Ronaldos steiniger Weg zur Krönung
Bisher hatte Opalenica nur eine Städtepartnerschaft mit Königslutter am Elm, vor Kurzem aber ist die Gemeinde mit 9000 Einwohnern eine Bettstatt-Partnerschaft mit Cristiano Ronaldo und dessen Kollegen eingegangen. Etwa eine halbe Stunde von Posen entfernt haben die Portugiesen ihr EM-Quartier bezogen. 33.000 Euro zahlen sie pro Tag. So viel wie kein anderes Team.
Dabei wirkt das Hotel Remes ganz und gar nicht feudal. Es liegt am Rand des Dorfes, in der Parkstraße, die eigentlich in den Wald führt. Neben Rote-Rüben-Feldern, einem heruntergekommen aussehenden Bauernhaus und den Gleisen der Bahnstrecke zwischen Breslau und Posen. Die Lokführer greifen immer ans Horn, wenn sie die Portugiesen trainieren sehen.
Gelächter
Nur wenige Meter müssen die Stars gehen, um zu üben. Es schallt wieder ein Horn. Es schlendern zwei portugiesische Trainingsleiberl Richtung Fußballfeld. Es ist Cristiano Ronaldo mit seinem Real-Madrid-Kumpel Fabio Coentrão. Wie immer ist Ronaldo einer der Ersten auf dem Weg zum Übungsgelände. Die beiden reißen Witze. Ronaldo schnappt sich eine Eckfahne und verwendet sie als Speer. Er jubelt, weil das Ding in der Erde stecken bleibt.
Die Stimmung bei Ronaldo und den Portugiesen ist trotz der Niederlage gegen Deutschland gut. Gleich nach Schlusspfiff war Ronaldo zornig in die Kabine des Stadions in Lemberg gestürmt. Doch am Tag danach munterten Tausende polnische Fans die Geschlagenen beim öffentlichen Training mit " Portugal, Portugal"-Sprechchören auf.
Gekreische
Weibliche Anhänger kreischten bei Ronaldos Auftritt auf dem penibel gepflegten Trainingsplatz des Hotels. Nach jedem gelungenen Dribbling des teuersten Fußballers der Welt gab es Applaus. Nach dem Training setzte sich Ronaldo spontan mitten in eine Kinderschar, rief einige Teamkollegen dazu und ließ ein großes Gruppenfoto schießen.
Ronaldo gilt als egozentrisch und überheblich. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem Portugals Trainer Paulo Bento nicht die Einstellung seines Kapitäns hervorhebt. Der 42-Jährige sagt über den 27-Jährigen: "Es ist sehr leicht, mit ihm zu arbeiten. Er ist extrem professionell und weiß genau, was er will." Will er das alles für sich oder für seine Mannschaft, sein Land?
Ronaldo ist ehrgeizig, will überall vorne sein: in Torjägerlisten, Weltfußballer-Wahlen, in der Champions League und natürlich auch bei dieser EM mit Portugal. "Wir haben eine Mannschaft, die das Potenzial hat, um etwas Großes zu gewinnen", sagt er. "Ich möchte immer der Beste sein."
Vergleiche
Ronaldo ist der teuerste Spieler des Planeten, er hat schon die Klub-WM, die Champions League und die Wahl zum Weltfußballer gewonnen. Doch trotz all seiner Erfolge, Auszeichnungen und spektakulären Tore wird er fast überall nur als "Nummer zwei" angesehen. Als der beste Fußballer nach Lionel Messi. Niederlande-Stürmer Jan-Klaas Huntelaar formulierte es so: "Messi kann einen Gegner auf einem Quadratmeter ausspielen. Ronaldo braucht dagegen mehr Raum. Messi ist einfach klasse."
Einen Titel mit der Nationalmannschaft zu holen, wäre etwas, das Messi noch nicht geschafft hat. Ein Titel mit der Nationalmannschaft ist so ziemlich das Einzige, was Ronaldo in seiner Karriere noch fehlt. Erst Welt- oder Europameister zu werden, macht aus einem Ausnahmefußballer auch eine Legende.
Das ist Ronaldos Ziel bei dieser EM. Doch hinter vorgehaltener Hand erzählen sogar Mitarbeiter des Verbandes, dass diese Mannschaft zwar ähnlich starke Einzelkönner, aber keinen so guten Teamgeist wie die Goldene Generation um Luis Figo habe. Dieses Vorurteil will Ronaldo entkräften. "Wir werden bei der EM rennen bis zur letzten Minute. Portugal ist mit den jetzigen Spielern und dem Trainer auf dem richtigen Weg."
Überheblichkeit
Die Kritik in der Heimat war zuletzt recht laut. Nicht nur wegen den mageren Ergebnissen in der EM-Vorbereitung. Im krisenerschütterten Portugal sorgten auch die Luxuskarossen für Missmut, mit denen Ronaldo, Nani & Kollegen im Trainingslager vorfuhren. "Wir haben 16 Prozent Arbeitslose. Die mit ihren 400.000-Euro-Autos leben doch in einer irrealen Welt, das war eine Beleidigung der vielen Armen bei uns", schimpfte sogar der angesehene Alttrainer Manuel José. Das Massenblatt Correio da Manhã schrieb: "Die Nationalelf überzeugt niemanden, und das Benehmen der Spieler hilft nicht."
Als Beispiel wurde Ronaldo genannt. Er habe Diskotheken besucht und dort wegen Frauen Streit mit anderen Besuchern angezettelt. Und schließlich gab es Kritik, weil er beim Abschied im Präsidentenpalast Staatschef Anibal Cavaco Silva salopp einlud: "Kommen Sie zu unseren Spielen, okay?"
Verhöhnung
Beim Auftaktspiel gegen Deutschland war dann nicht alles okay. Trotz guter Tormöglichkeiten gab es ein 0:1. "Cristiano Ronaldo gehen die Tore aus – der teuerste Spieler der Welt kam kaum zum Schuss." So höhnte danach das englische Massenblatt The Sun.
"Schon seit einigen Begegnungen spielen wir gut, schießen aber keine Tore", analysierte auch Ronaldo. "Das Problem ist nicht die Abschlussqualität, es ist das Pech. Im Fußball braucht man Glück, vor allem bei Turnieren." Und das wollen sie am Mittwoch erzwingen. Ronaldo und sein Kollege Nani sind sich einig: "Wir werden gewinnen." Auch wenn die Dänen zum Auftakt gegen die Niederlande 1:0 gesiegt haben.
Fußball-Idol Eusebio erinnert an die Heim-EM 2004 mit dem 19-jährigen Shootingstar Ronaldo: "Da sind wir auch mit einer Niederlage ins Turnier gestartet und haben es dann doch bis ins Finale geschafft."
Unvollendet: Auch Messi fehlt noch ein großer Titel
Der letzte gekrönte Fußball-König hieß
Zinédine Zidane. Der großartige Franzose war nicht bloß Mitläufer, sondern dirigierte seine Mitspieler zu Siegen in der
Champions League, bei einer
Europameisterschaft und bei einer WM-Endrunde. Beim Abschied von der großen Bühne wurde
Frankreich noch WM-Zweiter (2006) und
Zidane wegen eines Kopfstoßes ausgeschlossen.
Damals gab
Lionel Messi sein Debüt im WM-Theater, schoss mit knapp 18 Jahren ein Tor. Der Argentinier, demnächst 25 Jahre alt, wurde zuletzt drei Mal en suite zum besten Fußballer der Welt gewählt. Mit dem Nationalteam wurde er Olympiasieger und Zweiter bei der
Copa America. Bei der WM schied er zwei Mal im Viertelfinale aus, jeweils gegen
Deutschland.
Messi konnte im Team nie jene Vorstellungen zeigen, die ihn bei
Barcelona zum Superstar werden ließen.
Jüngst nährte er aber die Hoffnungen, dass auch er das Team zu großen Titeln führen könnte: Beim 4:0 gegen Ekuador war er an allen Toren beteiligt. Und beim 4:3-Testspielsieg gegen den Erzrivalen aus Brasilien erzielte er drei Treffer.
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