Schöttel: Die Lust auf mehr
Alle Mannschaften haben ihr erstes Gruppenspiel absolviert, und man kann getrost behaupten, dass der Start in die EURO 2012 geglückt ist. Das Niveau ist hoch, die Spiele sind spannend und bieten zumeist beste Unterhaltung, die Vorfreude auf den weiteren Verlauf des Turniers ist groß.
Wir haben Favoriten gesehen, die zum Teil recht holprig ins Turnier gestartet sind – Spanien, Frankreich und auch Deutschland haben zwar gepunktet, in ihren Leistungen bleibt jedoch noch Luft nach oben. Generell gilt für die Titelaspiranten, die Vorrunde so zu überstehen, dass sie ab dem Viertelfinale noch zusetzen können, dass sie nicht ihr ganzes Pulver schon in den Gruppenspielen verschießen.
Bei vergangenen Endrunden haben oft Mannschaften, die in der Vorrunde geglänzt haben, früher als erwartet die Heimreise antreten müssen, weil sie in der K.-o.-Runde auf Gegner getroffen sind, die noch größere Reserven hatten. Mit Portugal und den Niederlanden stehen zwei hoch gehandelte Teams vor dem zweiten Gruppenspiel bereits enorm unter Druck, sie sollten ab sofort unbedingt punkten. Das wird vor allem für die Niederländer eine richtig schwierige Sache, denn die Deutschen könnten sich im Duell gegen den Rivalen schon vorzeitig fürs Viertelfinale qualifizieren und ihren Nachbarn so gut wie aus dem Turnier werfen.
Es gab bisher tolle Leistungen zu bewundern, unter anderem von den Russen, die die sehr offen angreifenden Tschechen nach allen Regeln der Kunst auseinandergenommen haben. Die vom Wettskandal schwer gebeutelten Italiener holten nach einer taktischen Meisterleistung gegen Titelverteidiger Spanien einen verdienten Punkt. Wer auf ehrlichen, leidenschaftlichen Fußball steht, der kam beim 3:1-Sieg Kroatiens gegen Irland voll auf seine Kosten. Beide Mannschaften spielten mit offenem Visier, als Zuschauer hatte man immer den Eindruck, dass jeder einzelne Spieler auf dem Platz alles gab. Beeindruckend für mich, mit welchem Kampfgeist sich die spielerisch klar unterlegenen Iren gegen die Niederlage stemmten.
Märchenhaft
Die schönste Geschichte jedoch, die so nur der Fußball schreibt, geschah in Kiew: Andrej Schewtschenko versetzte mit seinen beiden Toren beim Sieg gegen Schweden ein ganzes Land in Euphorie und widerlegte die Kritiker, die der Mannschaft der Ukraine so gar nichts zutrauen wollten.
Wir haben verschiedenste Spielsysteme beobachten können, der Großteil spielt ein 4-2-3-1, Deutschland beispielsweise mit Stoßstürmer Mario Gomez, der auf die Kritik an seiner Spielweise mit dem Siegestor gegen Portugal antwortete. Während die Niederlande und Russland zumindest auf dem Papier ein 4-3-3 praktizieren, versuchte es ausgerechnet der große EM-Favorit Spanien de facto ohne gelernten Stürmer.
Unterm Strich bleibt die Lust auf mehr – auf mehr Fußball, auf mehr Emotion, Spannung und Drama.
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