Zu Besuch bei den Spaniern

Fußballspieler trainieren auf einem Rasenplatz vor dem „Mistral Hotel“ während der UEFA Euro 2012.
Während Europameister Spanien gegen Italien ins Turnier startet, geht's in der Heimat rund.

Der erste Eindruck: Kühe. Der zweite: noch mehr Kühe. Der dritte Eindruck: Was in aller Welt hat der Fußball-Weltmeister in diesem Kuhdorf verloren?

Gniewino im Landkreis Wejherowo, eineinhalb Autostunden nordwestlich von Danzig: Wer hierher kommen will, braucht a) ein Auto und b) Zeit. Die Bahnstrecke nach Gniewino ist eingestellt worden, die Straßen, die in das idyllische Dorf (knapp 2000 Einwohner) führen, sind nur in den Augen von Traktorbesitzern und Baggerfahrern Autobahnen. In Gniewino gibt es, wie überall in Polen, eine Kirche, dazu ein riesiges Kraftwerk und das weltbekannte Kaschubische Auge, eine 113 Meter hohe Aussichtsplattform. Und nicht zu vergessen: Kühe. Herden von Kühen.

So sieht er dann also aus, der Nabel der Fußballwelt. Denn nichts anderes ist Gwienino dieser Tage. Nirgendwo sonst auf der Welt sind so viele Fußball-Welt- und -Europameister auf einem Fleck zu finden wie in dem beschaulichen Örtchen, in dem Spaniens Team Quartier bezogen hat.

Hier finden die Spanier vor allem eines: Ruhe.

Stilles Örtchen

Gniewino wird während der EM hermetisch abgeriegelt, schon mehrere Kilometer vor dem Ortseingang hat die polnische Polizei Sperren errichtet. Für ungebetene Gäste und Kiebitze ist hier Schluss, es sei denn, Teamchef Vicente Del Bosque bittet ausnahmsweise einmal zu einer öffentlichen Trainingseinheit.

Geheimniskrämerei und Selbstisolation des Titelverteidigers sind durchaus nachvollziehbar. Spaniens Nationalteam ist in aufgewühlten Zeiten wie diesen so etwas wie die letzte Konstante und die emotionale Hoffnung eines Landes, das zunehmend im Chaos versinkt: Jeder vierte Spanier ist arbeitslos, bei den Jugendlichen ist es sogar jeder Zweite; Spaniens Banken müssen unter dem Rettungsschirm der EU Schutz suchen, und immer lauter wird auf der Iberischen Halbinsel auch die Monarchie infrage gestellt, seit bekannt wurde, dass König Juan Carlos sich in Krisenzeiten teure Jagdausflüge nach Afrika gönnt.

Sparsame Stars

Bleiben als letzte Zuflucht eigentlich nur mehr die verlässlichen spanischen Fußballer, die am Sonntag gegen Italien (18 Uhr, live ORF eins) den Titel-Hattrick in Angriff nehmen. Zumindest beim besten Nationalteam der Welt weiß man, was sich angesichts des Wirtschaftskollapses in der Heimat gehört: Die Europameister sind die Sparmeister des Turniers und geben`s in Gniewino bodenständig, das Quartier im Abseits ist mit knapp 5000 Euro pro Tag eines der günstigsten. Zum Vergleich: Den Erzrivalen Portugal kostet jeder Tag bei der EURO 32.000 Euro.

Mit Troubles und Nebengeräuschen kennt man sich auch bei Auftaktgegner Italien bestens aus. Die Squadra Azzurra erlebte in der Vorbereitung ihr blaues Wunder, der Wettskandal ist auf das Team übergeschwappt, Verteidiger Criscito wurde aussortiert. Aber gerade deshalb warnt Spaniens Abwehrchef Piqué: "Italien überrascht immer, wenn man es nicht erwartet."

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