minimalanforderungen des Verbandes entspricht.

Immerhin tummeln sich 300.000 registrierte Leichtathleten in 420 Vereinen - die meisten davon als Läufer, die wenigsten als Spitzensportler. Die meisten Rekorde stammen aus dem vergangenen Jahrtausend, aufgestellt von Athleten, die in die Leichtathletik nicht mehr involviert sind oder eigene Ideen verwirklichen. Wie Andreas Berger. Er organisiert Ende September mit Red Bull am Kulm den "härtesten 400-Meter-Lauf aller Zeiten" vom Auslauf hinauf zum Schanzentisch.

Die jungen Rekordler

Über "400 flach" lief Clemens Zeiler, 27, im Vorjahr 45,69. Er und der 31-jährige Diskuswerfer Gerhard Mayer (65,24 m im Juni 2010) sind zumindest vom Zeitpunkt der Leistung her junge Rekordler. Als Hoffnungsträger gelten Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger, der sich zum U-20-Europameister kürte, und Beate Schrott. Die 23-Jährige bewältigte als erste Österreicherin die 100 m Hürden unter 13 Sekunden (12,95).

Beide sind am Sonntag (ab 10 Uhr) in Innsbruck. Lieber wären sie freilich in London.

Mehr zum Thema

  • Analyse

  • Kommentar

  • Interview

Erstellt am 05.12.2011