Koller und die Neidgenossen

Koller und die Neidgenossen
Der neue Teamchef polarisiert. Marcel Koller muss Ergebnisse liefern, damit ihn Fußball-Österreich liebt.

Marcel Koller hat sich schnell angepasst. Kaum war der Schweizer als österreichischer Teamchef angelobt, da lachte schon das ÖFB-Logo groß von seiner Homepage (www.marcelkoller.ch).

Am Mittwoch, vor seinem abendlichen Rückflug nach Zürich, stand der 50-Jährige, der erst am 1. November offiziell sein Amt übernehmen wird, am Rande des Rapid-Trainingsplatzes, um mit dem Kollegen Peter Schöttel Kontakt aufzunehmen. "Ich nutze die Zeit. Das ist sinnvoller, als am Flughafen die Zeit totzuschlagen", meinte Koller.

Noch schneller waren nur die szenekundigen Kritiker mit ihrem vernichtenden Urteil über den 50-jährigen Mann aus Zürich. Selten hatte ein österreichischer Teamchef so wenig Kredit wie Marcel Koller. Experten wie Herbert Prohaska machen erst gar kein Hehl daraus, dass sie Koller für eine Fehlbesetzung halten und lieber einen Österreicher im Amt gesehen hätten. Der Blick durch die rot-weiß-rote Brille lässt freilich die nackten Fakten verschwimmen.

Der Vergleich macht sicher, hier die Nummer 77 der FIFA-Rangliste, dort die aktuelle Nummer 18. Tatsächlich sind die Österreicher in Sachen Fußball für die Eidgenossen längst zu Neidgenossen geworden. Die Schweiz ist im internationalen Fußball wer, der Schweizer Fußball steht für Erfolg und einen kontinuierlichen Aufwärtstrend. 1:0 für Koller.

Tatsachen

Koller und die Neidgenossen

Seit 2004 war die Nationalmannschaft bei jedem Großereignis dabei - Österreich nur 2008, und das ohne Eigenverschulden. Die Schweiz hat einen Vertreter in der Champions League (FC Basel) - Österreich nicht. Die Schweiz war in den vergangenen drei Jahren mit drei Trainern in der deutschen Bundesliga vertreten (Koller, Gross, Favre) - österreichische Trainer sind international erst gar nicht gefragt, wie selbst Sportdirektor und Interimsteamchef Willibald Ruttensteiner zugibt: "Österreichische Trainer machen auf sich im Ausland nur aufmerksam, wenn sie einen Klub in die Champions League oder das Team zu einem Großereignis bringen. Dann gelingt der Sprung über die Grenzen aber sehr wohl."

Mit Abstrichen werden noch Erfolge im Nachwuchs international registriert. Gute Arbeit bei einem Verein in der heimischen Liga allein reicht aber bei Weitem nicht aus, um sich in großen Fußball-Nationen einen Namen zu machen.

Aufgaben

Ist es also wirklich so abwegig, einen Trainer aus diesem Fußballland zu engagieren, das Österreich trotz gleicher Möglichkeiten um Welten voraus ist? In der Schweiz traut man dem 50-Jährigen mehr zu. "Ist Koller die richtige Wahl für Österreich", fragte die Neue Zürcher Zeitung ihre Leser. Eindeutiges Votum: 72 Prozent begrüßten die Entscheidung des ÖFB.

Was also muss Marcel Koller tun, um die österreichischen Fußball-Fans auf seine Seite zu bekommen?

Arbeiter

Der Schweizer gilt als akribischer Arbeiter mit klarer Linie, was ihm hierzulande sicher Applaus einbringen kann. Ende nächste Woche möchte er zwei Deutschland-Legionäre beobachten. Schon am Mittwoch wird er in Zürich das U-18-Länderspiel Schweiz gegen Österreich beobachten. Auch zwei Trainerkurse in der Schweiz stehen auf dem Programm.

Akzeptiert und forciert er die Strukturen des österreichischen Fußballverbandes, bleibt er aber beim A-Team dennoch sein eigener Herr, dann wird ihn die Öffentlichkeit als kompetenten Mann mit Durchsetzungsvermögen wahrnehmen. Ergebnisse - in weiterer Folge die Qualifikation für die WM 2014 - wird er dennoch vorlegen müssen, um die Gunst des Publikums zu erlangen. Koller weiß das: "Irgendwie war klar, dass es Aufregung gibt, wenn ein Schweizer jetzt in Österreich Teamchef wird." Zu den Kritikern: "Das lässt mich relativ kalt. Ich weiß schließlich, was ich kann."

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