Schlaglöcher in der ukrainischen Euphorie

Gleise einer Straßenbahn liegen auf einem Pflasterweg.
Lemberg wartet auf die Deutschen. Die Ukrainer selbst wissen nicht so recht, was in EURO-Zeiten auf sie zukommt.

Auf dem Prospekt Svobody, dem Platz im Zentrum von Lemberg ( Lviv), gibt der Lärm der Hämmer dem Geschrei der Befehlsgeber und Sprechproben den Takt an. Eine riesige Bühne ist errichtet worden. Während der EURO ist der Platz zur Fanzone umfunktioniert. Die Oper, erbaut im Wiener Stil, und davor die mehr oder weniger großen Massen der Fußballbegeisterten im sportlich-kulturellen Verein – ein Szenario, das Erinnerungen an die Europameisterschaft vor vier Jahren wachruft.

Zwei Tage, bevor die Deutschen anrücken, um gegen Portugal in der Arena Lviv ihren EM-Einstand zu geben, deutet nicht viel auf das Großereignis hin. Festlicher Schmuck? Keine Spur. Fußball? EURO? Die Damen hinter der Schank, die gegenüber des Eingangs zur Fanzone liegt, wissen, was kommt.

Ein gutes Geschäft vor allem. Zumindest für ihre bescheidenen Verhältnisse. Sie verkaufen das Krügel aus "Lviv 1715", der ältesten Brauerei im Land, unaufgeregt kühl um umgerechnet 60 Cent. Um keinen Cent teuerer, als es auch beim Gastspiel der österreichischen Nationalmannschaft im vergangenen November zu kriegen war. An dieser Stelle entfällt die Abzocke während der EM.

Nur ein paar Schritte weiter, hinter undurchsichtigen Planen, werden die Sponsoren der UEFA-Veranstaltung ihre Produkte verkaufen. Zu erheblich höheren Preisen, wie man weiß.

Skepsis

Außerhalb dieser klinisch rein anmutenden Party-Insel scheint die Stadt vor sich hinzudämmern. Nicht unbedingt leise, aber ständig rückblickend auf ihre teilweise morbid wirkende Schönheit, die ihr unter anderem aus k.u.k. Zeiten geblieben ist. Geschichten­erzähler verraten auch, die Petroleumlampe und später die Schutzmaske seien hier erfunden worden. Lange her.

EURO? "Schön für uns, aber wir werden nicht viel ausrichten", sagt der junge Mann am Eingang einer Bar und wendet sich ab vom Fernseher, der ihn noch einmal mit der Niederlage der Ukrainer im Testspiel gegen die Türkei gequält hat. Zuerst Österreich, und jetzt das.

Das ukrainische Fernsehen zeigt postwendend aufmunternde Bilder vom jubelnden Trainer Oleg Blochin. Auch schon etwas länger her. Das Team wirkt schlapp, der Trainer würfelte zuletzt seine Aufstellungen munter durcheinander. Vergiftungserscheinungen seien bei zehn Spielern aufgetreten, Blochin sprach von Sabotage. In der Ukraine bleiben die Medien relativ nüchtern, Verunsicherung hat sich breitgemacht.

Lemberg ist vor allem mit der Hotelauslastung zufrieden. Während der drei EM-Spiele (Deutschland Portugal, DänemarkPortugal, DänemarkDeutschland) ist so gut wie kein Bett mehr zu kriegen. Der Flughafen, früher ein ruinöses Baudenkmal, ist neu. Das Stadion ein Prunkstück.

Waschrumpel

Ein Paar sitzt an einem Tisch in einem Café unter einem Schild mit der Aufschrift „Kiss Place“.

Doch die Stadt selbst zeigt kaum kosmetische Veränderungen in ihrer Infrastruktur. Kaum nachzuvollziehen ist hier an mancher Stelle, warum eine Explosion der gesamten ukrainischen Kosten von 3,5 auf 11,5 Milliarden Euro stattgefunden haben soll. Aus westlicher Richtung beispielsweise gestaltet sich eine Fahrt ins Zentrum zum Höllenritt.

Zehn Zentimeter hoch ragen die Steinbrocken aus der Straßenoberfläche, wechseln sich ab mit ebenso tiefen Schlaglöchern, zu Hügellandschaften gewordene Straßenbahngleise sind kaum überwindbar. Und im Zentrum verknotet sich der Verkehr in ein unentwirrbares Knäuel. Sie werden nicht wiederkommen, jene Fans, die die beschwerliche Anreise mit dem Auto auf sich genommen haben.

Kritik

Befürchtet wird in der Ukraine vor Anpfiff der Spiele, dass bereits die große Chance auf eine Imageverbesserung vergeben wurde. Staatspräsident Viktor Janukowitsch wird bereits heftig kritisiert für seine EURO-Politik. Erntet harte Schläge von Oppositionellen und von Box-Weltmeister Witali Klitschko. Drei Milliarden Euro sollen überhaupt in dunklen und versumpften Kanälen versickert sein. Infrastrukturminister Boris Kolesnikow sagt dazu, was er sagen muss: "Völlig grundlose Anschuldigungen."

Wie wird das weitergehen oder gar enden? Abwarten und Bier trinken. Das kostet schließlich nur 60 Cent.

Kommentare