Stöger: "Das grenzt an Ahnungslosigkeit"

Aus, Schluss, vorbei. Die KURIER-EURO-Kolumnisten Peter Stöger und Peter Schöttel ziehen Bilanz.

KURIER: Herr Schöttel, Sie haben vor dem Finale in Ihrer Kolumne auf Italien gesetzt. Schmerzt dieser Irrtum?

Peter Schöttel: Es ist keine große Kunst, vor dem Finale auf den Favoriten zu setzen. Die Spanier konnten noch zulegen und haben ihr bestes Spiel gezeigt, während die Italiener schon gegen Deutschland am Limit waren. Es ist ihnen auch die Luft ausgegangen. Wobei ich aber noch aus der Kolumne von Peter vom 10. Juni zitieren will: "Ich glaube nicht, dass die Italiener die Vorrunde überstehen werden."

Peter Stöger: Man kann ja nicht alles erraten. Immerhin bin ich im KURIER vor dem Semifinale als Einziger beim Champions-League-Finale mit Bayern gegen Chelsea richtig gelegen. Ich habe nicht geglaubt, dass die Italiener über diese spielerische Qualität verfügen. Und dass Pirlo in dieser Rolle noch so gut funktioniert. Zudem gab es wieder einen Skandal und im Vorfeld schlechte Ergebnisse.

Peter Schöttel: Pirlo hat sogar so etwas wie die Renaissance des Spielmachers im modernen Fußball geschafft. Das war überraschend.

Peter Stöger: Er ist ein Techniker der alten Schule, hat auch noch eine Frisur der alten Schule. Um so spielen zu können, braucht er aber den Rest der Mannschaft, der funktioniert. Und die Stürmer, die auf seine tollen Pässe warten. Es ist noch schwer zu sagen, ob der Spielmacher wieder in Mode kommt.

Peter Schöttel: Ein entscheidender Unterschied im Finale war auch, dass Pirlo konsequent attackiert wurde. Die Deutschen waren sich – wie Jürgen Klinsmann richtig gesagt hat – dafür noch zu schade. Und wer hat das für die Spanier erledigt? Ein Weltklassemann wie Xavi, der sich neben seinen genialen Passes für die Mannschaft aufopfert. Das ist für Trainer wie uns beide das Schönste.

KURIER: Wird die Dominanz der Spanier anhalten?

Peter Stöger: Es wird so weitergehen, die Mannschaft ist noch nicht alt. Es kann sein, dass ein Gegner wie Italien die Spanier einmal erwischt, aber nicht ein zweites Mal. Also im Europacup-Modus mit Hin- und Rückspiel hätte wohl keine Nation eine Chance, weil die Spanier sofort reagieren können.

Peter Schöttel: Da gebe ich dir recht. Im Meisterschaftsmodus wären die Spanier überhaupt nicht zu biegen. Nur an einem Abend über 90 Minuten ab und zu. Auffällig war natürlich auch ihr teilweise angewandtes 4-6-0-System, also ohne echten Stürmer.

Peter Stöger: Das wird es bei der Austria nicht geben. Aber man hat gesehen, dass ein offensives Spiel nicht unbedingt von der Anzahl der Stürmer abhängt. Im Finale haben sie wieder vermehrt in die Tiefe gespielt. Die Passes waren ein Traum, die Bewegungen in den freien Raum richtig.

Peter Schöttel: Vielleicht gibt es bei Rapid einmal Steffen Hofmann als Mittelstürmer. Nein, im Ernst: So kannst du nur spielen, wenn absolute Klassespieler auch die Geduld aufbringen, gegen defensive Gegner so lange auf die Lücke zu warten. Wenn Villa wieder fit ist, oder die Gegner höher stehen, wird es wieder echte Mittelstürmer geben.

Unumstritten ist, dass das 4-2-3-1-System nicht mehr so dominant ist. Das wäre auch fad geworden. Selbst eine Dreierkette ist nicht mehr verpönt. Es gibt viele Varianten, die auch in den Spielen getauscht werden. Entscheidend bleibt aber, wie es umgesetzt wird. Also: Wer verteidigt wo, und wie schnell wird nach vorne gespielt.

Peter Stöger: Jahrelang wurde das 4-4-2 ausgebildet, das ist auch schon wieder passé. Die Dreierkette der Italiener in der Abwehr ist interessant, die habe ich in der vergangenen Saison auch schon bei Napoli genau beobachtet. Wir werden bei der Austria versuchen, das einmal umzusetzen.

KURIER: Deutschland läuft weiterhin einem Titel hinterher. Verstehen Sie die harte Kritik in den Medien nach dem 1:2 gegen Italien?

Peter Schöttel: Sie wirkten nach dem 0:2 ratlos, der Glaube an die Stärke und die übliche Organisation war weg. Aber von seriösen Journalisten erwarte ich schon mehr, als Löw für jede Änderung nach Siegen hochzujubeln und dann, nach einem einzigen Spiel, in dem vieles nicht aufgegangen ist, alles zu verdammen. Diese Extreme in kurzer Zeit kann ich nicht nachvollziehen.

Peter Stöger: Diese Form der Kritik grenzt schon an Ahnungslosigkeit. Ich kann das ebenso wenig nachvollziehen wie du.

KURIER: Respektvoller war der Umgang auf dem Spielfeld.

Peter Stöger: Die Fairness war auffallend, dieser Umgang war beeindruckend. Die meisten Spieler laufen einander während der Saison in den Ligen oder im Europacup über den Weg. Sie kennen sich untereinander, da steigt automatisch auch der Respekt. Am Ende des Finales konnte ich mich nur an ganz wenige wirklich böse Fouls bei dieser EURO erinnern. Da hat es keines gegeben wie beim WM-Finale 2010 von den Niederländern an den Spaniern. Und auch die Diskussionen zwischen Trainern und den vierten Schiedsrichtern wurden weniger.

Peter Schöttel: Dieser grundsätzliche Respekt war wirklich sehr angenehm. Mir hat auch gefallen, wie sich alle Trainer nach dem Schlusspfiff gratuliert haben. Das ist in Österreich leider nicht bei allen selbstverständlich. Und noch einen Wunsch hätte ich für die Bundesliga: Die Schiedsrichter haben die Spiele gut geleitet, weil sie sofort klargemacht haben, dass sie harte Fouls konsequent ahnden. Auch in Österreich sollte es nicht erst nach dem dritten oder vierten harten Einsteigen die Gelbe Karte geben, sondern gleich.

Peter Stöger: Es hat schon auch schwere Schiedsrichter-Fehler gegeben, wie das nicht gegebene Tor der Ukrainer gegen England oder die übersehenen Elfmeter für Kroatien gegen Spanien. Einige Partien standen an der Kippe.

KURIER: Unüblich war, dass der Ball "Tango 2012" nie zum Thema wurde. Ein gutes Zeichen, oder?

Peter Schöttel: Der Ball war einer der Gewinner. Weder Tormänner, noch Stürmer haben sich beschwert – also muss er wirklich gut sein.

Peter Stöger: Ich selbst habe noch nicht mit ihm gespielt, daher kann ich kein Urteil abgeben.

Was hat abseits der Spielfelder auf Sie Eindruck gemacht?

Peter Schöttel: Die irischen Fans mit ihren Gesängen. Alle haben gesehen, dass ihre Mannschaft gegen Spanien überfordert war, aber mit ihrer Reaktion wurden sie in der ganzen Welt positiv registriert.

Peter Stöger: Irland ist so aufgetreten, wie man das erwarten konnte. Technisch nicht sehr hoch stehend, dafür leidenschaftlich wie die Fans. Allein deswegen überlege ich, mir das Quali-Spiel in Irland live anzusehen.

KURIER: Hat sich die Ausgangslage für Österreich in der WM-Qualifikation verändert?

Peter Stöger: Die Schweden haben gegen Frankreich bewiesen, dass sie eine gute Mannschaft sind, die uns gefährlich werden kann. Es wird sich zwar etwas ändern, Ibrahimovic dürfte aber weiterspielen. Er kann Spiele allein entscheiden.

Peter Schöttel: Deutschland bleibt der klare Favorit. Aber wenn die Tagesform passt und das Konzept von Koller umgesetzt wird, spielt Österreich gegen Schweden und Irland um den zweiten Platz.

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