© Jürg Christandl

Volleyball
10/30/2012

Kleinmann: "Sportler gelten als Trotteln"

Sportmanager und Volleyball-Präsident Peter Kleinmann kämpft an der Spitze der Initiative für eine tägliche Turnstunde.

Peter Kleinmann wirkt ungewohnt entspannt. 65 ist er mittlerweile, Großvater und seit wenigen Wochen in Pension. Doch müde ist der Wiener nicht. Noch immer ist er Präsident des Volleyball-Verbandes und Vizepräsident der BSO (Bundes- Sportorganisation), die die Interessen des Sports in Österreich vertritt.

Kleinmann ist ausgeglichener als früher, als er sich mit seiner unverblümten Art nicht nur Freunde gemacht hat. "Ich beschäftige mich seit ein paar Monaten mit gewaltfreier Kommunikation", sagt der Sportmanager. Dies tue ihm gut und gebe Kraft für den Kampf für die tägliche Turnstunde in Österreichs Kindergärten und Schulen. Die Initiative dafür geht in erster Linie von ihm aus.

KURIER: Fast 70.000 Menschen haben für eine tägliche Turnstunde unterschrieben. Doch warum wurde die Initiative erst diesen Sommer gestartet?
Peter Kleinmann: Weil Olympia ein Geschenk des Himmels war. Hätten wir auch nur eine Medaille gemacht, hätte mir keiner zugehört.

Sie wollen bereits im Schuljahr 2013/’14 die tägliche Turnstunde haben. Ist das realistisch?
Das Wort realistisch ist für mich das blockierendste Wort der Welt. War es realistisch, dass einmal einer auf den Mond fliegt oder dass ich einmal mit den hotVolleys ins Final Four der Champions League komme? Eben. Man muss seine Ziele an die Spitze des Denkens stellen.

Warum ist Ihnen dieses Thema so wichtig?
Wenn man bis zum sechsten Lebensjahr Bewegung im Hirn implementiert, macht ein Mensch sein Leben lang Bewegung. Wenn man bis zum zehnten Lebensjahr die Feinmotorik implementiert, kann ein Kind außergewöhnliche Leistungen vollbringen. Macht man das nicht, lässt sich das nie wieder aufholen.

Ist die tägliche Turnstunde also auch Voraussetzung für den Spitzensport?
Sie bringt nicht Medaillen, aber eine breitere Basis. Das Hauptproblem ist ja, dass in Österreich nur 28 Prozent Sport betreiben.

Woran liegt das?
Wir haben ein Dogma: Lernen oder Sport. Es muss heißen Lernen UND Sport! Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass durch Bewegung nicht nur die Muskeln wachsen, sondern auch das Hirn. Wir müssen das Dogma verändern und dafür sorgen, dass der Sport einen höheren Stellenwert bekommt. Zurzeit ist er das Stiefkind der Politik. Warum ist der Sport so viel weniger Wert als die Kultur? Ich will der Kultur nichts wegnehmen, aber eine Gleichstellung wäre doch schön.






 

Woher sollen die zusätzlichen Trainer kommen?
Der Sport würde die Trainer zur Verfügung stellen. Wir würden zum Beispiel unsere Nachwuchstrainer von den hotVolleys schicken oder Peter Schröcksnadel seine Instruktoren.

Und wer baut die nötigen Sporthallen?
Man kann im Freien alles machen. Die Kinder sollen Eislaufen lernen, Schwimmen, Radfahren. Und natürlich müssen wir die Grundsportarten lehren, die Koordination fördern. Jedes Kind muss laufen können, springen und werfen. Aber natürlich muss man zuvor die fünf Turnstunden pro Woche gesetzlich verankern, damit die Politik zum Handeln gezwungen ist. Die Forderung wird mittlerweile von allen fünf Parteien getragen.

Trotzdem muss die Familie ein gesundes, sportliches Verhalten vorleben.
Das sollte sie. Doch die Eltern heute wachsen bewegungslos auf und können Bewegung ihren Kindern nicht mehr vermitteln. Also muss das der Kindergarten machen und die Schule.

Wird der Sport in Österreich zu wenig geschätzt?
Natürlich. Wir haben ein Dogma, dass hundert Prozent der Kinder lesen, schreiben und rechnen können müssen. Warum nicht bewegen? Das verstehe ich nicht? Außerdem ...

Außerdem ...?
Warum gilt in Österreich ein Sportler prinzipiell als deppert und ein kulturell Tätiger prinzipiell als Intellektueller? Aber wir können das gerne testen. Wir fragen einen Philharmoniker beim dritten Musikstück nach der achten Note, was er sich gedacht hat, als er das gespielt hat. Da redet der den gleichen Blödsinn wie der Sportler. In englischsprachigen Ländern gelten gute Sportler als leistungsstarke Menschen und in Österreich als Trotteln. Die Österreicher glauben ja sogar, dass der Schwarzenegger deppert ist.


 

Kleinmann wurde 1947 in Wien geboren. Als Volleyballer wurde er neun Mal Meister und absolvierte 88 Länderspiele. Als Trainer bzw. Manager formte er die Wiener hotVolleys zu einem internationalen Spitzenteam, das das Final Four der Champions League erreichte. Derzeit spielen die Wiener in der Meisterschaft eine untergeordnete Rolle.

Die Initiative "Ich will, dass die tägliche Turnstunde vom Kindergarten bis in jede Schulform gesetzlich verankert wird und von ausgebildeten Sportexperten geleitet wird", sagt Kleinmann. 70.000 Österreicher haben bisher unterschrieben.

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