Löw: "Dann wäre ich DSV-Leoben-Trainer"

Joachim Löw bespricht sich mit der deutschen Nationalmannschaft auf dem Trainingsplatz.
Der deutsche Bundestrainer vor dem Spiel gegen Portugal über den Rauswurf bei der Austria und die ungenießbare EM.

Joachim Löw startet mit der deutschen Nationalmannschaft am Samstag gegen Portugal (20.45 Uhr, live in ORF eins) die Mission EM-Titel. Der Aufstieg des 52-Jährigen zum beliebten Bundestrainer ist eng mit Österreich verbunden. 2004 wurde Löw bei der Austria entlassen, obwohl er mit dem Klub auf Rang eins gelegen war. Für Löw wurde der Rauswurf zum Glücksfall: Jürgen Klinsmann bestellte ihn zum Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft, 2006 löste Löw Klinsmann als Bundestrainer ab.

KURIER: Herr Löw, haben Sie sich je Gedanken darüber gemacht, wie Ihre Karriere verlaufen wäre, hätte Sie Frank Stronach 2004 bei der Austria nicht rausgeworfen?
Joachim Löw: Dann wäre ich heute höchstwahrscheinlich nicht hier bei der EM. Jedenfalls nicht als Bundestrainer. Wenn ich bei der Austria nicht entlassen worden wäre, dann hätte mich Jürgen Klinsmann nicht zum DFB geholt. Und wenn mich Jürgen nicht geholt hätte, wäre ich heute nicht Bundestrainer, sondern vielleicht Trainer beim DSV Leoben.

Insofern müssten Sie Frank Stronach ja eigentlich sogar dankbar sein, oder?
Nein, nein, in erster Linie muss ich Jürgen Klinsmann Danke sagen. Das war einfach eine glückliche Konstellation. Interessant, wie Karrieren manchmal verlaufen. Bei meinem Beginn ist es ähnlich schnell gegangen.

Erzählen Sie.
Ich war damals Spielertrainer in der Schweiz beim FC Frauenfeld, und diese Rolle hat mich völlig ausgefüllt. Es war meine erste Station, und zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir überhaupt nichts anderes vorstellen. Ich wollte eigentlich gar nicht weg.

Und dann bestellte Sie Rolf Fringer zu seinem Co-Trainer beim VfB Stuttgart.
Er musste mich erst überreden, dorthin zu gehen. Und nach einem Jahr war ich auf einmal Cheftrainer beim VfB Stuttgart. Ich bin damals richtig ins kalte Wasser geworfen worden, ich hatte noch keine Erfahrung und – ehrlich gesagt – auch noch nicht die richtige Qualität als Trainer. Meine Planung hatte nämlich anders ausgeschaut: Ich wollte eigentlich von der Pike auf nach oben kommen, in Ruhe. Beim Nationalteam verlief es im Grunde genommen ähnlich. Nach zwei Jahren war ich auf einmal Bundestrainer.

Und jetzt gehen Sie bereits in Ihr drittes Turnier. Sind Sie heute gelassener als bei Ihrem EM-Debüt 2008?
Schwer zu sagen. Möglicherweise war bei mir bei der Vorbereitung auf die EM 2008 noch eine gewisse Ungewissheit vorhanden. Mir hat damals einfach die Turniererfahrung gefehlt: Welche Reize müssen gesetzt werden, welche Problematiken können entstehen, und, und, und. Heute gehe ich sicher gelassener ins Turnier.

Joachim Löw, der ehemalige Trainer der deutschen Nationalmannschaft, gestikuliert.

Apropos gelassen: Vor der EURO mussten Sie wie vor jedem Turnier einige Spieler aus Ihrem Kader streichen. Wie schwer fallen Ihnen solche Entscheidungen?
Das tut mir manchmal menschlich ein Stück weit richtig weh. Ich sehe die Spieler tagelang im Trainingslager, ich beobachte, wie sie mit Leidenschaft bei der Sache sind, sich einbringen und für einen Startplatz kämpfen. Und dann kommt der Tag X, an dem ich ihnen sagen muss, dass sie diesmal nicht dabei sind.

Haben Sie für diese Situation ein Patentrezept?
Dafür gibt es kein Patentrezept. Ich verstehe, dass für manchen Spieler in diesem Moment möglicherweise eine kleine Welt zusammenbricht. Manche nehmen das cool, aber es gibt auch Spieler, die diese Entscheidung schwer verkraften können und daran zerbrechen.

Wie suchen Sie überhaupt Ihre Teamspieler aus? Der ehemalige österreichische Teamchef Josef Hickersberger wurde kritisiert, weil er erklärt hatte: Nicht die besten müssten spielen, sondern die richtigen.
Josef Hickersberger hat zu hundert Prozent recht. Bei einem Mannschaftssport wie Fußball unterliegt alles dem Teamgedanken. Natürlich gibt es auch von unserer Seite für jede Position Anforderungsprofile, und wir überlegen uns ganz genau, wer unsere Vorstellungen am besten umsetzen kann.

Mit welchem Ergebnis?
Nicht die elf spektakulärsten oder besten Spieler werden auf dem Feld stehen, sondern jene elf Spieler, die ein optimales Mannschaftsgefüge ergeben. Das ist heute ein wesentliches Kriterium im modernen Fußball.

Haben es also Exzentriker immer schwerer?
Das hängt davon ab, welche Prioritäten und Vorstellungen ein Trainer hat. Ich vertrete die Meinung, dass Egoisten im Fußball zunehmend fehl am Platz sind. Die mannschaftliche Geschlossenheit tritt mehr und mehr in den Vordergrund. Teamgeist und Verlässlichkeit auf dem Platz sind wichtiger als jene Zeitgenossen, die sich durch ihre Spiel- und Verhaltensweise nur selbst in den Mittelpunkt stellen wollen. Überhaupt bei einem Turnier, das einige Wochen dauert.

Inwiefern?
Eine Mannschaft braucht bei einem langen Turnier auch Energiegeber und Spieler mit einer hohen Frusttoleranz. Spieler, die auch dann noch positive Stimmung erzeugen, wenn sie einmal nicht zum Einsatz kommen. Diejenigen, die keine Energie an die Mannschaft weitergeben, sondern durch egoistische und eigenwillige Aktionen nur für Unruhe sorgen, sind nicht unbedingt gefragt.

Dafür ist der deutsche Fußball umso mehr gefragt. Sind Sie stolz auf den Imagewandel, den die deutsche Nationalmannschaft in den letzten Jahren vollzogen hat?
Das war mir schon ein großes Anliegen, dass die Fans sagen: "Wir sind stolz darauf, wie ihr spielt." Ich wollte immer, dass sich unser Team über Spielkultur definiert und nicht allein über den Kampf. Es geht darum, bei den Menschen positive Emotionen zu wecken. Und wenn die Leute auf die Straße gehen und feiern, dann ist das für mich auch ein ganz wichtiger Erfolg.

Da kommt der Ästhet in Ihnen durch, oder?
Ich komm` einfach nicht aus meiner Haut raus. Natürlich war Deutschland immer gefürchtet, jeder kannte diesen Begriff der Turniermannschaft. Aber seien wir ehrlich: Diese Spielweise hat manchmal niemanden vom Sitz gerissen. Deshalb empfinde ich schon eine gewisse Freude, dass wir als deutsche Mannschaft mittlerweile spielerische Akzente setzen und mit den weltbesten Teams mithalten können. Das ständige Gerede von Moral und den deutschen Tugenden ist überflüssig.

Warum?
Weil es in meinen Augen der falsche Ansatz ist. Leidenschaft, Kampf, natürlich gehört das zum Einmaleins des Fußballs, aber darüber will ich nicht ständig kommunizieren müssen. Für mich ist darüber hinaus das Entscheidende: Wir wollen modern und attraktiv spielen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn nur so kann man im heutigen Fußball langfristig erfolgreich sein.

Heißt das, ein Europameister, der wie die Griechen 2004 das Heil in der Defensive sucht, wäre 2012 nicht mehr möglich?
Dass das überhaupt nicht mehr passieren kann, will ich jetzt nicht behaupten. Dafür gibt es im Fußball zu viele Unwägbarkeiten. Jeder hat die Champions League gesehen: Man kann jetzt nicht sagen, dass der Stil von Chelsea modern ist. Es wird immer wieder einmal Teams geben, die mit defensivem, vielleicht sogar destruktivem Fußball etwas Großes erreichen. Allerdings ...

Joachim Löw, der ehemalige Trainer der deutschen Nationalmannschaft, dehnt sich auf dem Rasen.

Allerdings ...?
Allerdings glaube ich, dass diese Zeit mehr und mehr vorbei ist. Nur jene Mannschaften, die Fußball spielen können und agieren, sind in der Lage, dauerhaft um Titel zu spielen und einen guten Eindruck zu hinterlassen. Abwarten und nur reagieren – damit hast du heute praktisch keine Chance mehr. Der Fußball ist schnell, es geht hin und her. Die Worte Defensiv und Offensiv sind fast schon überholt, wichtig ist vielmehr, dass jeder schnell umschalten kann.

Seinen Sie ehrlich: Könnten Sie sich wirklich nicht freuen, falls Deutschland auf destruktive und glückliche Art und Weise den EM-Titel holen würde?
Sagen wir einmal so: Bei einem Turnier herrschen natürlich andere Gesetze. Da gibt es keinen Schönheitspreis. Nehmen wir zum Beispiel das EM-Semifinale 2008 gegen die Türkei.

Deutschland ist durch einen Treffer von Philipp Lahm ins Finale eingezogen.
Richtig. Wir waren damals sicher nicht unbedingt die bessere und überzeugendere Mannschaft, aber wir sind weitergekommen. Kurzfristig freue ich mich da schon, aber ich muss als Trainer immer weiterschauen. Und da gab es in der Vergangenheit auch Siege, die mich nicht richtig stolz gemacht haben.

Wie erleben Sie überhaupt so ein Turnier? Verspüren Sie Stress, Nervosität – oder können Sie eine EM genießen?
Richtig genießen kann ich nur die Vorbereitung. Denn da habe ich die Gelegenheit, einmal in einer gewissen Ruhe mit der Mannschaft zu arbeiten. Das ist der Trainer in mir, wenn ich auf dem Platz stehen kann, dann bin ich in meinem Element. Ich würde sogar sagen, dass ich während der Vorbereitung auf ein Turnier richtig tiefenentspannt bin.

Und wie ist es um Ihre Gemütslage während einer EM oder WM bestellt?
Ganz ehrlich: Das Turnier selbst kann ich nicht richtig genießen. Es ist jetzt zwar nicht so, dass mich das belasten würde, oder dass ich Angst hätte. Aber ich befinde mich da irgendwie wochenlang in einem Tunnel, in dem ich meine Emotionen für mich behalte. Und das ist auch gut so.

Wieso das?
Ich darf einerseits nicht in völlige Euphorie verfallen, wenn wir gut gespielt haben. Andererseits darf ich nach einer Niederlage auch nicht zu pessimistisch sein. Trotzdem bin ich in diesen Stresssituationen relativ ruhig, bin extrem fokussiert und in diesen Wochen für Leute von außen kaum ansprechbar.

Klingt nach einer Extrembelastung für den Geist.
Du kannst dir während eines Turniers auch kaum Freiheiten nehmen. Einmal einen halben Tag Auszeit, in Ruhe Kaffee trinken gehen – das gibt es nicht. Weil du von morgens bis abends beschäftigt bist, mit Analysen, mit Gesprächen, und, und, und. Auf Dauer wäre das keine Lebensqualität.

Fallen Sie dann irgendwann einmal in ein Loch?
Klar. Nach dem Turnier irgendwann. Während eines Turniers freue ich mich ja, dass wir gegen Portugal spielen, gegen Holland, das ist brisant, das ist superschön. Aber nach dem Turnier merke ich erst, wie brutal anstrengend das Ganze ist. Sieben Wochen am Stück, den ganzen Tag nur an Fußball denken, an die Mannschaft. Irgendwann kommt dann zwangsläufig ein emotionaler Abfall, eine gewisse Form der Leere.

Der Tribut, den der Traumjob Bundestrainer fordert?
Es gibt wie überall Vor- und Nachteile. Ich hatte jetzt die Chance, bei mehreren Turnieren als Bundestrainer dabei sein zu dürfen. Das ist schon ein Highlight. Jeder Trainer wünscht sich, so etwas zu erleben. Auf der anderen Seite bringt so ein Job natürlich auch Nachteile mit sich. Aber die hat der Trainer des FC Bayern genauso.

Welche Begleiterscheinungen meinen Sie?

Ich würde mir manchmal mehr Privatsphäre wünschen und ein wenig mehr Freiraum. Manchmal wäre es auch schön, wenn nicht so viele Leute mein Gesicht kennen würden. Aber das ist nun einmal nicht mehr möglich, ich kann das Rad nicht zurückdrehen.

Hat das Amt als Bundestrainer Sie denn verändert?
In meiner Persönlichkeit habe ich mich nicht verändert, aber natürlich in meiner Verhaltensweise. Menschen, die mir nahestehen, sagen manchmal zu mir: „Du bist distanzierter geworden.“ Ich ziehe mich heute sicher mehr zurück als früher.

Wie geht`s Ihnen überhaupt dabei, wenn ständig Fotoapparate und Handykameras auf Sie gerichtet sind?
Es gibt Tage, da nervt es mich. Vor allem, wenn mich Leute ungefragt fotografieren. An anderen Tagen kriege ich dann gar nicht mit, wenn ich fotografiert werde. Bei einem Glas Rotwein etwa, oder früher, wenn ich geraucht habe.

Ihrer Popularität scheinen Zigaretten und Rotwein nicht geschadet zu haben. Sie zählen neben Showmaster Günther Jauch und Altkanzler Helmut Schmidt zu den beliebtesten Deutschen.
Der Unterschied ist nur, dass die beiden in dieser Kategorie bleiben. Bei einem Trainer ist die Fallhöhe größer, denn wir sind stark erfolgsabhängig. Das kann ich schon einschätzen. Beliebtheit ist keine Kategorie, die im Sport zählt. Mir ist klar, wie schnell sich das ändern kann.

Apropos ändern: Werden Sie beim DFB in Pension gehen oder reizt Sie irgendwann noch einmal der Job als Vereinstrainer?
Irgendwann will ich mit Sicherheit noch einmal einen Verein trainieren und täglich auf dem Platz stehen. Ich glaube nicht, dass ich bis zu meiner Pensionierung Bundestrainer sein werde.

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