© APA/EXPA,PETER RINDERER

Sport Fußball
10/01/2012

Trainer: Was während des Spiels passiert

Kopf, Herz, Magen und Schlafstörungen. Wer an der Linie steht, lebt gefährlich. Walter Kogler ließ sich messen.

KOPF
Der Trainer ist während eines Spiels einer enormen Reizüberflutung ausgesetzt. Der dadurch verursachte Stress hinterlässt auch im Hormonhaushalt markante Spuren. Untersuchungen zeigten, dass der Wert des Stresshormons Cortisol deutlich in die Höhe schnellt - wie beim Tier im Überlebenskampf. Tests in der Deutschen Bundesliga ergaben, dass die psychische Belastung kurz vor der Halbzeitpause am höchsten ist. Der Cortisol-Wert steigt in dieser Phase oft auf das Fünffache des Normalzustandes. Der Grund: Trainer bereiten sich intensiv auf den wichtigen Auftritt in der Kabine vor. Der Trainer ist Reizfigur. Er muss sich um seine Spieler kümmern, steht unter ständiger Beobachtung, ist vor allem der Mann in der ersten Reihe, der Beschimpfungen, Anfeindungen und im schlimmsten Falle physischen Bedrohungen ausgesetzt ist.

HERZ
Die Pulsfrequenz eines Trainers unterscheidet sich kaum vom Herzrhythmus der Spieler. Innsbrucks Walter Kogler beispiels- weise unterzog sich in einem Meisterschaftsspiel einer ständigen Messung. Nie ist der Puls unter 100 Schläge pro Minute gesunken. Die Höchstwerte wurden beim Führungstreffer und in der Schlussphase erreicht: 180.

MAGEN
Stress und Aufregung schlagen den Trainern regelrecht auf den Magen. Nicht wenige Betreuer leiden an Magengeschwüren. Arg erwischte es den jetzigen Schweizer Teamchef Ottmar Hitzfeld. Er erlitt stressbedingt einen Magendurchbruch. Es ist auch kein Zufall, dass es kaum fettleibige Trainer gibt. Walter Kogler verliert an einem Spieltag bis zu zwei Kilogramm.

SCHLAFSTÖRUNGEN
Spannungsfeld: "Ich war ausgelaugt, wäre am liebsten im Bett geblieben und nicht zum Training gefahren. Alles ist anstrengend, sogar ein einfaches Telefonat kostet viel Kraft und Überwindung", erzählt Hitzfeld. Tiefer, erholsamer Schlaf wird unmöglich. „Selbst den Spannungsabfall nach einem Sieg gibt`s nicht mehr."

OPFER
Krankheitsbilder: Viele Trainer mussten mit Burn-out-Syndrom ihre berufliche Tätigkeit unterbrechen. Rangnick, Hitzfeld oder Ex-Austria-Trainer Frenkie Schinkels mussten eine Auszeit nehmen. Doch auch körperliche Verschleißerscheinungen machen sich bemerkbar. Eine frühere Studie belegt, dass 60 Prozent von 14 untersuchten Trainern während eines Spiels aufgrund der erhöhten Kreislaufbelastung akut gefährdet sind. In England ließen sich 50 Trainer durchuntersuchen. Bei 40 Prozent wurden gesundheitliche Probleme festgestellt.

PULSFREQUENZ VON INNSBRUCK-TRAINER WALTER KOGLER

gemessen im Spiel gegen Sturm Graz (1:0), Dez. 2011
70: 10 Minuten vor Spielbeginn
112: Zum Spielbeginn
125: Erste vergebene große Chance
120:
• Der erste gefährliche Schuss des Gegners
• Kurz vor der Pause
• Die zweite Chance für den Gegner
180:
61 Min.: 1:0 für die eigene Mannschaft

92 Min.: Der eigene Torhüter hält die große Ausgleichschance

Kogler: "Ich bin wegen der Pfiffe nicht am Boden zerstört"

Früher oder später sind sie immer zu hören, die wütenden "Kogler raus"-Rufe einiger Wacker-Fans. Manchmal genügt bereits ein simpler Fehlpass eines Innsbrucker-Spielers, und nach Gegentoren sind die Schmährufe ohnehin schon seit Saisonbeginn der letzte Schrei. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich diese Rufe nicht höre", sagt Walter Kogler, dessen Mannschaft das erste Saisonviertel mit drei Punkten auf dem letzten Platz abgeschlossen hatte.

25 Jahre im Profifußball haben den Innsbruck-Trainer mittlerweile so abgehärtet, dass ihm persönliche Anfeindungen und öffentliche Kritik nicht mehr zu nahe gehen. "Ich bin deswegen jetzt nicht am Boden zerstört", erklärt Kogler, "ich kenne ja die Mechanismen des Fußballs. Die Pfiffe kommen für mich jetzt auch nicht unerwartet."

Die Kunst für einen Trainer sei es vielmehr, diese negativen Nebengeräusche möglichst zu überhören. "Die Gefahr ist, dass man sich ablenken lässt und den roten Faden verliert", meint Kogler, "ich versuche auch in dieser Situation meinen Fokus ganz auf meine Arbeit zu richten."

So gelassen und nüchtern Walter Kogler auf die lautstarke Kritik reagiert, so unangenehm ist die Situation für die Familie, die Heimspiel für Heimspiel Augen- und Ohrenzeugen der Kogler-Raus-Rufe werden. "Die Kinder werden automatisch damit konfrontiert", weiß Kogler, "die lesen auch Zeitung und in der Schule werden sie auch angeredet."

Begleitumstände, die der Job in sportlich turbulenten Zeiten mit sich bringt. "Mir gefallen die Herausforderungen, denen du dich als Trainer immer wieder stellen musst", so Kogler, "außerdem gibt es wohl keinen Beruf, der keine Schattenseiten hat und in dem du keine Opfer bringen musst."

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Test

  • Bilder

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.