Dave Ryding: "Vielleicht habe ich mich unterschätzt"

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Foto: APA/AFP/JURE MAKOVEC Dave Ryding

Der Brite Dave Ryding, 30, war acht, als er auf Kunstmatten sein erstes Skirennen bestritt und zwölf, als er zum ersten Mal auf Schnee fuhr. Das hielt ihn nicht davon ab, einer der besten Slalomläufer der Welt zu werden.

Dave, sprechen Sie Deutsch?

Ein bisschen.   

Zum Beispiel?  

I don’t know, what Beispiel bedeutet.

Oh, sorry: For example.

Puh, da fällt mir jetzt grad nichts ein.

Mir schon: ‚Excellent‘, dass Sie in Kitzbühel Zweiter wurden. Ein Brite auf dem Podest. Das hat laut Google zuletzt Konrad
Bartelski 1981 bei der Gröden-Abfahrt geschafft.
 

Ja, das ist unglaublich, auch, wenn seither ein paar Wochen vergangen sind.

Bartelski und Ryding, da stecken der Ski und der Fahrer ja schon im Namen ...

Ja, lustig. Vielleicht ein göttliches Omen.   

Haben Sie gespürt, dass an diesem Tag was Magisches passiert?

Nicht wirklich. Ich bin vorher zwei Mal in Kitzbühel gestartet und konnte das Rennen dort bisher nie beenden. Trotzdem habe ich gewusst, dass mir der Hang liegt. Ich habe in der Nacht vorher sehr gut geschlafen, obwohl ich nervös war. Trotzdem dachte ich nicht, dass es fürs Podest reicht. Aber ich wollte schon immer eine dieser Gämsen haben und jetzt ist es wahr geworden.

Dave Ryding Foto: KURIER/Jeff Mangione

Neues Haustier für Dave: Die Gams

SKI-AUT-WORLD-MEN-SLALOM Foto: APA/AFP/JURE MAKOVEC

 Ryding nach seinem zweiten Platz im Kitzbühel-Slalom: "Es war verrückt"

Second placed Britain's Dave Ryding, foreground, g… Foto: AP/Shinichiro Tanaka

Rydings Trainingspartner Alexander Choroschilow (Platz 3) freute sich über dessen Erfolg ebenso wie Sieger Marcel Hirscher  

Die Folge war, dass  viele dachten, Sie würden kurz darauf beim Nachtslalom in Schladming wieder zuschlagen. Waren Sie selbst enttäuscht, dass es „nur“ der zehnte Platz geworden ist?  

Genau das war das Problem. Nach Kitzbühel hat jeder angefangen, etwas zu erwarten. Aber ich selbst war nicht enttäuscht. Kitzbühel war weit über dem, was ich gedacht hatte, je zu erreichen. Am Anfang der Saison war mein Ziel, unter die Top 15 zu kommen und vielleicht ein paar Top-Ten-Platzierungen herauszufahren. Dahin gehe ich jetzt zurück. Ich bin in die Saison als  Nummer 22 gestartet, jetzt bin ich Nummer 6. Das ist ein großer Schritt.

Sie haben auf Kunstmatten Skifahren gelernt. Ein Österreicher kann sich das gar nicht vorstellen mit den Bergen vor der Haustüre. Wie fühlt sich das an?

Es ist ganz anders als Schnee und wenn du hinfällst, tut es sehr weh. Aber wenn du an den richtigen Dingen arbeitest, kannst du vieles auf den Schnee übertragen. Auf den Kunstmatten war Technik sehr wichtig. Das war eine gute Basis für den Schnee.

Im Moment haben Sie fast 12.500 Fans auf Facebook. Wieviele waren es vor Kitzbühel?  

Da waren es noch  4.000. Es ist unglaublich. Wenn du aufs Podest fährst, kennt  jeder deinen Namen. Das Befremdlichste war, dass ich einen Tag nach dem Rennen nicht mit meiner Teamjacke durch Kitzbühel gehen konnte. Alle Leute wollten ein Foto mit mir machen. Es war verrückt, auch, wenn es das ist, wovon du träumst.

Wirklich verrückt. Man ist ja derselbe Mensch geblieben.  

Ich war nur einen Tag älter. Am Samstag haben mich ein oder zwei Leute angesprochen, am Montag wirklich jeder.

Im Ernst, warum wird ein Brite Skifahrer? Sie haben doch früher auch Football gespielt. Das wäre einfacher gewesen.

Stimmt, ich habe beides gemacht. Aber aus irgendeinem Grund hatte mein Vater eine Leidenschaft fürs Skifahren. Das ist bei uns auch ständig im Fernsehen gelaufen. Deshalb war es normal für mich.  

Und das ohne  Berge und Schnee.  

Das stimmt, ich musste immer woanders hinfahren, um Ski zu fahren und viel dafür aufgeben. Ich habe Kontakte zu Freunden verloren, bin selten zuhause und muss ohne Familie auskommen. Aber meine Freundin war auch Rennfahrerin und versteht mich. Ich sehe sie manchmal viele Wochen nicht. Das ist oft  hart. Aber gleichzeitig möchte ich nichts daran ändern, weil Skifahren mein Leben ist.

Ist Ihre Freundin auch Britin?

Nein, sie kommt aus Holland, war Skifahrerin, hat es aber nicht geschafft. Sie liebt es genauso wie ich und macht jetzt ein bisschen Coaching. Das ist perfekt. Vielleicht werden wir eines Tages in Österreich leben. Ich liebe das Land und fühle mich hier zuhause, wie nirgendwo sonst.

Sie trainieren vorwiegend in Hinterstoder ...   

Ja, das ist toll. Sie haben mich schon letztes Jahr unterstützt. Ich kann dort trainieren und habe perfekt präparierte Pisten.    

Ehrlich gesagt kannte ich die Region, die Sie auf Ihrem Helm bewerben nicht, bevor Sie in Kitzbühel Zweiter geworden sind.

Reini Fernsebner, der jetzt unseren Nachwuchs coacht und vor acht Jahren auch  mein Coach war, ist Österreicher und wusste auch nicht genau, wo das liegt. Jetzt ist das ein bisschen anders. Ich denke, ich habe einen guten Job gemacht.

Dave Ryding Foto: KURIER/Jeff Mangione

Ihr letzter Bewerb war der City-Event in Stockholm, bei dem Sie Vierter wurden. Ein gutes Omen für die  WM in St. Moritz. Welche Beziehung haben Sie zu dem Ort?

Letztes Jahr war ich dort für das Weltcupfinale  qualifiziert und bin 15. geworden. Das  war das drittbeste Ergebnis des letzten Jahres für mich. Es wird sehr eng werden in St. Moritz, so wie die Piste beschaffen ist.  

Träumen Sie von einer Medaille?

Niemals! Ich habe auch nie vom Podest geträumt. Als ich ein Kind war, habe ich mir vorgestellt, unter die besten 30 zu kommen. Das habe ich letztes Jahr erreicht. Der Sommer war dann irgendwie eigenartig. Ich wollte mich verbessern, wusste aber nicht, was ich von mir erwarten sollte.  Und dann werde ich in Kitzbühel Zweiter. Das muss ich nun versuchen, auf die Reihe zu bekommen.

Bei dem Gedanken an die  WM erinnert man sich an die Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City, als der Brite  Alan Baxter die Bronzemedaille gewann und sie ihm kurz darauf wegen Dopings aberkannt wurde. Wie haben Sie das erlebt?

Es ging um seinen Nasenspray. Das war zu  hundert Prozent nicht fair, weil er bewiesen hat, dass er unschuldig ist. (Anm: Baxter konnte im Anhörungsverfahren glaubhaft darstellen, dass die Substanz von einem Nasenspray stammte, der in der US-Version eine andere Zusammensetzung hatte als in der britischen.)  Seine Unschuld wurde akzeptiert, aber die Medaille haben sie ihm nicht zurückgegeben. Vielleicht starte ich eine Kampagne, um seine Medaille zurückzubekommen. Er war mein Held. Ich wäre glücklich, wenn es so wäre.

Die Bronze-Medaille wurde damals Benni Raich zuerkannt. Glauben Sie, Baxter hat sich damit ausgesöhnt?

Ich sehe ihn noch oft und weiß, dass er es akzeptiert hat. Aber er hat drei Kinder, denen er bald erklären muss, was damals passiert ist. Bisher waren sie noch zu klein. Die Leute sprechen noch heute über seine Medaille. Alan musste mit seinem Leben weitermachen, aber für sein Herz wäre es ein Traum, wenn er seine Medaille zurückbekommen würde.

Aus wievielen Personen besteht das britische Team eigentlich?

Bei den Männern bin ich der Einzige, bei den Damen gibt es noch Alex Tiley, die auch schon ein paar Top-30-Platzierungen hat. Im Weltcup gibt es also nur Alex und mich. Dann haben wir ein Mädchen, das sich im Europacup gut macht und ein paar jüngere Burschen, die gerade im Europacup angefangen haben.

Fühlt man sich als kleines Team manchmal im Schatten jener Teams, die viel größere Mittel haben?

Das ist natürlich ein Vorteil für sie, aber ich habe auch zwei Menschen, die sich um mich kümmern. Ich fühle mich nicht benachteiligt, weil ich gutes Training bekomme  und auch toll mit anderen Teams zusammenarbeite.

Gibt es denn Freundschaft im Skizirkus?

Jeder kennt jeden, aber am besten bin ich mit Alexander Choroschilow (Anm. russischer Skirennläufer), weil ich mit ihm trainiere.  Daniel Yule aus dem Schweizer Team kenne ich auch sehr gut. Seine Eltern sind beide Briten. Ich hätte gerne, dass er zu uns wechselt, das wäre echt gut.

Was halten Sie eigentlich von „Eddie the Eagle“, dem ersten Skispringer, der bei Olympischen Spielen für Großbritannien an den Start gegangen ist?

Um ehrlich zu sein, hab ich seine Geschichte nie verfolgt. Ich weiß, dass er Skispringer war und es einen Film über ihn gibt. Er ist ein verrückter Kerl. Ich würde nie eine Schanze runterspringen, nicht einmal mit meinen eigenen Skiern.  Natürlich habe ich Respekt davor.

Wer jemals die eisige Piste in Schladming mit eigenen Augen gesehen hat, wird sagen, es ist nicht weniger verrückt, da hinunter zu fahren. 

Es ist wirklich steil und eisig. Die Leute am Rand der Piste haben nur so geschaut, als ich den Kurs inspiziert habe.  Da realisiert man erst, was wir da eigentlich leisten.  Dort Grip zu finden, ist schwierig. Es ist harte Arbeit, dorthinzukommen.  

Wie soll es jetzt weitergehen Dave?   

Um ehrlich zu sein, werde ich erst Ende des Jahres darüber nachdenken. Während der Saison kann ich nicht viel an meiner Technik ändern, erst im  Sommer. Meine  Ziele bleiben dieselben. Vielleicht habe ich mich am  Anfang der Saison unterschätzt, aber man weiß nie, wie die anderen fahren.

Manchmal wette ich ein paar Euro auf die ersten drei in einem Skirennen.  Soll ich in St. Moritz auf Sie setzen?   

Das Schöne am Skisport ist, dass manche Fahrer weiche Pisten mögen, andere Eis oder steile Hänge. Es muss alles zusammenpassen. Die Besten beherrschen alles. Ich mag schwierige und steile Pisten wie in Kitzbühel. Da kann ich auch  Zweiter werden. Wenn mir eine Piste nicht so liegt, lande ich auf den Plätzen zehn bis 15.

Was sind Ihre Bedingungen?

Ich bin nicht immer der Schnellste, aber solide  und technisch stark. St. Moritz ist eine  der Pisten, auf denen man Vollgas geben muss. Die Top 15 werden bei der WM innerhalb von  einer Sekunde liegen. Außer,  es hat jemand den Run seines Lebens.

Auf wen setzen wir jetzt?  

Hirscher und Kristoffersen sind für mich ohnehin gesetzt. Dann habe ich Myhrer auf der Rechnung, wenn er keine Rückenschmerzen hat. Feller wird auch schnell sein. Er wird abgehen wie einen Dampflokomotive. Er ist ein cooler Typ, anders als die anderen. Ich habe sehr viel Respekt vor seinem Lebensstil.

Wer hat Ihnen nach dem Kitzbühel-Erfolg das schönste Kompliment gemacht?  

Marcel Hirscher. Er meinte, es wäre unglaublich, was ich erreicht habe. Ich glaube, er versteht, dass ich nicht denselben Background habe, wie die Leute aus den Alpen. Die Besten sagen immer nette Sachen. Ich habe den Legenden jahrelang beim Skifahren zugeschaut und sie verehrt. Wenn dir einer von ihnen ein Kompliment macht, ist das nur Wow! Es  bedeutet mir viel.

Hadern Sie manchmal damit, dass Sie erst mit acht auf Skiern gestanden sind, während andere schon mit vier Jahren anfangen? Es verschiebt sich alles nach hinten.

Vielleicht hilft es mir ja auch, dass ich später angefangen habe. Ich bin jetzt 30 und noch immer motiviert. Wenn ich, wie Marcel, mit 18 schon Rennen gewonnen hätte, wäre ich mit 30 vielleicht schon ausgelaugt.

Dave Ryding Foto: KURIER/Jeff Mangione

Dave Ryding beim Interview mit Barbara Reiter in Wien

Der Durchstarter

Dave Ryding
Foto: KURIER/Jeff Mangione

Dave Ryding, 30,  wurde in der Grafschaft Lancashire im Nordwesten Englands geboren. Sein Vater, ein Skifan, ermöglichte  Dave und seiner Schwester – mangels Schnee und Bergen in Großbritannien – auf Kunstmatten Skiunterricht zu nehmen.  Als Ryding mit zwölf zum ersten Mal auf echtem Schnee stand, entdeckte er sein Gespür dafür. Er wurde vier Mal britischer Meister  und kämpfte sich bei FIS-Wettkämpfen stetig nach oben – bis zum Triumph in Kitzbühel 2017, als er beim Slalom hinter Marcel Hirscher Zweiter wurde.  An Talent glaubt Ryding, der mit einer Holländerin liiert ist, nicht. „Ich glaube, Talent wird gemacht. Es ergibt sich aus deinem Training und deiner Erziehung.  Ein einjähriger Hirscher, ein einjähriger Ryding: almost equal. Es konnt drauf an, was du danach tust.“

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(freizeit KURIER am Samstag) Erstellt am
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