Fehlgriff: Judoka Sabrina Filzmoser wurde disqualifiziert.

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Österreichs olympische Nullen
08/04/2012

Österreichs olympische Nullen

Die olympische Zwischenbilanz ist erschreckend: Österreich ist ein sommersportliches Niemandsland.

Es gibt auch andere Länder, die nach knapp einer Woche ohne Medaille dastehen. Aber nicht viele. Österreich schrammt an einer olympischen Nullnummer entlang, wie sie erst einmal – 1964 – passiert ist. London 2012 erinnert aber auch an die fast unglaubliche Pannenserie in Seoul 1988. Damals ging Radler Didi Hauer im Wald verloren; Boxer Biko Botowamungu holte sich Goldzähne statt der Goldmedaille; Schwimmer Thomas Böhm sagte, er habe zu wenig trainiert; ein anderer sprang so provokant früh ins Wasser, dass er damals schon nach nur einem Fehlstart disqualifiziert wurde; die Segler ratterten mit Bronze vor Augen zwanzig Meter vor der Ziellinie über einen Baumstamm; Weitspringer Andreas Steiner musste wegen einer angeblich ansteckenden Krankheit das olympische Dorf verlassen; die Ruderer Bauer/Sinzinger wurden von einem anderen Boot vor dem Start versenkt; und Hugo Simon plumpste in den Graben. Diesmal – 24 Jahre danach – fiel Reiter Harald Ambros vom Pferd und Turner Fabian Leimlehner vom Reck. Sabrina Filzmoser griff einer Gegnerin regelwidrig ans Bein und wurde disqualifiziert. Kajak-Doppel-Weltmeisterin Corinna Kuhnle ließ in jenem Wildwasser-Kanal, neben dem sie lebt und in dem sie täglich trainiert hat, ein Tor aus. Markus Rogan wurde wegen eines falschen Tempos vom Kampfrichter disqualifiziert, mit dem er diese Wende geübt hatte. Die Liste der Hoppalas ist nicht so beeindruckend wie jene von 1988, doch es sind wie immer auch die Sportarten, in denen Österreich gar nicht vertreten ist, die schmerzen: Kunstspringen, Rudern, Taekwondo, Boxen und vor allem Mannschaftssportarten. Das größte Team umfasst drei Personen, und die spielen Tischtennis.

Quotensportler

Dazu kommt, dass Österreich in manchen Disziplinen nur mit Quotensportlern vertreten ist. Quasi mit Exoten, die nicht mehr tun sollen, als die Mängel zu verschleiern: Badminton, Fechten, von Ausnahmen abgesehen die Leichtathletik, Pferdesport. Wie sich zeigte, auch Tennis. Zu allem Überfluss lassen dann auch noch die Vertreter jener Sportarten aus, die zuletzt eher zu den erfolgreichen zählten, wie zum Beispiel die Judokämpfer und offenbar auch die Schützen. "Ich bin ein wenig enttäuscht", sagt Sportminister Norbert Darabos, "nur zu Olympia zu fahren und die Atmosphäre zu genießen, ist zu wenig. Es sollte schon das Ziel sein, Medaillen heim nach Österreich zu bringen." Darabos fordert sehr deutlich eine Reform. Sein Konzept zur Neustrukturierung der Dach- und Fachverbände liegt seit einiger Zeit auf dem Tisch. Aufgrund der politischen Lobbys scheint ein Erfolg dieser Reform fraglich. "Es gibt schon zu denken, dass der vierte Platz von Dinko Jukic über 200 Meter Delfin, diese Weltklasse-Leistung, ausschließlich durch die positive Besessenheit der Familie Jukic zustande gekommen ist, und nicht durch unser Förder-System", sagt Darabos. "Bei Rogan war’s dasselbe. Das kann nicht sein."

So schnitten Österreichs Nachbarländer ab (Stand Freitag früh)

Gold Silber Bronze
Deutschland 4 8 5
Tschechien 0 1 0
Slowakei 0 0 3
Ungarn 2 1 2
Slowenien 1 0 1
Italien 4 5 2
Liechtenstein 0 0 0
Schweiz 0 0 0

Pechvogel

Von Kuhnles Leistung war Darabos trotz des achten Platzes angetan. "Sie hat Klasse bewiesen und im Finale Pech gehabt." Die Niederösterreicherin war die wohl größte rot-weiß-rote Medaillenhoffnung. Als Favoritin im Lee Valley White Water Centre gestartet, fehlten mehr als 13 Sekunden zum Sieg. Tor 5 wurde der 25-Jährigen zum Verhängnis: "Ich habe die Strömung falsch eingeschätzt und hab` dann zurückfahren müssen", sagte Kuhnle, während 13.000 Liter pro Sekunde durch den künstlich angelegten Kurs flossen. Das reicht, um 75 Wannen zu füllen, in denen man baden gehen kann. "Ich habe meine Leistung nicht gebracht und bin natürlich enttäuscht", sagte Kuhnle.

Silberstreif

Norbert Darabos erhofft sich noch drei Medaillen. Von den 470er-Seglern Matthias Schmid und Florian Reichstädter, die nach zwei Wettfahrten Zweite sind; vom Tischtennis-Team; und von Yvonne Schuring und Viktoria Schwarz, die als Weltmeisterinnen im Flachwasser-Sprint zu den Gold-Favoriten zählen. Der Burgenländer sagt: "Im Flachwasser können die Damen wenigstens kein Tor auslassen. Aber im Ernst: Kuhnles Leistung war trotz des Fehlers eine der besten hier." Aber vielleicht passiert ja noch das Unerwartete. Was passiert, wenn die Schützen Thomas Farnik und Christian Planer Ring um Ring abknallen? Wenn Ringer Amer Hrustanovic die behaarten Kontrahenten entnervt? Wenn sich Fünfkämpfer Thomas Daniel die Sporen gibt? Dann ist London 2012 nicht Tokio 1964. Und das ist ja auch schon was.

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