Weltmeister Carlsen spielte blind in Wien
Matt vom Schach? Niemals. Wie ein König wurde er in der Hofburg empfangen, wie ein Turm in der Brandung marschierte er an den Fiaker-Rössern vorbei, bewacht von Mit-Läufern und Damen. Auch wenn der Rahmen recht übersichtlich war.
Magnus Carlsen wurde von einer kleinen Gruppe (der Vereinigung Internationaler Anwälte) eingeladen, um eine Kostprobe seines Könnens abzuliefern. Immerhin – so oft hat man keinen Weltmeister am Zug. Eine Kostprobe musste er natürlich schon ablegen.
Simultanschach nennt sich so etwas. Schwierig genug, aber der Norweger Carlsen hat sich dann schon noch etwas anderes ausgedacht: Er lässt sich gelegentlich die Augen verbinden und spielt blind. Am Dienstagabend tat er dies auch und spielte gegen fünf Mitbewerber (okay, das waren keine Weltmeister). Durch einen Lapsus eines dieser Herren (der hatte wirklich keinen Durchblick) musste das ganze Spiel nach wenigen Minuten noch einmal von vorne angefangen werden.
Dann funktionierte es. Zwölf Minuten hatte Carlsen für jeden Gegner. "Damit hätte er zu ,Wetten, dass..?‘ gehen können", sagte ein Herr. Freilich mit Augenzwinkern. Immerhin saß hier ja kein Mann, der zum Beispiel am Fußgeruch der Gummistiefel jeden Fischer aus Ostfriesland erkennen würde. Richtig, der weltbeste Schachspieler, den manche Zeitungen sogar als den Justin Bieber des Schachsports (was hat der arme Carlsen denn verbrochen?) bezeichneten.
Jedenfalls war die Prüfung selbst für den 24-Jährigen zu schwierig, Carlsen verlor zwei von fünf Partien, schmiss aber danach nicht vor Wut die Figuren durch die Hofburg. "Es ist eben verdammt schwierig. Ich habe das gleiche Format bislang erst gegen drei Gegner gespielt. Es war sehr anstrengend, vor allem die knappe Zeit war ein Problem. Dagegen wird die Blitz- und Schnell-Schach-WM fast leicht werden."
Kleiner Großmeister
Sicher, er ist dort Favorit. Dort ist Berlin, wo von 9. bis 14. Oktober eben die Blitzschach-WM ausgetragen wird. "Das wird nicht leicht, die Konkurrenz schläft nicht", sagt Carlsen, was er eigentlich vor jedem großen Titel sagt.
Apropos: Als größten Erfolg bezeichnet er seinen ersten Titel, als er 2004 Großmeister wurde. In einem Alter, in dem andere Buben Fußball spielen oder Räuber und Gendarm. "Damals wusste ich, ich kann es schaffen. Das war riesig." Im selben Jahr schrieb sein Trainer Simen Agdestein (der erst beim Vienna Open in Wien war) das Buch "Wonderboy". Freilich muss auch ein Wonderboy auf sich schauen und als Schach-Sportler auch mal ins Schwitzen kommen. "Man muss nicht unbedingt topfit sein als Schachspieler. Aber es hilft ungemein."
Und deshalb betreibt er selbst Sport, wie er sagt. Fußball, Basketball, Tennis macht er regelmäßig, obendrein ist er ein guter Skifahrer. Ganz oben steht natürlich der Fußball. "Ich bin Real-Madrid-Fan", sagt Carlsen. Einen Lieblingsspieler habe er dort aber keinen.
Magnus Carlsen ist absolut die Nummer eins der Welt, in seinem Metier unerreicht. Er selbst sieht sich eher als Kämpfer. "Ich bin ein völlig normaler Kerl", sagte er einmal in einem Interview mit dem Spiegel. "Mein Vater ist wesentlich intelligenter als ich." Und auch sein Manager sagt (das muss er ja): "Er ist ein netter Kerl ohne jedwede Star-Allüren."
Wie die Zukunft aussieht für einen, der mit gerade einmal 24 Jahren schon alles gewonnen hat? "An dem Tag, an dem ich nichts mehr dazulerne, höre ich auf."
Dieser Tag wird jedoch so schnell nicht kommen.
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