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Sport Fußball
12/05/2011

Schalke-Trainer Rangnick tritt zurück

Der völlig erschöpfte Schalke-Coach Ralf Rangnick kann nicht mehr. Kein Einzelfall im gnadenlosen Fußball-Geschäft.

Arbeiten mit Menschen, meist in freier Natur. Geregelte Dienstzeiten: Samstag, 15.30 Uhr, manchmal auch Mittwochs um 20.45. Applaus. Rampenlicht. Gute Verdienstmöglichkeiten. Hört sich verdammt nach Traumjob an. Fußballtrainer müsste man sein.

Schlafstörungen. Stress. Schweißausbrüche. Versagensängste. Öffentliche Beschimpfungen. Medialer Hohn. Hohe Job-Unsicherheit. Vielleicht doch nicht so traumhaft, der Trainerjob?

Ralf Rangnick hatte einen der besten Arbeitsplätze von Deutschland. Wer Trainer des Traditionsvereins Schalke ist, der hat es geschafft. Möchte man meinen. Eher Schein als Sein. Denn Rangnick fühlte sich "nicht mehr in der Lage, die Mannschaft weiterzuführen."

Klubarzt Thorsten Rarrek diagnostizierte ein "vegetatives" Erschöpfungssyndrom. Burn-out - so der bereits zum Modewort gewordene Begriff. "Körperlich ist er am Ende. Er wird nach einer Pause zur alten Stärke zurückkommen", fügt der Mediziner hinzu.

Stresshormon

"Trainer ist ein Hochrisiko-Beruf", sagt Joachim Kugler, Professor für Gesundheitswissenschaften an der TU Dresden. Ein Coach hat die Verantwortung eines Top-Managers, die Publicity eines Politikers, das Image eines Versagers - wenn er vom Trainerstuhl fliegt. Willkommen im Hochdruckgebiet namens Coaching Zone.

Dr. Kugler hat vor einigen Jahren mit der Medizinischen Hochschule Hannover die Trainer der deutschen Bundesliga untersucht. Auf Herz und Nieren. Vor, während, nach dem Spiel. Auffälligstes Ergebnis: Ein Trainer schüttet Cortisol aus. Ein Stresshormon, das der Körper nur unter Extrembelastungen produziert. "Vor der Pause haben wir einen fünffach erhöhten Cortisol-Wert gemessen", erklärt Kugler. "Wie etwa bei einem Fallschirmspringer vor dem Absprung oder bei einem Tier, das um sein Leben rennt. "

Frenkie Schinkels war vor sechs Jahren als damaliger Austria-Trainer auf der Wiener Südosttangente unterwegs als ihn plötzlich eine Panikattacke befiel. "Du hast Angst, es brennt im Schädel und du glaubst zuerst an einen Herzinfarkt."

Zwangspause

Eine Woche hat sich Schinkels danach in seinem Schlafzimmer eingesperrt. Vier Wochen Pause wurden nötig. "Der Druck ist einfach zu groß geworden. Der Verein, die Medien, die Fans fordern dich permanent. Es gibt keine Zeit, sich zu entspannen. Ich wollte immer alles richtig machen. Aber das funktioniert nicht".

Antidepressiva hätte Schinkels schlucken sollen. "Doch das wollte ich nicht, weil ich miterlebt habe, wie meine Mutter an einer Medikamentensucht zugrunde gegangen ist", erzählt der jetzige TV-Analytiker. Mittlerweile hat er "den Hunger und den Biss" ziemlich verloren, noch einmal eine Mannschaft zu betreuen.

Trainer dürfen nie in den Krankenstand gehen, quälen sich auch mit Grippe auf die Bank. Manche halten Druck und Stress nur mit unerlaubten Hilfsmitteln aus. Siehe Christoph Daum. "Wie bei anderen Krisenberufen werden Beruhigungs- und Aufputschmittel vorkommen", weiß Professor Kugler. Schließlich wolle kein Trainer Schwächen zeigen. Niemals, nirgendwo.

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