Sport
27.03.2018

Sanktionen: Irans Sportler stecken in der Klemme

Der Fußball-Teamkapitän spielt für die Nationalmannschaft, obwohl er, weil er gegen Israelis kickte, gesperrt ist

Der Iran absolviert heute in Graz (18 Uhr) ein Testspiel gegen Algerien. Dem Nationalteam droht allerdings 79 Tage vor der WM politischer Ärger. Das iranische Parlament will den Sportminister und eventuell auch den Präsidenten des Fußball-Verbandes einbestellen.

Es geht um Massoud Shojaei. Der 33-Jährige ist Kapitän des iranischen Nationalteams, führte am Freitag in dieser Funktion seine Kollegen in Tunis gegen Tunesien auf das Spielfeld. Das hätte er aber nicht dürfen, denn er ist für Länderspiele gesperrt.

Der Grund: Wegen der politischen Feindschaft mit Israel dürfen iranische Sportler seit mehr als 38 Jahren nicht gegen israelische Sportler oder Mannschaften antreten. Aber in der Europa-League-Qualifikation spielten Ende Juli/Anfang August 2017 Shojaei und Landsmann Ehsan Hajsafi mit ihrem damaligen griechischen Klub Panionios Athen gegen das israelische Team von Maccabi Tel Aviv.

Daraufhin warf der Verband beide aus dem Team. „Die beiden Spieler haben die rote Linie überschritten“, sagte der iranische Vizesportminister Mohamed Resa Da warsani. Die regierungstreue Nachrichtenagentur Raja News schrieb: „Schämt euch, Ehsan und Massoud!“. Hajsafi wurde bald pardoniert, durfte Ende August wieder im Team spielen. Nicht aber Shojaei.

Nach dessen Rauswurf war Ashkan Dejagah Kapitän. Der jetzt 31-Jährige war vereinslos, ist erst seit Anfang des Jahres bei Nottingham in der zweithöchste Liga Englands. Allerdings musste er sich nach einem ersten Kurzeinsatz am Knie operieren lassen und wird erst im April sein Comeback feiern. Dejagah kam mit einem Jahr nach Deutschland und wuchs in Berlin auf, spielte 50 Mal in deutschen Nachwuchsauswahlen, sah aber keine Chance ins A-Team zu kommen. 2012 entschied er sich für den Iran, wo er bisher 44 Mal den Teamdress getragen hat.

Angst um die Familie

Vor zehn Jahren weigerte er sich, mit dem deutschen Unter-21-Team nach Israel mitzufliegen. Damals erklärte er: „Iranische Staatsbürger, die nach Israel einreisen, müssen mit harten Strafen, mit mehreren Jahren Gefängnis rechnen. Meine Eltern fahren jedes Jahr mehrmals in den Iran. Wir haben noch viele Verwandte in Teheran. Es ging bei der ganzen Sache gar nicht um mich, das habe ich für meine Familie getan.“

Der Iran hatte sich Mitte Juni 2017 unter Leitung des portugiesischen Teamchefs Carlos Queiroz als zweites Team nach Brasilien sportlich für die WM qualifiziert. „Die Vorfreude ist riesig. Die Menschen im Iran leben Fußball“, sagte Dejagah. Zu den Länderspielen strömen regelmäßig rund 100.000 Fans in die riesige Betonschüssel, ins Teheraner National-Stadion.

Aber nicht nur im Fußball sorgte die Sportpolitik für Aufsehen. Auch im Ringen, eine Sportart, die im Iran fast an die Popularität von Fußball herankommt. Ende Februar ist der Chef des iranischen Ringerverbandes zurückgetreten. „Manchmal ist Rücktritt der beste Auftritt“, schrieb Rassul Chadem. Der Hintergrund: Freistilringer Ali-Reza Karimi musste bei der U-23-WM in Polen 2017 auf Anweisung seiner Trainer im Viertelfinale verlieren, weil er sonst gegen den Israeli Uri Kalashnikov hätte antreten müssen. Karimi wurde ein halbes Jahr gesperrt.

Die Liste iranischer Verweigerer ist lang, sie gab es im Karate, Badminton, Tennis Beachvolleyball, Fechten, Tischtennis.

Irans erster Olympia-Schwimmer Mohammad Alirezaei sagte 2008 bei den Spielen in Peking vor seinem Vorlauf krankheitsbedingt ab, weil er mit dem Israeli Gal Nevo nicht ins Becken gehen wollte.

Judo-Weltmeister Arash Miresmaeili galt 2004 als Favorit auf Olympia-Gold. In der ersten Runde wurde ihm der Israeli Ehud Vaks zugelost. Beim offiziellen Wiegen war Miresmaeili zwei Kilo zu schwer, der Kampf fand nicht statt. Weil er nur übergewichtig war, wurde er vom internationalen Verband auch nicht gesperrt.