Mann des Tages: Ben O'Connor

© REUTERS/STEPHANE MAHE

Sport
07/04/2021

Tour de France: Der große Tag des Ben O'Connor

Der Australier gewinnt die neunte Etappe und ist neuer Gesamtzweiter. Leader Tadej Pogacar bleibt unantastbar

Neunte Etappe der 108. Tour de France, nächster Kraftakt: Mit ihrem Ausstieg am Sonntagvormittag ersparten sich Primoz Roglic (SLO/Jumbo-Visma) und Mathieu van der Poel  (NED/Alpecin-Fenix) weitere viereinhalb Stunden im Regen von (Hoch-)Savoyen auf den 144,9 Kilometern zwischen Cluses und Tignes.

175 Kollegen gaben sich die Klettertour mit 4.624 Metern Höhendifferenz und dem Ziel auf 2.107 Metern.

Schon im ersten Anstieg zur Côte de Domancy (zweite Kategorie) flog das Feld wieder auseinander. Nach 30 Kilometern lag der Gesamtachte auf dem Asphalt, der Spanier Enric Mas war weggerutscht und fuhr mit zerrissenem Gewand auf dem Rad seines Teamkollegen Alejandro Valverde weiter.

Eine sechsköpfige Spitzengruppe um die Sprinter Sonny Colbrelli (ITA/Bahrain-Victorious) und Michael Matthews (AUS/Bike Exchange) fuhr den Zwischensprint in Praz-sur-Arly aus, mit Dylan Teuns (BEL/Bahrain-Victorious) war auch der Sieger der Freitag-Etappe dabei. 20 Sekunden dahinter kam eine Verfolgergruppe, zu der auch Patrick Konrad (Bora-hansgrohe) gehört, weitere 1:30 Minuten dahinter folgte die Gruppe ums Gelbe Trikot.

Nairo Quintanas Attacke

Nach 37 Kilometern waren die ersten beiden Gruppen vereint, im Anstieg zum Col des Saisies (1650 Meter/1. Kategorie) setzte sich der Niederländer Wout Poels (Bahrain-Victorious) ab, um seine Führung im Rennen um das Punktetrikot auszubauen.  

Inzwischen lag die Gruppe um Tadej Pogacar bereits mehr als fünf Minuten zurück.

Zentimeter nach der Bergwertung setzte sich Nairo Quintana (COL/Arkéa-Samsic) an die Spitze und baute in der folgenden Abfahrt seinen Vorsprung leicht aus, Poels ging im Anstieg zum Col du Pré (1.748 m/Hors Catégorie) die Kraft aus, er versuchte, mit Essen seine Speicher wieder aufzufüllen. 1,5 Kilometer vor der Passhöhe attackierte Quintana und sicherte sich die 20 Punkte für die Bergwertung, womit er Poels und den zweitplatzierten Kanadier Michael Woods (Israel) überholte.

Zum Cornet de Roselend (1.968 m/2.) kletterte Quintana gemeinsam mit dem Australier Ben O’Connor (AG2R Citroën) und seinem Landsmann Sergio Higuita (EF-Nippo), Wout Poels lag unterdessen schon drei Minuten zurück, die Gruppe um Tadej Pogacar gar achteinhalb, womit O’Connor virtuell Gesamtführender war. Mit 2:30 Minuten Rückstand dazwischen: Patrick Konrad (Bora-hansgrohe) in einer neunköpfigen Verfolgergruppe.

Am Ende der Abfahrt nach Bourg-St-Maurice lag das Spitzentrio gut vier Minuten vor der Gruppe Konrad und gut acht vor der Gruppe Pogacar. Quintana, der sich sich auch die vorletzte Bergwertung noch gesichert hatte, brach in Ste-Foy-Tarentaise ein, die letzten 22 Kilometer des Finales hinauf nach Tignes absolvierten Higuita und O’Connor als Duo.

Australischer Angriff

17 Kilometer vor dem Ziel hatte Ben O’Connor dann genug von seinem kolumbianischen Begleiter und ließ Sergio Higuita stehen.

Bald hatte der 25-Jährige drei Minuten Vorsprung herausgefahren. Die Gruppe Konrad konnte nicht näher herankommen und fiel wieder auf mehr als vier Minuten Rückstand zurück, die Gruppe Pogacar wollte es vermutlich nicht und hielt die Acht-Minuten-Differenz.  

Durchaus ein riskantes Spiel des Mannes in Gelb, der mit 8:13 Minuten Vorsprung auf O’Connor in den Tag gegangen war. Dem Ö-Tour-Etappensieger des Jahres 2017 (in St. Johann/Alpendorf) war’s einerlei, Ben O’Connor stampfte weiter als Solist Richtung Tignes den Berg hinauf, während hinten Ineos versuchte, Tadej Pogacar auf den Zahn zu fühlen. Dem inzwischen helferlosen Gesamtführenden war diese Aktion relativ egal, er fuhr einfach den Briten hinterher. Angenehmer Nebeneffekt: Der Abstand auf O'Connor schrumpfte wieder, Gelb war für den Ruhetag am Montag gesichert.

Slowenischer Angriff

Vier Kilometer vor dem Ziel hatte Tadej Pogacar dann genug von der Spielerei auf zwei Rädern, der Slowene attackierte und flog wie schon am Samstag mühelos Richtung Ziel.

Ben O'Connor, im vergangenen Jahr schon Etappensieger beim Giro d'Italia, holte sich nach 4:26:43 Stunden den Sieg 5:07 Minuten vor Mattia Cattaneo (ITA/Deceuninck-Quick Step) und 5:34 vor Sprinter (!) Sonny Colbrelli (ITA/Bahrain-Victorious). Tadej Pogacar sicherte sich mit seinem Schlussspurt noch den sechsten Rang (+6:02) und verpasste damit der Konkurrenz den nächsten Tiefschlag. Patrick Konrad landete mit 7:36 Minuten Rückstand auf Platz 16.

In der Gesamtwertung liegt O'Connor als neuer Zweiter nun 2:01 Minuten hinter Tadej Pogacar, neuer Dritter ist der Kolumbianer Rigoberto Urán (EF-Nippo) mit bereits 5:18 (!) Minuten Rückstand. Die 108. Tour de France, so scheint es, sie ist bereits erledigt.

Ben O'Connor grinste am Ende eines "verrückten Tages" von einem Ohr zum anderen. "Es ist ein Traum. Es zeigt auch, wer mir alles das Vertrauen geschenkt hat, meine Eltern, meine Freunde, mein Team. Ich liebe jeden Moment, den ich gerade erlebe, es ist so viel Freude. Es war wirklich eine verrückte Etappe. Als ich gehört habe, wie die Zeiten aussehen, habe ich es einfach versucht mit meiner Attacke."

Animateur und Helfer Konrad

Auch Patrick Konrad, am vergangenen Freitag Siebenter, erlebte einen ereignisreichen Tag. „Ich war heute vom ersten Anstieg an vorne und habe mich auf Julian Alaphilippe konzentriert, da ich dachte, er wäre der Mann, den es zu schlagen gilt. Ich bin da viele Attacken mitgegangen, und habe so schon in der ersten Stunde viel Energie verbraucht. Andere Fahrer sind da einfacher in die große Gruppe gekommen. Das war auch der Grund, weshalb ich am Col de Pré zu Beginn meinen eigenen Rhythmus fahren musste und nicht vorne dranbleiben konnte.“

„Am Ende fühlte ich mich wieder besser und hätte noch um Rang drei fahren können, aber ich habe dann auf Wilco gewartet, denn er war isoliert und man weiß nie, was alles passieren kann. Da ist es immer gut, jemand zur Seite zu haben“, sagte der 29-Jährige vor dem wohlverdienten Ruhetag nach einer aufregenden Woche samt Sturzpech gleich zu Tour-Beginn..

9. Etappe (Cluses–Tignes, 144,9 km): 1. O'Connor (AUS) AG2R Citroën 4:26:43, 2. Cattaneo (ITA) Deceuninck-Quick Step +5:07, 3. Colbrelli (ITA) Deceuninck-Quick Step +5:34, 4. G. Martin (FRA) Cofidis +5:36, 5. Bonnamour (FRA) B&B +6:02, 6. Pogacar (SLO) Emirates gl. Zeit, 7. Carapaz (ECU) Ineos +6:34, 8. Vingegaard (DEN) Jumbo-Visma, 9. Mas (ESP) Movistar, 10. Urán (COL) EF-Nippo alle gl. Zeit, 11. N. Quintana (COL) Arkéa-Samsic +6:38, 13. Kelderman (NED) Bora-hansgrohe +6:47, 15. Luzenko (KAZ) Astana-Premier Tech +7:36, 16. Konrad (AUT) Bora-hansgrohe gl. Zeit, 86. Van Aert (BEL) Jumbo-Visma +31:37, 103. Pöstlberger (AUT) Bora-hansgrohe gl. Zeit, 141. Haller (AUT) Bahrain +33:21, 142. Gogl (AUT) Qhubeka-Assos gl. Zeit.
Gesamt: 1. Pogacar 34:11:10, 2. O'Connor +2:01, 3. Urán +5:18, 4. Vingegaard +5:32, 5. Carapaz +5:33, 6. Mas +5:47, 7. Kelderman +5:58, 8. Luzenko +6:12, 9. G. Martin +7:02, 10. Gaudu (FRA) Groupama-FDJ +7:22, 33. Konrad +44:22, 107. Gogl +1:29:08, 129. Pöstlberger +1:36:48, 157. Konrad +1:50:00.
Montag: Ruhetag.

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