Schöttel: Alles Gomez, oder was?
Ich mag Mehmet Scholl. Er war ein feiner Techniker, ein richtig guter Fußballer mit ebenso einem Schmäh. Schon in seiner aktiven Zeit war er für flotte Sprüche bekannt, so antwortete er einmal auf die Frage nach seinem Traumberuf: "Spielerfrau oder Hund von Uli Hoeneß".
Jetzt arbeitet er als Nachfolger von Günter Netzer als Experte bei der ARD und kritisierte Torschütze Mario Gomez nach dem 1:0 gegen Portugal frontal: "Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss".
Damit spielte er auf den extrem unauffälligen Spielstil des Bayern-Stürmers an diesem Tag an. Zwei Drittel der Fans und der Großteil der Medien wollten danach gegen die Niederlande den alten Haudegen Miroslav Klose in der Startelf sehen. Ich gestehe, ich bin auch ein Fan des Lazio-Stürmers, mir imponiert es sehr, wie er für die Mannschaft arbeitet und trotzdem enorm torgefährlich ist. Jogi Löw, der seine Spieler vom täglichen Training besser kennt als jeder Journalist oder Fan, ließ sich (natürlich) von der öffentlichen Meinung nicht beeinflussen. Gomez spielte wieder und dankte es ihm mit zwei Weltklassetoren. Und Löw hat wieder einmal alles richtig gemacht.
Aber wieso steht einer, der in drei Saisonen bei den Bayern in 94 Meisterschaftsspielen satte 64 Tore erzielt hat und dessen Torausbeute in den letzten beiden Champions-League-Saisonen nur von Lionel Messi übertroffen wurde, überhaupt zur Diskussion? Spielertypen wie er polarisieren, ehemalige österreichische Klassestürmer wie Hans Krankl oder Toni Polster können ein Lied davon singen.
Diese klassischen
Mittelstürmer zeichnen sich meistens durch sehr ökonomische Spielweise aus, beteiligen sich nur wenig am Spielaufbau, helfen in der Defensive kaum mit und haben oft die wenigsten Ballkontakte im Spiel. Gomez kam auf magere 26. Ihre Qualität beweisen sie im Strafraum des Gegners. Sie haben das Talent mitbekommen, Situationen schneller zu erfassen als andere. Und sie haben sich auch die technischen, psychischen und physischen Fähigkeiten angeeignet, um das zu tun, was das wichtigste im Fußball ist – nämlich den Ball ins Tor zu schießen. Gomez tat es mit seinen Ballkontakten Nr. 6 und Nr. 12.
Sündenbock
Gelingt das jedoch nicht, werden aus bewunderten Helden rasch Sündenböcke eines Vereins oder sogar einer ganzen Nation. Dann wird es auch für den Trainer schwierig, der dann abwägen muss, was für die Mannschaft das Beste ist. Denn die Diskussionen finden ja auch unter den Mitspielern statt. Haben sie noch Vertrauen in die Qualität des Stürmers, der nur auf die zwei, drei besonderen Situationen lauert? Sind sie bereit zu akzeptieren, einen Schritt mehr für denjenigen zu laufen?
Auch ich hatte mich in meiner ersten Saison bei Rapid diesem Thema – natürlich auf einem anderen Niveau – zu stellen. Hamdi Salihi hatte in der Vorsaison 18 Tore erzielt, Rapid wurde aber nur Fünfter. In unserer Umbruchphase konnten wir noch nicht so dominant auftreten, um Salihi regelmäßig zu füttern. Ich setzte also auf mehr Dynamik, auf Spielertypen wie Alar und Burgstaller. Am Ende erreichte kein Spieler eine zweistellige Toranzahl, wir machten aber neun Punkte mehr als im Vorjahr und wurden Zweiter. Darum geht es als Trainer: Immer alles dem Erfolg der Mannschaft unterzuordnen.
Wobei auch ich oft gegrübelt habe, weil ja auch im Training zu sehen war, dass Salihi vor dem Tor am effektivsten ist. Und wenn ein Spiel mit dem Goalgetter auf der Bank schiefgeht, kommt die Kritik besonders schnell. Mit diesem Thema und dem Spielertypen Roland Linz hatten auch die letzten Austria-Trainer zu kämpfen. Damit hat sich jetzt auch mein geschätzter KURIER-Kolumnen-Kollege auseinanderzusetzen.
Jogi Löw hat sich ähnliche Gedanken gemacht und entschied sich für Mario Gomez, dem mein größter Respekt gebührt. Er hat dem enormen Druck standgehalten. Er hat bis jetzt alle drei Tore für Deutschland erzielt, und es dürften noch mehr werden.
peter.schoettel@kurier.at
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