Eleganter Vorfahrer: Hannes Reichelt setzt in der Abfahrt auf sich und auf Matthias Mayer.

© APA/EPA/GEORGE FREY

Herren-Abfahrt
02/07/2015

Ein schnelles Duo kämpft gegen die Un-Serie

Olympiasieger Matthias Mayer und Super-G- Weltmeister Hannes Reichelt greifen nach dem ersten WM-Gold für Österreich in der Abfahrt seit 2003.

Vor zwölf Jahren endete eine stolze Serie für die österreichischen Abfahrer: Michael Walchhofer war 2003 in St. Moritz der letzte, der WM-Gold gewinnen konnte. Vor dem Salzburger hatten Hannes Trinkl und Hermann Maier die für viele Fans wichtigste Auszeichnung im alpinen Skirennlauf gewonnen, seither aber jubelten andere bei den Weltmeisterschaften:

2005 in Bormio siegte Bode Miller für die USA;

2007 gewann in Åre der Norweger Aksel Lund Svindal;

2009 siegte in Val d’Isère John Kucera als erster Kanadier;

2011 legte Erik Guay in Garmisch-Partenkirchen als zweiter Kanadier nach;

und vor zwei Jahren holte sich in Schladming erneut Aksel Lund Svindal die begehrte Trophäe.

Serien mit Ablaufdatum

Höchste Zeit also für den nächsten Erfolg in Rot-Weiß-Rot, zumal in der Abfahrt von Beaver Creek am Samstag (19 Uhr MEZ, live ORFeins) mit dem Kärntner Matthias Mayer der einschlägige Olympiasieger des vergangenen Jahres am Start steht und mit dem Salzburger Hannes Reichelt auch der frischgebackene Weltmeister im Super-G. Und der Salzburger hatte ja mit seinem Erfolg am Donnerstag ebenfalls eine Durststrecke beendet – der letzte österreichische Weltmeister im Super-G war 2003 Stephan Eberharter, der die zeitgleichen Hermann Maier und Bode Miller auf den Silberrang verwiesen hat.

17-mal haben die Österreicher bei den bislang 42 Weltmeisterschaften die Abfahrt gewonnen, elf Mal die Schweizer, sechs Mal die Franzosen, je zwei Mal die Italiener, Kanadier und Norweger. Der letzte österreichische Sieger einer Abfahrt in Beaver Creek ist freilich der letzte Weltmeister: Michael Walchhofer gewann im November 2007 in Colorado. Und der vorletzte war Hermann Maier anno 2003.

Ein Berg für Männer

"Im Weltcup gibt es viele Abfahrten, die eigentlich eher Kinderhügel sind", sagt der Amerikaner Ted Ligety. "Das hier ist ein Berg für Männer." Entworfen wurde die Piste Birds of Prey vom Schweizer Bernhard Russi, selbst in den Jahren 1970 und 1972 Abfahrtsweltmeister und seit vielen Jahren als gefragter Pistenbauer weltweit im Einsatz. "Auf dieser Piste kannst du nur Medaillen gewinnen, wenn du keine großen Fehler machst", sagt Russi über seine Strecke, die 1997 erstmals befahren worden ist. "Und Fehler sind immer möglich. Im Steilhang, wo es eine sehr schwierige Kurvenfolge gibt. Am Start, wenn das Material nicht perfekt ist. Oder an Schlüsselstellen wie dem Golden-Eagle-Sprung."

Dieser ist unter anderem auch schon dem Norweger Aksel Lund Svindal zum Verhängnis geworden – nach einem kapitalen Crash drohte dem Norweger 2007 kurz gar ein Leben mit einem künstlichen Darmausgang, weil er sich an einer Skikante den Unterleib aufgeschlitzt hatte.

"Als ich den Berg erstmals gesehen habe, war mir klar, dass es gar nicht viel zu verändern gibt. Denn dieser Berg bringt alles mit, was eine Abfahrt braucht", sagt Bernhard Russi. Und die Weltelite der Abfahrer pflichtet ihm bei. Zufallssieger gibt es auf dieser Strecke nicht.

Im Super-G am Donnerstag hat sich Kjetil Jansrud aus der Favoritenrolle für die Abfahrt am Samstag befördert. Für den Norweger endete der Super-G mit einem Besuch im Krankenhaus von Vail. Der Norweger war wuchtig schon ins dritte Tor gerast und zog sich eine Schulterverletzung zu. "Die Schulter scheint in Ordnung zu sein, aber er hat Schmerzen", ließ das norwegische Team verlautbaren.

Matthias Mayer ist zuversichtlich: "In Lake Louise und Gröden war es kalt, da waren wir nicht vorn. Aber vom Wetter her ist es jetzt kein großer Unterschied zu den letzten Rennen in Europa, und da waren wir dabei. Die milden Temperaturen sind für uns sicher kein Nachteil."

Locker & leicht

Und der bereits vergoldete Hannes Reichelt findet, dass die ganze Sache für ihn nun schon leichter sei. "Der ganz große Druck ist weg", nun bleibt dem 34-Jährigen noch ein großes Ziel: Die Wiedergutmachung für die letzte Abfahrt in Beaver Creek im Dezember. "Die Fehler, die ich da gemacht habe, möchte ich nicht wiederholen und im Steilhang auf jeden Fall besser Ski fahren. Darauf arbeite ich hin." Deswegen gönnte sich der Radstädter auch keinen freien Freitag, sondern nutzte auch dieses Training, um am richtigen Zugang zu dieser Schlüsselpassage zu feilen.

Und überhaupt gibt es für Hannes Reichelt und Matthias Mayer noch etwas nachzuholen – die gemeinsame Siegesfeier, zu der es am Donnerstag nicht gereicht hat. "Der Mothl fährt mit der Wut im Bauch, und ich hab’ den großen Druck nicht mehr", diese Zutaten lassen für den Höhepunkt der WM doch einiges erwarten aus österreichischer Sicht.

Gastgeber unter Druck, Außenseiter aus Frankreich

Wenn die österreichischen Abfahrer eine zwölfjährige WM-Durststrecke beklagen, so sind das in Relation zu anderen Nationen kleine Sorgen: Schon seit 1997 warten die Schweizer auf den nächsten Erfolg; Bruno Kernen II war in Sestriere der letzte Eidgenosse, der die Medaille aller Medaillen bekommen hat. Und die Franzosen warten bereits seit 1968 auf einen Nachfolger für Jean-Claude Killy.

Immerhin, mit Super-G-Bronzemedaillengewinner Adrien Théaux und dem nach seinen Rückenproblemen wieder fitten Guillermo Fayed haben „Les Bleus“ am Samstag zwei Kandidaten im erweiterten Kreis der Medaillenkandidaten. Und die Schweizer setzen auf die Künste von Carlo Janka und Didier Défago.

Die Favoriten In der Favoritenrolle aber befinden sich neben Matthias Mayer und Hannes Reichelt vor allem die Norweger Kjetil Jansrud und Aksel Lund Svindal – und das, obwohl der eine nach seinem brutalen Torkontakt im Super-G eine schmerzende Schulter hat und der andere froh ist, nach seinem Achillessehnenriss überhaupt dabei sein zu können. Den Gastgebern aus den USA aber droht ein weiterer trister Tag. „We needed this gold so bad“, sagte die Dame von der Security beim Pressezelt von Beaver Creek schon während des Super-Gs am Donnerstag, und mit jedem weiteren Rennen ohne den ersehnten Weltmeistertitel wird der Druck auf die Mannschaft noch größer. Der bisher einzige Abfahrtsweltmeister war Bode Miller 2005. Doch für ihn ist die WM schon wieder zu Ende.

Im vierten Anlauf zum ersten Gold

1950 wurde erstmals eine alpine Ski-WM in den USA ausgetragen. Aspen, nur 63 Kilometer Luftlinie von Vail entfernt, war damals der Schauplatz, und schon seinerzeit wurde auf der aus dem aktuellen Damen-Weltcup bekannten Piste Ruthie’s Run gefahren. Vor 65 Jahren siegte der Italiener Zeno Colò, zwei Jahre später sollte der Signor aus Abetone in den Abruzzen auch Olympiasieger werden. Bester Österreicher war der Innsbrucker Egon Schöpf, der mit 1,9 Sekunden Rückstand Dritter wurde und auch im Handball-Nationalteam spielte.

Bis 1980 waren die Olympischen Winterspiele zugleich auch Ski-Weltmeisterschaften, weshalb sich Jean Vuarnet 1960 im kalifornischen Squaw Valley über gleich zwei Titel für Frankreich freuen konnte. Der Tiroler Karl Schranz landete mit 3,2 Sekunden Rückstand an achter Stelle.

1989 kehrte die Ski-WM nach Colorado zurück, damals wurden noch sämtliche Bewerbe in Vail ausgetragen –heuer finden dort nur noch Trainings und die Qualifikationen für Herren-Riesenslalom und -Slalom statt, der Rest in Beaver Creek. Bernhard Russi hatte für die WM 1989 die berüchtigte Steilwandpassage „Rattlesnake“ auf der Piste namens Centennial entworfen, und Hansjörg Tauscher fand in dieser Passage als Einziger die ideale Linie. Das bisher einzige Abfahrtsgold für Deutschland war die Folge. Bester Österreicher war der Steirer Helmut Höflehner, der als Siebenter 85 Hundertstelsekunden Rückstand ausfasste.

1999 wurde erstmals in Vail und Beaver Creek um Medaillen gefahren, und die Piste Birds of Prey war Hermann Maier auf den Leib geschneidert: Der Salzburger siegte mit 31 Hundertstelsekunden Vorsprung auf den Norweger Lasse Kjus.
eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.