Russlands Sturmlauf in den Favoritenkreis
Dick Advocaat war zum Scherzen aufgelegt. "Was? Der soll mit zur Pressekonferenz?", fragte der Niederländer mit grimmiger Miene und deutete auf Alan Dsagojew. Doch dann lachte der russische Nationaltrainer laut auf und legte den Arm um den 21 Jahre alten Stürmerstar von ZSKA Moskau. "Gut gemacht, Junge", sagte Advocaat – er wusste, bei wem er sich an diesem Abend zu bedanken hatte.
Mit seinen beiden Treffern beim beeindruckenden 4:1 gegen erschreckend schwache Tschechen sorgte der Angreifer für einen perfekten Turnierstart der Russen und ließ die Fans schon von einer Wiederholung der begeisternden Fußball-EM vor vier Jahren träumen. Damals marschierte Russland in Österreich und der Schweiz mit beeindruckendem Offensiv- und Tempofußball bis ins Halbfinale, wo erst gegen den späteren Sieger Spanien Endstation war.
"King Dsa-Dsa!", titelten mehrere russische Zeitungen am Samstag in Anspielung auf Dsagojews Namen und den sowjetischen Kultfilm "Kin Dsa-Dsa" über eine technisch hoch entwickelte und der übrigen Menschheit überlegene Fantasy-Welt. Zumindest den Tschechen waren auch die Fußballer des Vize-Europameisters von 1988 deutlich überlegen.
Startschuss
"Das war der erste von sechs Schritten zum Titel", sagte Dsagojew, der nach seiner starken Vorstellung zum "Man of the Match" gekürt wurde, forsch. Dass der 21-jährige Jungstar immer noch in seiner Heimat spielt, hat er seinem Eigensinn zu verdanken. Topklubs wie Milan, Juventus und Arsenal hatten schon vor Jahren Interesse an Dsagojew bekundet, allerdings von einer Verpflichtung Abstand gewonnen. Denn der eigenwillige, impulsive Offensivgeist ist die Unberechenbarkeit in Person. Nach einer verbalen Entgleisung wollte ihn ZSKA Moskau im Vorjahr sogar bereits verkaufen.
Advocaat war jedenfalls mit Dsagojew und seiner Mannschaft zufrieden. "Es hat sich ausgezahlt, dass wir in der Vorbereitung nur ein Mal trainiert haben", sagte der "kleine General" in Richtung seiner Kritiker, die ihm vor dem Turnier zu lasche Arbeit vorgeworfen hatten. Überbewerten wollte der 64-Jährige den Erfolg aber nicht. Stattdessen übte er auch Kritik an seinem Team. "Wir haben zu viele Chancen ausgelassen und zu Beginn zu ängstlich agiert", bemängelte der ehemalige Gladbach-Coach.
Feuerwerk
Doch nachdem die Russen ihre Nervosität abgelegt hatten, brannten sie phasenweise ein Offensiv-Feuerwerk ab. Angetrieben von Dsagojew und Superstar Andrej Arschawin stürzten sie die Tschechen von einer Verlegenheit in die andere. Dsagojew (15. Minute, 79.), Roman Schirokow (24.) und der eingewechselte Roman Pawljutschenko (82.) erzielten die herrlich herausgespielten Treffer. Das Anschlusstor des Neu-Wolfsburgers Vaclav Pilar (52.) brachte die Russen nur kurzzeitig in Verlegenheit.
Lob für die russische Leistung gab es auch von Ex-Coach Guus Hiddink. "Die Russen sind für mich jetzt ein gefährlicher Außenseiter", sagte Advocaats Landsmann und Vorgänger als Teamchef.
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